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Neid, Scham und Vorurteile : Hochbegabung - das missverstandene Phänomen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Phänomen ist zwar inzwischen in aller Munde, wird aber in der Gesellschaft noch immer missverstanden.

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2017 | 10:00 Uhr

Wedel | Die wenigsten würden bei Begriffen wie Neid, Scham und Vorurteilen ausgerechnet an Hochbegabung denken. Tatsächlich sind dies aber Themen, die viele Betroffene beschäftigen. Das macht Ute Sleebom – Heilpraktikerin, ehrenamtliche Beraterin bei der „Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind“ (DGhK) in Wedel und selbst Mutter dreier Kindern von denen einem eine Hochbegabung attestiert wurde – deutlich.

Bei Sleebom klingelten die Alarmglocken als ihr Sohn schon in den ersten Grundschulklassen zurückversetzt werden sollte. „Es passte nicht zum ihm“, erinnert sich die Mutter. Durch eine Freundin kam sie auf das Thema Hochbegabung und ließ den Sohn offiziell testen. Ergebnis: Hochbegabt. „In der Schule hat sich aber eigentlich gar nichts geändert“, berichtet Sleebom, deren Sohn auf diese Weise das Lernen so verleidet wurde, dass er in der vierten Klasse die Schule komplett verweigerte. Die Hochbegabung wurde in diesem Fall eher ein Hindernis, Freude am Lernen zu behalten. „Menschen müssen ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden“, erläutert Sleebom. Lange Zeit sei individuelles Lerntempo an Schulen vernachlässigt worden, meint Sleebom. „Die Kinder mussten sich der Schule anpassen und auf deren Niveau einpendeln,“, sagt sie. „Über- und Unterforderung sind gleichermaßen zu vermeiden,“ erläutert sie. Dauerhafte Unterforderung führe genauso zu psychischen Problemen, Frustration und Resignation wie das Gegenteil. „Die Gesellschaft fokussiert sich aber eher auf vorhandene Defizite“, meint Sleebom. „Auf den Umgang mit einem Überschuss ist sie nicht vorbereitet.“

Bei der Hochbegabtenförderung an Schulen gehe es nach Sleeboms Erfahrungen oft eher darum, Eliten zu produzieren, die das Renommee der Bildungsanstalt anheben sollen. „Das funktioniert aber so nicht“, weiß Sleebom. Solche Diskurse förderten eher den durchaus vorhandenen Neid der Mitschüler oder deren Eltern, die den elitär anmutenden Hochbegabten argwöhnisch beobachten. „Eliten zu erzeugen ist nicht der Sinn von Hochbegabtenförderung“, sagt Sleebom. Vielmehr gehe es darum, auch diesen Kindern in ihrer Individualität gerecht zu werden, und es ihnen so zu ermöglichen, den Spaß am lernen zu behalten. „Sie dürfen nicht immer gebremst werden. Sie brauchen auch Betätigungsfelder, auf denen sie gefordert werden und sich entfalten können, wie es ihren Bedürfnissen entspricht“. Durch die Hochbegabtenförderung solle verhindert werden, dass Kinder durch Resignation und Frust scheitern und von der Gesellschaft abgehängt werden oder gar psychische Erkrankungen entwickeln. Nur solch problematische Fälle landen am Ende zur Beratung bei Sleebom. „Hochbegabungen werden keineswegs immer entdeckt und viele finden allein ihren Lebensweg“, erläutert Sleebom. Beruflich erfolgreich seien nach Sleeboms Erfahrung Hochbegabte keineswegs häufiger, als Normalbegabte. „Es geht erstmal darum, einen Job zu finden, in dem jemand glücklich ist, um nichts mehr“, räumt Sleebom mit einer oft missverstanden Förderung auf.

Hochbegabung sei auch keineswegs nur auf das knobelnde Mathegenie beschränkt – sie betreffe ein oder mehrere Teilbereiche, darunter könne auch musikalisches oder soziales Vermögen sein. Diese Teilbegabungen führen laut Sleebom zu Gefühlen der Einsamkeit und des Unverständnisses gegenüber der Außenwelt, bieten aber auch inneres Konfliktpotential: Emotionen und Bedürfnisse blieben teils altersentsprechend, teils aber deutlich voraus. Auch den Stempel „Hochbegabt“ trügen Betroffene keineswegs nur mit Stolz: „Der Leistungsdruck erhöht sich automatisch, oder man wird belächelt. Unbegründeter Neid spielt eine Rolle, oder dem Betroffenen wird Arroganz unterstellt“, berichtet Sleebom.

Es komme darauf an, dass Hochbegabung in den ersten Jahren kompetent begleitet wird, im Idealfall sei der Betroffene dadurch in der Lage, einen Beruf zu ergreifen und als Erwachsener für sich selbst zu sorgen, wenn er geistig unter- oder überfordert ist: Etwas, das sich alle wünschen.

Wie also sollte man einem Hochbegabten begegnen? Sleebom rät: „Jeden Menschen und seinen Eigenheiten sollte man mit Respekt vorurteilsfrei akzeptieren.“ Eltern empfiehlt sie, auf ihr Gefühl zu vertrauen: „Auch wenn man sich nicht gesehen oder belächelt fühlt – Eltern wissen meistens gut über ihre Kinder bescheid.“ Aber Sleebom warnt: „Hochbegabung ist kein Grund, die normalen Leistungen nicht zu erbringen. Erst die Pflicht, dann die Kür.“

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