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Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein : Hilfe bei der Rückkehr ins Leben

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein bietet Betreuung für betroffene Familien an. Der Quickborner Jürgen Langemeyer gründet neuen Verein.

shz.de von
erstellt am 08.Nov.2014 | 16:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Der Schlaganfall traf ihn 2003 im Alter von 43 Jahren, eine angeborene Fehlbildung im Gehirn führte zu einer Gehirnblutung. Man hatte Jürgen Langemeyer aus Quickborn zunächst keine Überlebenschancen eingeräumt. Als die Ärzte ihn nach einigen Tagen aus dem Koma zurückholten, war seine linke Körperhälfte vollständig gelähmt. „Ich habe gleich gedacht. Jetzt hast Du eine neue Aufgabe: kämpfen, kämpfen, kämpfen.“ Das tat er zunächst für sich und mittlerweile als Vorsitzender des im Oktober neu gegründeten Vereins Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein auch für andere Betroffene und vor allem für ihre Familien.

Allein in der zertifizierten Stroke-Unit (Schlaganfalleinheit) der Regio-Klinik in Pinneberg wurden im vergangenen Jahr 680 Patienten versorgt, 130 mehr als noch in 2012. In Deutschland erleiden nach Angaben der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft jedes Jahr zirka 260 000 Menschen einen Schlaganfall. Dieser sei weltweit die zweithäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter.

Was nach dem Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt bleibe, seien vor allem viele Probleme – von der Frage nach den passenden Therapeuten bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes, der eigenen Mobilität und der sozialen Absicherung, sagt Langemeyer. „Es ist ein Aufgabenhaufen, den man vor sich hat und der plötzlich bei den Angehörigen liegt. Viele Schlaganfallpatienten haben keine Chance, konzentriert ein halbstündiges Gespräch zu führen. Die Angehörigen werden mit diesen großen Aufgaben alleingelassen“, weiß der 55-Jährige aus Erfahrung. „Ein Schlaganfall trifft nicht nur den Patienten, sondern hebt die ganze Familie aus den Angeln.“ Das werde im Gesundheitswesen viel zu wenig berücksichtigt.

Um Patienten und Angehörige zu unterstützen, wendet der Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein neue Konzepte an, bietet ein Servicetelefon, individuelle Beratungen und ausgebildete ehrenamtliche Schlaganfall-Coaches, die über einen längeren Zeitraum im intensiven Kontakt mit der betroffenen Familie stehen und individuelle sowie praxisnahe Unterstützung anbieten. Das Besondere daran: Alle Helfer sind Experten aus eigener Erfahrung, hatten selbst einen Schlaganfall oder sind Angehörige eines Schlaganfallpatienten. Für Langemeyer ein wichtiger Punkt, um Vertrauen zu schaffen.

In Planung ist auch eine Internetseite, die die Hilfsangebote für Schlaganfallpatienten zusammenfasst, sowie die Einrichtung landesweit regelmäßiger regionaler Sprechstunden, die es in Kiel in Zusammenarbeit mit dem dortigen DRK-Kreisverband bereits gebe. In Eigenregie nimmt sich Langemeyer der Aufgabe als Unterstützer Betroffener bereits seit 2012 an. Seitdem führte er schon 200 individuelle Beratungsgespräche.

Heute steht Langemeyer wieder mitten im Leben. Die Feinmotorik seiner linken Hand sei noch immer ein Thema, doch Laufen kann er wieder. „Ein bis zwei Jahre hatte ich damit zu tun, physisch zu überleben. Dann ging es darum, mich im Alltagsleben zurechtzufinden. Jetzt bin ich an dem Punkt, aktiv zu werden.“

„Meine Erfahrung ist: Bei vielen kommt wirklich ein Kampfgeist auf. Andere verfallen in eine Depression“, berichtet Langemeyer. „Scham spielt eine Rolle. Manche denken: Ich habe einen Schlaganfall gekriegt, weil ich etwas falsch gemacht habe.“ Betroffene seien oft in ihrer Konzentration, Sprache, Kreativität oder Kommunikation eingeschränkt, zögen sich in ihre Komfortzone zurück, würden immer inaktiver. Doch genau das sei falsch. „Die Rückkehr ins soziale und berufliche Umfeld sollte ermöglicht werden“, sagt Langemeyer. Es gehe nicht nur darum, die körperlichen Funktionseinschränkungen mittels Therapie zu kompensieren. „Es muss eigentlich viel mehr passieren, aber das sieht das deutsche Gesundheitswesen nicht vor. In dem Bereich sind bisher keine umsetzbaren Lösungen gefunden worden.“ Auch dort möchte der Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein ansetzen: Lernen, mit der Situation umzugehen, neue Perspektiven in Beruf und Partnerschaft mit den Betroffenen entwickeln – das mache einen Großteil der bisherigen Beratungen aus.

„Die Patienten müssen wollen, Motivation und Lebensfreude haben. Das ist der Schlüssel. Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem sie aktiv werden können“, so Langemeyer. Denn allein sinnvolle Schlaganfallrehabilitation mit dem notwendigen intensiven Eigentraining und einer sehr hohen Wiederholungsfrequenz der Übungen sei Höchstleistungssport, der kaum durch verordnete Therapien erreichbar sei. Auch Therapeuten müssten umdenken und den Weg der Aktivierung des Patienten gehen. Dazu sei in Zusammenarbeit mit dem interdisziplinären Therapiezentrum der IFF Familienräume in Pinneberg ein Pilotprojekt gestartet worden, bei dem nicht verordnete Therapien umgesetzt werden, sondern vor ärztlicher Verordnung ein individuelles Therapiekonzept erstellt wird. Langemeyer ist zufrieden mit der Unterstützung, die die acht Vereinsgründungsmitglieder derzeit erfahren. Termine mit den Medien, dem Gesundheitsministerium, der Krankenkassen sowie die Suche nach neuen Fördermitgliedern bestimmen nun den Alltag. Dass das Projekt aus den Töpfen des Gesundheitssystems bezahlt werde, sei derzeit für Langemeyer noch nicht absehbar. Am Servicetelefon des Vereins steht er zur Verfügung unter Telefon 04106-60679.

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