zur Navigation springen

Plötzlich ist die Sprache weg : Hilfe bei Sprachverlust nach einem Schlaganfall

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Treten nach einem Schlaganfall Störungen auf, helfen Logopäden. Probleme sind oft eine psychische Last.

von
erstellt am 23.Feb.2016 | 14:15 Uhr

Pinneberg | Der Trisch oder der Tisch? Sätze mittendrin abbrechen, nicht mehr alles verstehen oder aber Probleme bei der Wortfindung – bei einer Schädigung des Gehirns, etwa nach einem Schlaganfall, kann auch das Sprachvermögen beeinträchtigt sein. Artikulation wird zum Problem, wenn eine sogenannte Aphasie auftritt.

Friederike Kempf ist eine von drei Logopäden auf der neurologischen Station im Pinneberger Regio-Klinikum. Gemeinsam mit ihren Kollegen kümmert sie sich unter anderem um die Patienten in der Schlaganfall-Abteilung. Am Anfang würde nach der Diagnose zunächst eine intensive Betreuung auf dem Plan stehen. „Dabei stellt sich nicht nur die Frage nach einer Aphasie, sondern auch nach anderen logopädischen Befunden“, sagt Kempf. Bei Auffälligkeiten wird dann untersucht, welcher Teil der Sprache betroffen ist. „Es kann dabei um das Sprachverständnis, die Produktion oder aber die Wortfindung gehen“, so die Logopädin.

Wie schwer sich die Symptome äußern, sei unterschiedlich. „In den meisten Fällen merken es die Patienten schon, dass ihr Sprachvermögen beeinträchtigt ist“, sagt Kempf. Die Situation sei eine psychische Belastung für Betroffenen. „Es gibt Patienten, die verstehen alles, aber können selbst nichts äußern.“ Einige würden in Depressionen fallen, während andere probierten optimistisch zu sein und zu sagen, dass es bald besser würde und sie sich wieder ausdrücken können. „Aus therapeutischer Sicht ist es anfangs schwer zu sagen, wie die Prognose ausfällt. Häufig ist es so, dass gewisse Dinge nicht wieder kommen“, sagt Kempf. In der Therapie setzen die Logopäden auf unterschiedliche Kanäle. „Man arbeitet mit Sprache, Schrift und Bildern“, erläutert die Logopädin. Je schwerer der Patient betroffen sei, desto mehr Bilder würden eingesetzt. „Die Bilderkarten können die Patienten auch im Alltag zur Kommunikation nutzen.“ Wichtig sei es, den Patienten über möglichst viele Kanäle zu erreichen, um nach dem Sprachverlust die Sprache wiederherzustellen.

Die eigene Muttersprache im Ausland lernen, das können die zwanzig Teilnehmer des Kurdisch-Kursus der Volkshochschule (VHS) Wedel. „In dem Kursus wird ihnen beigebracht in ihrer Muttersprache zu lesen und zu schreiben“, sagt Claudia Bolsinger, Leiterin des Sprachenbereichs der VHS. Das Feedback auf den Sprachunterricht sei sehr gut. „Letztens kam die Organisatorin und bat um eine zusätzliche Stunde, weil die Gruppe sich so viel miteinander austausche“, sagt Bolsinger.
Einen Vorteil hätten die Kursus-Teilnehmer, wenn es darum geht Deutsch zu lernen. „Alphabetisierung ist ein großes Thema“, so Bolsinger. Der Pinneberger VHS-Leiter  Wolfgang Johannes Domeyer hat ähnliches beobachtet: „Manche haben durch Fremdsprachenkenntnisse wie etwa Englisch Vorteile beim Lernen, aber andere müssen zum Beispiel erstmal unsere Schrift lernen.“ Auch in der Kreisstadt ist Deutsch als Zweitsprache das große Thema. In etwa 25 Lerngruppen wird Migranten die Sprache beigebracht.
Der Bedarf an qualifizierten Lehrkräften wird in der nächsten Zeit steigen, ist sich Domeyer sicher. „Schließlich haben die Teilnehmer ein unterschiedliches Lerntempo“, sagt der VHS-Leiter. Wichtig sei es, dass die Dozenten ausgebildet seien. „Viele meinen, dass sie Deutsch unterrichten könnten, weil es ja schließlich ihre Muttersprache ist. Das ist nicht so“, sagt Domeyer.

 

Professor  John Peterson ist Leiter der Abteilung für Allgemeine Sprachwissenschaft am Institut für Skandinavistik, Frisistik und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Kiel. Er spricht mit dieser Zeitung über Barrieren und Standardsprache.

Was ist  eine Sprachbarriere?
Peterson: Eine Sprachbarriere ist jede Art von Barriere oder Hindernis, die durch Sprache entsteht. Sie kann also vom einfachen Fall reichen, wo es sich um einzelne Wörter handelt – vielleicht sogar zwischen Sprechern desselben Dialekts zum Beispiel aus benachbarten Dörfern, oder altersbedingt oder „Beamtendeutsch“ für Ausländer oder aber sogenannte bildungsferne Schichten in der deutschen Bevölkerung selbst bis hin zum Extremfall, wo es sich um verschiedene Sprachen handelt, wo die Sprecher die jeweils andere Sprache überhaupt nicht kennen.

 

Tritt dieses Phänomen eher bei schwierigen Sprachen auf, oder kann es genauso bei grammatikalisch unkomplizierten Sprachen auftauchen?
Dieses  Phänomen ist immer möglich – wie gesagt, bei Sprechern derselben Sprache oder desselben Dialekts bis hin zu verschiedenen Sprachen. Die morphosyntaktische Komplexität der Sprache – also, ob es viele  Fälle oder einzelne Verbformen gibt, die man alle auswendig lernen muss, oder zum Beispiel wie im Vietnamesischen nur unveränderliche Formen der einzelnen Wörter gibt – spielt dabei keine Rolle. Diese Komplexität erschwert höchstens das Erlernen der Standardsprache – also der „richtigen Form“ der Sprache – so dass ein Vietnamese, der Russisch lernt, wesentlich länger braucht, um die Standardform zu lernen, als ein Russe, der Vietnamesisch lernt.

 

Muss die Standardsprache beherrscht werden, um sich zu verständigen?
Nein, eine Standardsprache muss man nicht unbedingt selbst aktiv können, um die Menschen zu verstehen oder um verstanden werden. So könnten Sie beispielsweise auf der Sprache von jemandem angesprochen werden, der nur ganz rudimentäre Deutschkenntnisse besitzt, diese Person aber auch problemlos verstehen, wenn sie Sie mit Hilfe eines Wörterbuchs aber ohne weitere Deutschkenntnisse fragt: „Von hier, ich gehen Rathaus wie?“
Es kommt also immer auf die Situation an und was verstanden werden muss – ein Formular auf Behördendeutsch, womit selbst viele deutsche Muttersprachler gelegentlich Probleme haben, Deutschunterricht, wo der Lehrer auf die „richtige“ Form pocht, oder ein zwangloses Gespräch unter mehr oder weniger bekannten Menschen, wo die Grammatik überhaupt keine Rolle spielt und wo es nur darum geht, die Zeit zu vertreiben.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert