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Kreis Pinneberg : Hunderte Menschen ohne Wohnung

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Im Kreis Pinneberg sind etwa 400 Menschen wohnungslos. Ein Betroffener erzählt, wie er sein Zuhause und seinen Mut verlor.

Pinneberg | Wenn Manfred Schmidt (Name von der Redaktion geändert) sich heute erinnert, dann findet er diese Worte: „Ich war seelisch aus dem Kurs geraten.“ Er habe Selbstmordgedanken gehabt, die Post nicht mehr geöffnet. Rückblick: Schmidt ist selbstständig. Doch die Firma geht pleite – und damit ändert sich alles. Er zieht sich in seine Eigentumswohnung zurück, verliert den Lebensmut. Die Probleme wachsen ihm über den Kopf. Er kann Kredite nicht bedienen. Eines Morgens stehen die Gerichtsvollzieher vor der Tür. Zwangsräumung. Schmidt verliert seine Wohnung und damit sein Zuhause.

Dieses Schicksal ereilte im Jahr 2012 laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohungslosenhilfe 25.000 Menschen in Deutschland. Sie wurden aus ihrer Wohnung zwangsverwiesen. Insgesamt hatten 284.000 Menschen kein festes Dach über dem Kopf. Am heutigen Tag der Wohnungslosen soll auf das Problem aufmerksam gemacht werden. Im Kreis Pinneberg sind nach Angaben der Sozialen Wohnraumhilfe und Beratungsstelle für Wohnungslose in Pinneberg etwa 400 Menschen wohnungslos. „Wir gehen davon aus, dass etwa 20 obdachlos sind“, sagt Antje Mause von der Beratungsstelle. Der Rest ist folglich in Unterkünften untergebracht, die die Kommunen bereitstellen müssen. Manfred Schmidt landet nicht auf der Straße. Der Gerichtsvollzieher benachrichtigt das Ordnungsamt, das ihn in einer Wohnung unterbringt. Er versucht zunächst, über die damalige Arge Geld zu bekommen. Das Verfahren gestaltet sich schwierig. „Ich war außer Stande zu kämpfen“, sagt er.

Antje Mause und ihre Kollegin Christa Hausmann von der Pinneberger Wohnraumhilfe kennen diesen Zustand nur zu genau. Die beiden Frauen sitzen im Flur des Gebäudes an der Bahnhofstraße, in dem die Einrichtung der Diakonie untergebracht ist. Mause ist gemeinsam mit ihrem Kollegen Peter Diekmann für den gesamten Kreis zuständig. Wer zu ihnen kommt, dem droht der Verlust der Wohnung, oder es ist bereits zu spät.

Im vergangenen Jahr nahmen 202 Menschen die Hilfe der Einrichtung in Anspruch. „Wenn eine Räumungsklage droht, werden wir von der Stadt informiert und versuchen, auf die Betroffenen zuzugehen“, sagt Hausmann, die für Pinneberg zuständig ist. Sie sagt, in der Hälfte der Fälle kann ein Verlust des Heims verhindert werden. Mause betreut viele, die wohnunglos sind. „Es kann ein Teufelskreis sein“, sagt sie.

Zu ihr kämen Menschen mit Suchtproblemen oder Erkrankungen. „Manche schaffen es nicht einmal, ihre Unterlagen abzuheften.“ Hinzu kämen Geldsorgen. „Einige Klienten öffnen ihre Post nicht mehr, weil sie ihr Schuldenberg erdrückt“, so Mause. „Eher weniger als mehr schaffen es da wieder raus“, sagt sie. Denn die Klienten müssen zunächst die persönlichen Probleme in den Griff bekommen. Ein schwieriger Prozess.

Hamburger Zustände im Kreis Pinneberg

Im Kreis Pinneberg sind  laut Sozialer Wohnraumhilfe und Beratungsstelle für Wohnungslose der Diakonie in Pinneberg etwa 400 Menschen wohnungslos. „Wir gehen von etwa 20 Menschen aus, die obdachlos sind“, sagt Antje Mause, die in der Einrichtung an der Bahnhofstraße gemeinsam mit Peter Diekmann für den gesamten Kreis Pinneberg zuständig ist. Wer seine Wohnung verliert, wird für zunächst sechs Monate in Notunterkünften der Kommunen untergebracht. „Im Sinne des Ordnungsrechts muss jeder Unterkunft erhalten“, sagt Christa Hausmann, zuständig für die Stadt Pinneberg. Das Ordnungsamt verlange Nachweise für die Wohnungssuche.
Doch bezahlbarer Wohnraum ist knapp. „Wir haben hier Hamburger Verhältnisse“, so Hausmann. Im Speckgürtel der Metropole steigen die Mieten rasant. „Es ist schwer, Wohnungen zu bekommen, wo die Mietobergrenzen eingehalten werden können“, sagt Hausmann. Für jene, die Sozialleistungen beziehen, liegt diese beispielsweise in Pinneberg, Schenefeld und Wedel in einer bis zu 50 Quadratmeter großen Wohnung bei 396 Euro. „Unsere Klienten können kaum auf dem Land wohnen, da sie zu uns kommen müssen, unter Umständen eine Therapie machen und nicht viel Geld für die Fahrten übrig haben“, so Mause.
Aber nicht nur die Wohnungssuche gestaltet sich schwierig, Probleme gebe es bereits bei der Unterbringung von Wohnungslosen. „In Pinneberg haben wir gar nicht so viele Kapazitäten wie Menschen, die eine Bleibe suchen“, sagt Hausmann. Auch die Zahl der Asylbewerber steigt.
Hinzu kämen zu wenige Notunterkünfte für die Wintermonate. In Elmshorn gibt es laut Diekmann vier Betten für Männer und einen eigenen Raum für Frauen mit zwei Betten. Wer indes in Pinneberg eine kurzfristige Bleibe sucht, dem stehen sechs Schlafplätze zur Verfügung – allerdings nicht für Frauen. Diese werden bei Bedarf anderweitig untergebracht. „Die Plätze in Elmshorn sind in der Regel voll belegt“, gibt Diekmann zu bedenken.

Manfred Schmidt kann das Entgelt für die Obdachlosenunterkunft nicht bezahlen. „Wenn einem sowieso alles egal ist, kommt man auf dumme Gedanken“, sagt er. Schmidt fängt an zu klauen. Er sammelt Flaschen, um wenigstens etwas Geld zu haben. „Aber mehr als 150 Euro hatte ich monatlich nicht“, erinnert er sich.

In Hamburg liegt mehr Pfand herum, also fährt er in die Hansestadt. Er wird in der S-Bahn beim Schwarzfahren erwischt – und landet nach zahlreichen Delikten schließlich im Gefängnis. Sechs Monate sitzt er ein. Aber dort verändert sich etwas bei ihm. „Im Knast habe ich die Kurve gekriegt.“ Er arbeitet hinter Gittern, faltet Tüten. Deshalb hat er ein wenig Geld gespart, als er rauskommt. Er sucht erneut die Arge auf, die inzwischen Jobcenter heißt. Diesmal trifft er auf die Hilfe, die er sich erhofft hatte. Zudem wendet er sich an Peter Diekmann von der Beratungsstelle für Wohnungslose. Der hilft ihm schließlich, eine neue Wohnung zu finden, in der Schmidt seit vergangenem Jahr lebt.

Wenn Diekmann von Schmidt erzählt, dann leuchten seine Augen. Er wirkt stolz – dass Schmidt es geschafft hat. Der ist indes froh darüber, dass er Unterstützung hatte. „Ich fühlte mich vollkommen alleine und freue mich, dass es Leute und Institutionen gibt, die mir geholfen haben.“

Da es keine bundesweit einheitliche Statistik gibt, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) die Zahlen. Demnach waren 2012 bundesweit 284.000 Menschen wohnungslos. Die BAGW prognostiziert für 2016 einen  Anstieg um etwa 30 Prozent auf 380.000 Menschen. Laut der BAGW nimmt die Straßenobdachlosigkeit ebenfalls zu. Die Zahl stieg von etwa 22.000 (2010) auf etwa 24.000 im Jahr 2012.
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erstellt am 11.Sep.2014 | 12:00 Uhr

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