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Gastbeitrag von Nikola Anne Mehlhorn : Heiland

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Heidgrabener Autorin Nikola Anne Mehlhorn ist Pinneberger Kreiskulturpreisträgerin 2015. Für shz.de hat die Schriftstellerin ihr Werk „Heiland“ herausgesucht. Eine etwas andere Geschichte zum Fest der Liebe.

Die Mietwohnung in der Annastraße siebenundzwanzig im dritten Stock ist hell erleuchtet. Ein bisschen sehr hell allerdings, denn Omma Jensen macht heute Weihnachtsputz, hat sogar den Lampenschirm runtergenommen, so dass die nackte Glühbirne auf Oppa Jensens Glatze scheint. Oppa Jensen ist das egal, er regt sich schon nicht mehr auf und sitzt in seinem Lehnstuhl, dem alten, der noch von Onkel Atti ist, und hält die aufgefaltete ELBE-ZEITUNG wie einen Schild vor sich hin.

Omma Jensen wedelt mit einem Staubtuch herum um ihn und lässt sich die neuesten Nachrichten aus ihrer beider Heimatstadt vorlesen: Dass nun der Herr Oberbürgermeister die Bürger zum Spenden aufruft, wegen Weihnachten und der dritten Welt und so, ringt ihr nur ein Nicken ab - das wusste sie schon vorher; viel interessanter ist dann, als Oppa Jensen die Nachrichten des Sportbundes liest, dass am nächsten Freitag ein Adventsnachmittag ist, mit Ballspiel und Geselligkeit, und sie könnten doch, obwohl Oppa ja ein Bein im Krieg gelassen hat, trotzdem mal gucken gehen, nur gucken.

Sie verschwindet in der Küche, und Oppa Jensen merkt das gar nicht, sondern liest weiter, denn er hat nicht nur mehr nur ein Bein, er ist auch fast taub und außerdem sehr versunken in die ELBE-ZEITUNG, die da gerade über einen Fall berichtet, über eine Gerichtsverhandlung, bei der ein gewisser Herr Heiland vorgeladen wird, am nächsten Freitag um fünfzehn Uhr.

Was Oppa Jensen daran so beschäftigt, ist der Name Heiland, den er irgendwoher kennt, der ihm so verdammt bekannt vorkommt, und er kann und kann sich nicht erinnern, und es steht auch so rein gar nichts in der Zeitung, um was es sich handelt, wer dieser Heiland ist, und er kennt ihn doch so genau.

Oppa Jensen muss wohl mal seine Frau fragen, aber das “Hildje, weißt du, wer Heiland ist?” verschallt ungehört im Raum, denn Omma Jensen ist in der Küche am Geschirrspülen. Oppa Jensen lässt die Zeitung sinken und guckt suchend über den Rand seiner Brille: „Hildje?“ Und weil er zu faul zum Aufstehen ist, legt er die Zeitung zur Seite, nestelt an seinem Hörgerät und stellt es auf LAUT. Der Küchenlärm brandet an seine Ohren, und Oppa Jensen nimmt die Zeitung, lehnt sich zurück im Lehnstuhl, dem alten, der noch von Onkel Atti ist, stellt das Hörgerät wieder auf LEISE und hält die aufgefaltete ELBE-ZEITUNG vor sich hin wie einen Schild.

Am nächsten Freitag um vierzehn Uhr dreißig stehen sie trotzdem vor dem verschneiten Gerichtsgebäude, das mit seiner hellen Fassade und der großen Tür fast einladend wirkt.

Omma Jensen quengelt zwar ein bisschen, weil heute ja der Adventsnachmittag des Sportbundes ist, aber Oppa Jensen hatte sie davon überzeugen können, dass der Prozess von dem Heiland wichtiger ist, ganz was Wichtiges nämlich ist, denn der Heiland - das war den Jensens dann beim Abendessen eingefallen - war früher mal ihr Nachbar, ja, er hatte auch in der Annastraße siebenundzwanzig gewohnt, allerdings parterre, und damals war er ein so netter junger Mann gewesen, mit einer so hübschen jungen Frau, und was aus denen denn nun geworden war, das musste man doch wissen, und Omma Jensen hatte sich für diesen Anlass extra einen neuen Schal gekauft, obwohl die Rente so knapp war, aber das war ja nun einfach wichtig, vielleicht war der Heiland ein Herr geworden, ein richtiger wichtiger Herr, ein Doktor oder so, und falls er sie wiedererkannte – naja.

Als Omma und Oppa Jensen die breite Treppe zum Gerichtsgebäude hinaufsteigen, stoßen sie glatt mit einem Herrn im Pelzmantel zusammen, und Omma Jensen wusste sofort, dass das der Heiland war. Und als sie Oppa Jensen in die Seite stößt, merkt sie, dass auch er es gemerkt hat; zum Grüßen bleibt dann aber keine Zeit, weil der Herr sich schon längst entschuldigt hat und durch die Tür rein war, und wie Omma Jensen später meint, war es auch besser so, denn wer konnte wissen, was der Heiland gemacht hatte, vielleicht war er ein Verbrecher geworden, das konnte ja niemand wissen, und es konnte auch niemand wissen, ob es nicht besser war, wenn er gar nicht wusste, wer sie waren, denn wer weiß, was dann gewesen wäre, wenn er es gewusst hätte, denn - wie Oppa Jensen abschließend meint - Verbrecher seien unberechenbar, das wüsste ja jeder.

Weil Jensens nicht gleich den richtigen Saal finden, erst dreimal fragen müssen, bis sie vor U 14 stehen, kommen sie zu spät, die Verhandlung hat schon begonnen, und der Saal ist überfüllt. Die Leute stehen sogar auf der Treppe, hüstelnd und händereibend.

Weil aber Omma Jensen alt ist, Oppa Jensen alt ist und nur ein Bein hat und bald Weihnachten ist, werden zwei Plätze frei, ganz hinten allerdings, auf denen Jensens sich dankbar rückend niederlassen.

Und als Oppa Jensen seine Stöcke untergebracht hat und Omma Jensen sich ein wenig reckt, können sie sogar den Hinterkopf von Heiland sehen, der gerade sagt, er habe genügend Zeugen dabei, die bestätigen könnten, dass diese Vorladung eine Unverschämtheit sei und dass er, Heiland, unschuldig wie weißes Papier sei, und er bitte die Zeugen einen nach dem anderen und der Richterin zu sagen, unverblümt und ehrlich, denn er, Heiland, sei eine ehrliche Haut, und überhaupt habe er einen wichtigen Geschäftstermin platzen lassen für diesen Zirkus hier...

Die Richterin klopft auf den Tisch und bittet um Ruhe im Saal, aber auch den Heiland um Ruhe, denn was er da sage, sei total überflüssig, die Aufregung könne er sich sparen, niemand verdächtige ihn ernsthaft, es sei eine reine Routinesache, und er solle sich mal keine Sorgen machen, der Tod seiner Frau sei sozusagen aufgeklärt, nur durch erneute Aussagen von nicht zu nennenden Personen sei der alte Verdacht wieder neu aufgeflammt, ja, der alte Brand neu entfacht, wie das so sei mit dem Gerede, man könne ja sogar tote Hunde wecken damit, und er solle sich keine Sorgen machen, nur nochmals erzählen, was damals am Heiligen Abend passiert sei in der Radetzkystraße, ohne viele Worte, einfach seine Meinung…

Und Heiland, der wirklich unruhig ist da vorne, eröffnet seine Rede mit einem „Was ihm noch nachträglich einfalle“.

Was ihm noch nachträglich einfalle, sei, dass er vorhin gesagt habe, er sei unschuldig wie weißes Papier; weißes Papier sei aber gar nicht unschuldig, es stifte Schriftsteller und werdende Poeten zum Selbstmord an oder zu noch Schlimmerem und gebe Zündmaterial für Pyromanen ab und überhaupt, er sei zu diesen ganzen Sachen gar nicht fähig, er habe nie etwas gemacht, was er bereuen müsste, auch der Vorwurf, er habe seine Frau dauernd betrogen, sei nicht haltbar, er habe lediglich vier- oder fünfmal mit einer anderen geschlafen - wenn er das hier im Gerichtssaal mal so ausdrücken dürfe -, und dass seine Frau daran gestorben sei, würde ja wohl kein normaler Mensch glauben, oder?

Die Richterin blickt von ihren Unterlagen auf, in denen sie geblättert hatte, und meint scharf, dass hier etwas anderes stehe, er, Heiland, habe seine Frau nicht vier- oder fünfmal betrogen, sondern ständig, um genau zu sein, täglich, keinen Tag habe er ausgelassen, auch vor älteren Frauen keinen Halt gemacht, den täglichen Sex wie der Junkie den Stoff gebraucht und das darauf folgende Erzählen und Quälen seiner Frau als tägliche Freude genommen, sie gedemütigt und gepeinigt mit penibel dokumentierten Darstellungen seiner Abenteuer, zum Teil auf Video, zum Teil auf CD...

Und ob sie nicht die medizinischen Gutachten über den psychischen Zustand seiner Frau in Händen habe, unterbricht sie Heiland, wie labil und depressiv sie war und selbstmordgefährdet ohne Ende, und er habe aus Selbstschutz so gehandelt, er habe ihr halt seine Abenteuer erzählt, weil er ihr sonst nichts zu erzählen gehabt hätte, auf nichts habe sie reagiert, nur teilnahmslos im Bett gelegen, und seine Geschichten seien das einzige gewesen, auf das sie überhaupt reagiert, ja überhaupt ein Lebenszeichen gezeigt hätte. Er habe es als Aufmunterung gesehen, als einen Versuch, sie ins Leben zurückzuholen, zu Taten anzureizen…

Was ihm ja auch gelungen sei, wirft die Richterin dazwischen, die Tat des Selbstmordes sei ja nicht ausgeblieben.

Oppa Jensen wundert sich, dass seine Frau so unruhig hin und her rückt. Auf Toilette war sie eigentlich gerade erst gewesen zu Hause, und Langeweile konnte es unmöglich sein, und er richtet seinen Blick wieder nach vorne, wo Heiland gerade sagt, dass er seine Zeugen nach vorne bitte, das seien infame Anschuldigungen, die zwar alle stimmten, aber doch nicht zum Tode seiner Frau geführt hätten, und das könnten seine Freunde bestätigen, dass seine Frau eine fürchterliche Person gewesen sei, langweilig, trist, unzufrieden und frustriert, und sie habe ihm alle Lebensfreude genommen mit ihrer Weinerei, und er habe sie nicht ertragen können, er sei ja sogar zu alten Schachteln geflüchtet, zu faltigen, ranzigen Weibern, die schon gar nicht mehr nach Frau rochen, und da solle noch mal jemand von Lust reden, nur um ihr zu entkommen, vor ihr zu flüchten, habe er das alles gemacht.

Die Richterin, die auch nur eine Frau ist und dazu eine ältliche, wird spitzer um die Nase und bittet Heiland mit leiser Stimme um die Schilderung des vierundzwanzigsten Dezembers, von morgens an, wenn sie bitten dürfe, und sehr detailliert, mit Namen und Uhrzeit, dann sei der Prozess für heute beendet.

Heiland setzt sich gerade hin da vorne, und auch Omma Jensen setzt sich gerade hin da hinten, sehr gerade sogar, zu Oppa Jensens Verwunderung, der sich ihre Unruhe nur mit der Spannung des Prozesses erklären kann.

Ja, beginnt Heiland, ja, das war so, dass er den ganzen Tag mit einer der genannten Schachteln verbracht habe, mit einer der übelsten Sorte sogar, nämlich einer, die nicht mal verblüht genannt werden könne, aus dem einfachen Grunde, weil sie niemals geblüht habe; es gebe ja auch Babyfalten, die zu Altersfalten würden, haha.

„Namen bitte!“, schrillt die Richterin dazwischen.

Ja, eine Nachbarin sei es gewesen, soweit er sich erinnern könne, von seiner früheren Wohnung in der Annastraße siebenundzwanzig, glaube er.

Oppa Jensen hört plötzlich nicht mehr, und als er nach seinem Hörgerät tastet, dessen Schalter in seiner Jackentasche ist, kann er ihn nicht finden, dabei könnte er schwören, dass er ihn eingesteckt hatte, schon aus Vorsorge, da man ja nicht wissen konnte, wo man einen Sitzplatz finden würde in dem großen Saal, aber so sehr Oppa Jensen auch sucht und tastet – der Schalter ist verschwunden, und als ihm seine Frau seine Stöcke reicht und ihn sanft rausbugsiert durch die Leute hindurch, ist ihm das nur recht, er möchte gar nicht mehr wissen, denn ein Prozess, von dem man nichts hört, ist ja nichts, und außerdem ist bald Weihnachten, oder?

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erstellt am 23.Dez.2015 | 11:34 Uhr

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