Mit Kommentar : Höhere Beanspruchung: Kinderarztpraxis in Tornesch schlägt Alarm

Die Kinderärztin Daniela Leiser (Zweite von rechts vorne) kämpft mit ihrem Praxisteam und einer Unterschriftenaktion für die Schaffung einer weiteren Kinderarztstelle, um den in Tornesch stark gestiegenen Versorgungsbedarf decken zu können.
Die Kinderärztin Daniela Leiser (Zweite von rechts vorne) kämpft mit ihrem Praxisteam und einer Unterschriftenaktion für die Schaffung einer weiteren Kinderarztstelle, um den in Tornesch stark gestiegenen Versorgungsbedarf decken zu können.

Im Kreis Pinneberg ist die Belastung der Praxen unterschiedlich: Unterschriftenaktion in Tornesch, Gelassenheit in Elmshorn.

shz.de von
20. Juli 2018, 14:01 Uhr

Volle Wartezimmer in Kinderarztpraxen und monatelanges Warten auf Untersuchungstermine: Der Mangel an Kinder- und Jugendärzten und deren Überlastung wird deutschlandweit spürbar. Auch die Tornescher Kinder- und Jugendärztin Daniela Leiser und ihr Praxisorganisationsteam schlagen Alarm. „Wir arbeiten hier am Limit, können  keine kurzfristigen Termine für Vorsorgeuntersuchungen vergeben und nur noch Geschwisterkinder von Patienten aus dem Umland aufnehmen. Im ersten Quartal 2018 hatten wir 1517 Patienten“, so Leiser. Sie und ihr Team haben im Frühjahr eine  Unterschriftenaktion zur „Schaffung einer weiteren Kinderarztstelle in der näheren Umgebung von Tornesch“ gestartet. 400 Unterstützer haben sich bereits eingetragen.

Mehr Vorsorgeuntersuchungen und teils unnötige Arztbesuche: Die Belastung für Kinderärzte hat  zugenommen.
Keystone

Mehr Vorsorgeuntersuchungen und teils unnötige Arztbesuche: Die Belastung für Kinderärzte hat  zugenommen.

 

Die Unterschriften sollen an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein weitergeleitet werden, denn die ist für die Sicherstellung der ambulanten ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung anhand der Bedarfsplanung des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen zuständig. Laut KV Schleswig-Holstein gibt es jedoch keine Unterversorgung im Kreis Pinneberg mit 20,5 Kinderarztstellen und einer Versorgungsquote von 170 Prozent für 52730 Kinder im Alter von Null bis 18 Jahren (Stand: April 2018).

Gestiegene Beanspruchung

Die Tornescher Kinderärztin ist mit weiteren vier Kinderarztpraxen der Region in einem Vertretungsverbund, zu dem neben dem Uetersener Kinderarzt Eckehard Kühn auch die drei Elmshorner Praxen gehören. So auch die von Axel Markwardt. Er betreibt seine Praxis auf Vormstegen seit 27 Jahren und bestätigt ebenfalls eine insgesamt gestiegene Beanspruchung. Das bestätigt auch Kühn. Bei ihm gibt es aber keinen Aufnahmestopp und längere Wartezeiten nur in der Grippezeit.

„In Elmshorn haben wir diese Probleme nicht wie in Tornesch. Hier gibt es drei Praxen. Damit  kommen wir zurecht“, sagt Markwardt. Er kann die Probleme seiner Kollegin aber nachvollziehen. Durch den Vertretungsverbund sei für die Eltern allerdings gewährleistet, dass  tagsüber immer mindestens einer der Ärzte zu erreichen sei. „Kein Notfall wird abgewiesen“, betont Markwardt. Laut ihm liegt der Schnitt der durch einen Arzt zu betreuenden Kinder in Schleswig-Holstein bei 1200. Markwardt selbst betreut 2000. „Das schaffe ich durch die gute Organisation meines Teams“, betont er.

Insgesamt habe die Beanspruchung der Kinderärzte zugenommen, sagt Markwardt. „Es gibt mehr Vorsorgeuntersuchungen und die Eltern suchen auch bei kleinen Problemen häufiger den Arzt auf als früher. Das meine ich völlig wertfrei. Auch eine Nichtdiagnose ist etwas Gutes, wenn die Eltern dann wieder beruhigt sind.“ Aus seiner Sicht seien die Praxen vor allem während der Infektionszeit im Winter voll. „Aber auch das ist zu schaffen, meist nur mit geringen Wartezeiten im Wartezimmer“, betont der erfahrene Mediziner. Er selbst hat einen Aufnahmestopp für zugezogene Kinder verhängt. „Diese verweise ich an meine beiden Elmshorner Kollegen. Die haben Kapazitäten. Neugeborene nehme ich weiterhin auf.“

Von 800 auf fast 1600 Patienten in fünf Jahren

Daniela Leiser hat die Kinderarztpraxis von Ursula Brodel im Ärztehaus an der Tornescher Wilhelmstraße vor fünf Jahren übernommen. Die niedergelassene Ärztin und ihr Team betreuten anfangs im Quartal 800 kleine Patienten. Die Zahl hat sich innerhalb von fünf Jahren fast verdoppelt. Im ersten Quartal dieses  Jahres  waren es 1517 Kinder. „Tornesch hat in den vergangenen Jahren einen starken  Bevölkerungszuwachs mit jungen Familien verzeichnet. Das spüren wir im Praxisalltag. An manchen Tagen im vergangenen Winter hatten wir 120  Kinder zu versorgen. Wir möchten nicht wie am Fließband und in Massenabfertigung arbeiten“, betont  Leiser.

Die Auswirkungen der Belastung hat unter anderem  Janina Lück zu spüren bekommen. Die Mutter von vier Kindern  hatte im Mai für ihre jüngste Tochter eine U9-Vorsorgeuntersuchung in Tornesch.  Den bereits ein halbes Jahr vorher vereinbarten  Termin für den sich anschließenden zweiten Teil der Untersuchung konnte sie jedoch nicht wahrnehmen.  Einen neuen  Termin hat die 41-Jährige dann erst für  September bekommen. Sie hat über Facebook das Thema öffentlich gemacht. „Dieses kleine Team mit einer einzigen Kinderärztin ist nicht mehr in der Lage, diese Flut zu  bewältigen und auch Alternativen in Uetersen, Elmshorn und Co. nehmen ungern neue Patienten aus Tornesch an, da selbst eine enorme Auslastung besteht“, schreibt  Lück.

Engpässe in Schenefeld und Quickborn

Nach Recherchen von shz.de ist es neben dem Uetersener Arzt und den Elmshorner Praxen auch für Pinneberger Kinderärzte kein Problem, neue Patienten aufzunehmen. Gleiches bestätigen auch die vier Kinderärzte der Gemeinschaftspraxis am Wedeler Rosengarten. Engpässe wie in Tornesch gibt es ansonsten noch bei der Gemeinschaftspraxis Seiler und Görges in Schenefeld und der Quickborner Kinderarztpraxis Dr. Jörg Benzig.  Benzig führt die Praxis mit angestellten Kollegen und würde gern einen weiteren Facharzt einstellen. Das scheitere bislang an der KV, die keinen weiteren Sitz bewillige.

Eltern, entspannt euch

Ein Kommentar von Jan Schönstedt

Der Aufschrei der Ärztin ist nachvollziehbar. Ihre persönliche Belastung ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Der Aufschrei der Eltern, die sich auf Facebook Luft verschaffen und auf der Liste unterschreiben, ist hingegen nicht nachvollziehbar. Die Versorgung mit Kinderärzten im Kreis Pinneberg ist allgemein ausreichend. Das sieht die Kassenärztliche Vereinigung so. Und das bestätigen auf Nachfrage auch viele Kinderärzte in der Region. Tornesch ist zwar eine stark wachsende Stadt. Sie  liegt jedoch äußerst zentral – Ärzte in Uetersen, Elmshorn und Pinneberg mit Kapazitäten für neue Patienten sind gut erreichbar.

Es gibt allerdings noch einen anderen Grund für die Probleme: Denn die Belastung der Kinderärzte hat in den vergangenen Jahren nicht nur wegen zusätzlicher Vorsorgeuntersuchungen zugenommen. Auch das Verhalten vieler Eltern ist anders geworden. Gefühlt wird mit jedem Schnupfen ein Arzt aufgesucht. Gern ohne Anmeldung, quasi als Notfall. So ist keine Planung für die Praxen möglich. Dieses Verhalten müssen die Eltern überdenken. Mit einem Anruf vorab in der Praxis lassen sich Wartezeiten meist minimieren oder ein Besuch des Arztes sogar ganz vermeiden. Ich weiß wovon ich spreche: Ich habe zwei kleine Kinder, lebe in Tornesch und der Kinderarzt ist in Elmshorn.

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