Kreis Pinneberg : Helgoland als Industriestandort

Der Helgoländer Südhafen aus der Luft: Im Vordergrund sind die drei neuen Hallen der Stromunternehmen zu erkennen.
Der Helgoländer Südhafen aus der Luft: Im Vordergrund sind die drei neuen Hallen der Stromunternehmen zu erkennen.

Insel sucht zusätzliches Standbein zum Tourismus. Geschäft mit Gästen wandelt sich. FDP-Delegation informiert sich vor Ort.

shz.de von
30. Juni 2014, 16:00 Uhr

Helgoland | Piratennest und Fischerdorf, Handelsplatz und Weltkriegsfestung, Touristenmagnet und Industriestandort: Helgoland hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich – und vor sich. Am Sonnabend präsentierte Bürgermeister Jörg Singer der FDP-Kreistagsfraktion Perspektiven und Pläne der Insel für die kommenden Jahre. Die Politiker waren zu Gast auf Helgoland. „Wir sind eine Insel des Wandels“, sagt Singer. „Aber der Wandel kam meistens von außen.“

Nachdem Hitler das Eiland zur Festung ausgebaut hatte und die Insel mit Ende des Zweiten Weltkriegs von den Briten völlig zerstört wurde, entwickelte sie sich zu einem beliebten Ausflugsziel für Tagestouristen, die einen Besuch nutzten, um zoll- und steuerfrei einzukaufen. 2009 klopften dann drei große Energiekonzerne an. Sie wollten in der Nordsee gigantische Windmühlen bauen und Helgoland als Stützpunkt für Wartungs- und Reparaturarbeiten nutzen.

Und so stieß bei der Delegation vom Festland auf großes Interesse, was in den vergangenen Jahren am Südhafen passiert ist. Die Helgoländer haben dort auf einer Fläche von etwa 35.000 Quadratmetern den mit Bomben und Granaten gespickten Boden vollständig umgegraben und durchsiebt, um die Hinterlassenschaften zweier Weltkriege auszuheben und zu entsorgen. Bis zu sechs Meter sind sie in den Grund vorgedrungen. Die Hafenprojektgesellschaft Helgoland listet auf, was zu Tage kam: 1350 Stück an Kampfmitteln, darunter 22 Bomben von bis zu 1000 Pfund, 516 Stück Infanteriemunition und etwa 600 Granaten unterschiedlicher Größe. Außerdem fielen 21.400 Tonnen Schutt und mehr als 500 Tonnen Stahlschrott an.

Etwa 30 Millionen Euro kostet das gesamte Hafenprojekt, zu dem auch der Ausbau des Binnenhafens gehört. Daran beteiligen sich Land und EU. Etwa ein Drittel musste die Gemeinde Helgoland selbst übernehmen. Die Servicehallen von Eon, RWE und Wind MW sind seit Juni fertig. Und auch die Windräder in den drei Windparks Nordsee Ost (RWE), Merrwind Süd Ost (Wind MW) und Amrumbank West (Eon) stehen gößtenteils. Es fehlt noch die Kabelverbindung. Das niederländische Staatsunternehmen Tennet ist damit in Verzug geraten.

Dabei warten die Helgoländer darauf, dass endlich Windstrom zum Festland fließt. Denn sie rechnen mit Gewerbsteuereinnahmen.

Konkrete Schätzungen will sich der Bürgermeister nicht aus der Nase ziehen lassen. Offiziell ist die Berechnungsgrundlage unsicher. Aber soviel sagt Singer: „Zuletzt sind die Gewerbesteuereinnahmen allein wegen der Offshore-Mitarbeiter um etwa 20 Prozent gestiegen.“

Denn deren Ausgaben für Wohnen und Lebensmittel wirkten sich deutlich auf die lokale Wirtschaft aus. 150 Arbeiter sollen es langfristig sein, während der Bauphase in den Windparks sind es derzeit teilweise doppelt so viele.

Einen Konflikt zwischen Tourismus und Industrie sieht Singer nicht. „Wir haben bisher 17 Prozent mehr Gäste im Vergleich zu 2013. Das geht zusammen“, sagt der Bürgermeister. Es gibt sogar Ausflugsfahrten mit dem Schiff zu den Windrädern, die etwa 35 Kilometer vor Helgolnd in der Nordsee stehen.

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