Interview : HHLA-Chefin Angela Titzrath: „Zuhören können ist eine Führungsaufgabe“

Durchsetzungsstark: Angela Titzrath.
Durchsetzungsstark: Angela Titzrath.

Die Vorstandschefin im Interview über die Elbvertiefung, Frauen in Führungspositionen – und Lakritz.

shz.de von
23. Juni 2018, 10:00 Uhr

Hamburg | Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird der wichtigste Hafenkonzern in Hamburg, die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), von einer Frau geführt. Am 1. Januar 2017 übernahm die Managerin Angela Titzrath (52) den Vorstandsvorsitz von Klaus-Dieter Peters, der in den Ruhestand ging. Angela Titzrath treibt seitdem die Modernisierung des Unternehmens voran: Mehr Umsatz und Gewinn, Digitalisierungsoffensive, der Kauf eines Terminal-Betreibers in Estland, die Komplettübernahme des erfolgreichen Tochterunternehmens Metrans. Mit Erfolg. Der Umsatz der HHLA stieg 2017 im Vergleich zum Vorjahr um rund sechs Prozent auf etwa 1,3 Milliarden Euro und der Containerumschlag legte um acht Prozent auf 7,2 Millionen Einheiten (TEU) zu.

Wir treffen die Vorstandschefin kurz nach einer Chinareise in ihrem Büro in der Hamburger Speicherstadt. Sie ist etwas müde von der langen Reise, aber aufgeräumt, freundlich und konzentriert wie immer. Ein Gespräch über Klischees, klassische Musik und Kunden.

Frau Titzrath, Sie kommen aus Essen, bezeichnen sich als Ruhrpottkind und leiten seit Januar den größten Hafenkonzern in Hamburg, die HHLA. Fühlen Sie sich schon als Hamburgerin?
Angela Titzrath: Ja, denn ich ertappe mich immer öfter dabei, wie begeistert ich in meinem Freundeskreis von dieser Stadt erzähle. Ich finde, man wird hier sehr leicht und hanseatisch warm aufgenommen, und von daher fühle ich mich sehr wohl in der Stadt. Die Hamburger gelten ja allgemein als etwas kühl und distanziert. Das kann ich nicht bestätigen. Es sind Menschen, die das Herz am richtigen Fleck haben.

Unter Ihrer Führung konnte der Abwärtstrend der HHLA gestoppt und in Umsatzwachstum und einen höheren Börsenwert verwandelt werden. Wie haben Sie das hinbekommen?
Das ist eine Teamleistung. Zu diesem Team gehören der Vorstand, die Führungskräfte und nicht zuletzt die Mitarbeiter. Wir alle stellen den Kunden in den Mittelpunkt unseres Handelns. Das ist der Schlüssel für unseren Erfolg.

Für die Zukunft der HHLA wollen Sie die „konsequente Digitalisierung“ vorantreiben. Worauf müssen sich die Mitarbeiter einstellen?

Digitalisierung klingt vielleicht für den einen oder anderen beängstigend. Faktisch trägt heute jeder die Digitalisierung etwa als Tablet oder Smartphone in seiner Tasche. Digitalisierung ist also längst im Alltag angekommen. Die Arbeitswelt wird sich − auch bei der HHLA – verändern, doch haben solche Veränderungen in den letzten Jahrhunderten immer auch zu Entlastungen und Erleichterungen für die Menschen geführt.

 

Es ist bekannt, dass Digitalisierung einfache Tätigkeiten vernichtet. Bei der HHLA arbeiten 5300 Beschäftigte. Wie sicher sind ihre Jobs?
Durch den digitalen Wandel werden sich Arbeitsplätze verändern, aber auch neue entstehen. Es kommt darauf an, ob die Mitarbeiter bereit sind, den Wandel mitzugestalten und sich Veränderungen offen gegenüber verhalten. Bei der HHLA wurden solche Prozesse in der Vergangenheit in sachorientierter Weise zusammen mit der Mitbestimmung gesteuert. Das wird auch in der Zukunft so sein.

Gibt es einen Plan B, wenn es mit der Elbvertiefung nicht klappen sollte?
Wegen der derzeitigen Wassertiefe der Elbe können die großen Schiffe mit einer Kapazität von über 18 000 Standardcontainern den Hafen nicht voll beladen erreichen. Das ist wirtschaftlich und ökologisch nicht sinnvoll. Die Elbvertiefung ist wichtig, um Wachstum und Arbeitsplätze im Hamburger Hafen zu sichern. Deshalb sollten die Baggerarbeiten möglichst zeitnah beginnen. Denn unsere Kunden üben sich mittlerweile seit 16 Jahren in Geduld. Ich bin aber zuversichtlich, dass es nun bald losgeht.

Wie sehr schadet die Diskussion um die Elbvertiefung und auch um die rasant zunehmende Verschlickung dem Hamburger Hafen?
In der Verfassung von Hamburg steht: Hamburg ist eine Welthafenstadt. Aus diesem Bekenntnis leitet sich der Auftrag ab, den Hafen lebendig zu halten. Dass der Hafen sehr weit im Landesinnern liegt, ist ein großer Vorteil; andererseits führt die Tide zur Verschlickung. Darauf muss man sich einstellen und entsprechend handeln. Brügge und London waren früher tolle Hafenstädte, bis man nicht mehr ausgebaggert hat. Dann sind sie im wahrsten Sinne des Wortes versandet und damit auch die Industrie und Wirtschaft.

Als börsennotiertes Unternehmen muss die HHLA renditeorientiert und unabhängig von der Politik agieren und ist zugleich doch stark dem 68-Prozent-Gesellschafter, der Stadt Hamburg, verpflichtet. Wie bändigen Sie als Vorstandschefin die Wünsche von Senat und Bürgerschaft?
Ein Ankeraktionär bedeutet Solidität und Sicherheit. Die positive Entwicklung der HHLA in den letzten 18 Monaten zeigt, dass Mehrheitseigentümer und Unternehmen von dieser Konstellation profitieren. Die HHLA-Hauptversammlung hat ja gerade einer Anhebung der Dividende pro Aktie von 59 auf 67 Cent zugestimmt. Auch für die Zukunft wünsche ich mir daher einen respektvollen und vertrauensvollen Umgang miteinander. Wenn wir schlecht übereinander reden, dann nutzt das nur unseren Wettbewerbern.

Hafenexperten erwarten, dass chinesische Unternehmer auf dem südlichen Steinwerder-Areal einen vierten Containerterminal bauen. Ist das für Sie Herausforderung oder Horror?

Die HHLA fürchtet weder mehr Wettbewerb im Hafen noch chinesische Unternehmen. Wir arbeiten mit Chinesen am Tollerort beispielsweise seit 35 Jahren zusammen. Es liegt im gemeinsamen Interesse von Politik und Hafenwirtschaft, den Hafen weiterzuentwickeln. Nur so kann dieser im Wettbewerb mit den europäischen Seehäfen seine Position behaupten. Dafür sind gute Ideen gefragt, diese dürfen aber nicht im Widerspruch zum gültigen Hafenentwicklungsplan stehen. Das ist auch die Position von Wirtschaftssenator Frank Horch. Insofern kann ich nicht bestätigen, dass über den Ideenwettbewerb für Steinwerder Süd hinaus irgendwelche Entscheidungen getroffen wurden. Die HHLA hat eigene Ideen für eine zukunftsfähige Nutzung des Areals und wird, sofern die Bedingungen stimmen, an einer europaweiten Ausschreibung teilnehmen.

Als frühere Finanz- und Personalmanagerin waren Sie im Hafenbusiness neu, kommen nicht aus Hamburg und: Sie sind eine Frau. Wie hat die konservative Hafenelite Sie aufgenommen?
Ach, wissen Sie, jeder, der nicht bekannt ist, wird erst einmal ein bisschen kritisch beäugt. Ich hatte die Möglichkeit, mit sehr vielen Leuten schnell in Kontakt zu kommen und ihnen die Gelegenheit zu geben, sich selbst ein Bild von der HHLA-Vorstandsvorsitzenden zu machen.

Was braucht es generell für Eigenschaften in einer Führungsposition, um erfolgreich sein zu können?
Wichtig ist vor allem eine Reflexionsfähigkeit, verbunden mit der Haltung, immer wieder dazu zu lernen. Das ist Teil einer lebenslangen Lern-Aufgabe. Niemand wird fertig geboren, jeder muss sich weiterentwickeln. Lebenslanges Lernen ist für eine Führungsaufgabe eine Kernvoraussetzung. Darüber hinaus schärft die Erfahrung aus unterschiedlichen Branchen die Sinne für neue Wege in einem Unternehmen. Ferner sollte man Zuhören können und ein Auge für Strategie und Visionen haben. Und ganz wichtig: Man muss die Nähe zu den Mitarbeitern haben.

Was können Frauen an der Spitze besser?

Die Frage impliziert eine Bewertung zwischen Mann und Frau, mit der ich nichts anfangen kann. Ich mache kein Hehl daraus, dass ich eine Frau bin, aber in erster Linie bin ich in der Funktion Vorstandsvorsitzende oder CEO, das ist eine neutrale Bezeichnung. Es spielt in dieser Position doch keine Rolle, ob jemand Mann oder Frau ist. Das ist Klischeedenken. Entscheidend ist die Art und Weise, wie man führt, kommuniziert und welche Schwerpunkte er oder sie setzt. Und das ist bei Männern wie bei Frauen eine Frage des Typs und nicht des Geschlechts.

Wie haben Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere bei den Männer-Vorständen durchgesetzt und profiliert?
Jeder wird an seiner Leistung gemessen.

Was muss in Hamburg besser werden?

Wie alle Großstädte steht Hamburg vor Herausforderungen, die sich durch den demografischen Wandel, die Digitalisierung, mehr Mobilität und den Verbrauch von natürlichen Ressourcen ergeben. Vor diesem Hintergrund muss die Infrastruktur weiter modernisiert werden. Dabei sollte der wohlklingende Dreiklang wohnen, leben und arbeiten berücksichtigt werden.

Was ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel für die nächsten drei Jahre?
Ich möchte noch mehr von der Stadt entdecken, auch Zeit finden für die vielen Kultur-Ecken und Begegnungen rund um die Alster. Und ich würde mich freuen, mal eine längere Fahrt mit einem Lotsen auf der Elbe zu unternehmen. 

Angela Titzrath persönlich

Am besten entspanne ich ... bei klassischer Musik.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist ... der Altonaer Balkon.

Hanseatisch heißt für mich ... herzlich.

Aus meiner Heimat im Ruhrpott fehlt mir ... das klingende Läuten der Basilika Kirchenglocken.

Ich wollte längst mal wieder ... länger schlafen.

Mein Laster ist ... Lakritz.

Angela Titzrath zeichnet aus ... Herzlichkeit, Entscheidungsstärke und Weitsicht.

Mein letztes Buch war ... „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier.

Meine liebsten Komponisten, Musiker und Popstars sind ... Schubert und Tschaikowsky gehen immer, aber im Moment bin ich Fan von Boss Hoss.

Ferien verbringe ich am liebsten ... an der See oder in den Bergen.

Wütend macht mich ... Respektlosigkeit.

Ich kann lachen über ... mich.

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