Interview mit Regisseur : Hark Bohm: „Der Zuschauer will die Wahrheit“

Der Regisseur und Drehbuchautor Hark Bohm bei der Premiere von „Aus dem Nichts“.

Der Regisseur und Drehbuchautor Hark Bohm bei der Premiere von „Aus dem Nichts“.

Hark Bohm über seine Kindheit auf Amrum, die Revolution im deutschen Film und seine Ängste in der Gegenwart.

shz.de von
11. August 2018, 10:00 Uhr

Frage: Sie haben in diesem Jahr gleich zweimal den Deutschen Filmpreis erhalten. Einmal für Ihr Lebenswerk und einmal für das beste Drehbuch, zusammen mit Fatih Akin für den Film „Aus dem Nichts“. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?
Hark Bohm: Der Ehrenpreis für „herausragende Verdienste um den deutschen Film“ ist für einen 79-Jährigen natürlich eine besondere Ehre und Wohltat. Aktuell war mir der Preis für das Drehbuch wohl doch wichtiger, weil es deutlich macht, dass ich trotz meines Alters weiter arbeite. 79 ist ja eine Zahl und kein Zustand.

Was hat Sie als gelernten Juristen zum Film geführt?
Ich wusste während der Referendarzeit, dass die Perspektiven in der Juristerei nicht mit dem, was ich mir vom Leben vorstellte, in Übereinstimmung zu bringen war. Aber was faszinierte mich, mit Filmen Geschichten zu erzählen? Vielleicht wurde diese Veranlagung durch meine Kindheit auf der Insel Amrum befördert. Dort gab es in den 40er Jahren natürlich kein Theater, kein Kino, höchstens einen Volksempfänger. Kleine Geschichten aus dem Dorf, große Geschichten von den Vätern, die aus dem Krieg kamen, und vor allem Geschichten aus dem fernen Amerika. Viele Amrumer sind in die USA ausgewandert. Auch meine Großeltern haben zum Beispiel in New York geheiratet. In den zuhörenden Kindern entstanden große Fantasiewelten.

Sie sind Jahrgang 1939. Wie sehr hat Sie noch der Zweite Weltkrieg geprägt?
Ich arbeite gerade an einem Drehbuch über den Zweiten Weltkrieg. Dass mein Vater aus dem Krieg zurückkam und ich noch die Bomber über Amrum gesehen habe, die dann Kiel bombardiert haben, ist in mir drin. Ich kann sicher schneller einen Dialog schreiben, der 1943 spielt, als jemand, der 1973 geboren wurde.

Sie haben den „Neuen Deutschen Film“ mitgeprägt. Anschließend 1971 den Filmverlag der Autoren gegründet. Was bedeutete dies für die deutsche Filmlandschaft?
Ende der 60er Jahre gab es Anfänge einer neuen Filmkultur. Volker Schlöndorff wurde zum Beispiel 1966 schon für „Der Junge Törless“ mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Aber 90 Prozent waren kitschige Heimatfilme, Softpornos oder Karl-May-Filme. Wir bewunderten die Italiener, wie Visconti, Fellini, die französische Nouvelle Vague, und wir bewunderten auch New Hollywood. Diese Filme schwebten uns vor, aber wir hatten kein Geld. Also haben wir mit 15 Leuten eine Genossenschaft gegründet. In dieser bürgte jeder für jeden. Dadurch hatten wir die Möglichkeit, an Fördergelder ranzukommen. Das hat für zehn Jahre den Neubeginn des deutschen Films geprägt. Rainer Werner Fassbinder war dabei, Volker Schlöndorff, Werner Herzog und Wim Wenders.

Waren „Coming of Age“ und Probleme der Jugend, wie sie in Ihren früheren Werken wie „Moritz, lieber Moritz“ von 1978 oder ihrem Kultklassiker „Nordsee ist Mordsee“ von 1976 thematisiert werden, Ihre Grundthemen?
Von heute aus auf die Filme geschaut, gibt es zwei Grundthemen: einmal, wie sich ein Jugendlicher, der den ersten Schritt aus der Elternwelt gemacht hat, mit der Welt insgesamt auseinandersetzt. Wie sieht sein eigener Blick auf die Dinge aus? Das gilt auch für „Tschetan, der Indianerjunge“ oder „Yasemin“. „Der Fall Bachmeier“ und „Vera Brühne“ sind Filme, die sich mit der Justiz auseinandersetzen. Diese beiden Grundthemen bestimmen meine Filme. In den beiden Filmen von Fatih Akin, bei denen ich als Drehbuch-Autor mitgearbeitet habe, klingen diese Themen an. Tschick ist ähnlich wie „Nordsee ist Mordsee“ ein Film, der von zwei Jungs erzählt, die von zu Haus abhauen, und in „Aus dem Nichts“ spielt eine große Sequenz vor Gericht.

„Nordsee ist Mordsee“ spielt ja in Hamburg, überwiegend in Wilhelmsburg. Wie wichtig ist in Ihren Filmen der Lokalkolorit?
Sehr wichtig. Wilhelmsburg war damals eine klassische Arbeitergegend. Dschingis und Uwe, die beiden Ausreißer, sind meine Adoptivsöhne. Aber sie stammen aus Arbeiterfamilien. Das kommt im Film auch vor. Da gibt es eine Arbeiterin, die am Fließband steht, das ist Dschingis’ Mutter, im Film und in der Wirklichkeit. Ich habe sehr intensiv in Wilhelmsburg recherchiert, war viel mit den Kids zusammen, die im Film eine Rolle spielen. Ich wollte sicher sein, den Geist von Wilhelmsburg erfasst zu haben. Für die Glaubwürdigkeit einer Geschichte ist es wichtig, dass der Erzähler weiß, wovon er berichtet. Die Orte, an denen meine Filme spielen, kenne ich genau. Ich kannte auch die Elbe gut, sie war früh mein Fluchtort, als ich von Amrum in das fremde Hamburg kam.

Warum ist das so wichtig?

Je sicherer sich ein Erzähler des Ambientes ist, desto glaubwürdiger kann er erzählen. Der Zuschauer spürt das. Er erwartet, dass ihm die Wahrheit erzählt wird.

Welche Rolle spielt für Sie persönlich der Heimatbegriff?
Hätte mir jemand vor 42 Jahren erzählt „Nordsee ist Mordsee“ sei ein Heimatfilm, wäre ich im Quadrat gesprungen. Zu der Zeit hatte Heimat immer etwas Vergangenes, Rückwärtsgewandtes. Auf Amrum gab es einen Trachtenverein. Das war damals für mich „Heimat“. Ich habe heute einen völlig anderen, einen positiven Heimatbegriff. Heimat ist das Jetzt, das Hier, da wo ich bin. Amrum ist heute meine Heimat, weil ich dort meine Jugend verbracht habe. Die Elbe und Hamburg sind meine Heimat, weil ich mich dort sicher fühle, weil ich es kenne, weil es mich geprägt hat.

Als Schauspieler sind Sie ja vor allem durch einprägsame Nebenrollen in Filmen von Fassbinder bekannt geworden...
Fassbinder hat mich in ganz unterschiedlichen Rollen besetzt. Als schüchternen Apotheker in „Effi Briest“, dann der ekstatische Pianist in „Lili Marleen“, der Bürgermeister in „Lola“ oder der Buchhalter in „Die Ehe der Maria Braun“, es waren sehr unterschiedliche Charaktere. Ich bin Fassbinder dankbar, dass er mich genommen hat, weil ich dadurch weiß, wie sich ein Schauspieler vor der Kamera fühlt. Auf dieses Wissen kann ich auch als Regisseur zurückgreifen.

Wie entstehen Ihre eigenen Geschichten?
Eine Geschichte schwimmt zunächst im Bewusstsein heran. Man hat eine Konstellation von Figuren im Kopf, die sich in einem Konflikt befinden. Dann versucht man es auszuarbeiten und merkt in den meisten Fällen, dass es nicht trägt. Man muss einerseits ganz konkret sein, auch im regionalen Kontext, um glaubwürdig zu sein. Auf der anderen Seite muss die Geschichte auch universellen Charakter haben. Wenn jemand in Australien „Moritz, lieber Moritz“ sieht, muss er sofort erkennen, worum es geht, dass sich ein Junge versucht, aus seinem Elternhaus zu befreien. Er muss sich emotional einklinken können. Diese Gleichzeitigkeit von Provinzialität und Universalität macht eine gute Geschichte aus.

Welche Rolle spielt der Zeitgeist?
Der Zeitgeist waltet in einem, ohne dass man es merkt. Ich versuche ja nicht bewusst, die Integration verschiedener Kulturen in meinen Filmen zum Thema zu machen. Wenn ich sie mir dann ansehe, dann merke ich aber, das ist das Thema.

Hat Sie 1968 geprägt?

Ja, sehr. Es war dieses Bedürfnis, sich aus dem erfrorenen Wertekanon der Elterngeneration zu befreien, das rund um die Welt ging. Es waren aber nicht die Kommune 1 oder die RAF, die die 68er geprägt haben. Eine sozialistische Revolution war ja überhaupt nicht das Ziel der ganz überwiegenden Mehrheit der Bewegung. Der Gegner war die erstarrte Ordnung, an die sich die zutiefst verunsicherte Kriegsgeneration klammerte. Die 68er haben die Kultur des Miteinander grundlegend verändert. Die Bewegung hat dazu geführt, dass wir selbstverständliche und selbstbewusste Demokraten geworden sind.

Was bestimmt den Zeitgeist von heute?

Mich bestimmen immer wieder zwei Ängste. Wenn ich sehe, wie sich die USA, die als Erste überhaupt ja eine Verfassung hatten, entwickeln, wie Marie Le Pen in Frankreich fast Präsidentin geworden wäre oder was sich in Österreich entwickelt, bekomme ich Angst um die von uns allen für selbstverständlich gehaltene Demokratie. Zudem habe ich Angst um die Natur. Ich bin Marktwirtschaftler. Aber die Staatengemeinschaft muss ihr Machtmonopol dazu nutzen, die Natur gegen die reinen Interessen an Aktienrenditen zu schützen. Es kann doch nicht sein, dass Bauern im Alten Land wegen des Insektensterbens Angst um die Befruchtung ihrer Bäume haben müssen und ich mich nicht mehr über Libellen freuen kann.

Sie sind ein Intellektueller, der aber keine intellektuellen Filme machen will, warum nicht?

Intellektuelle analysieren und argumentieren. Aber jeder Intellektuelle ist, wie jeder Mensch, vor allem ein emotional gesteuertes Wesen. Der Geschichtenerzähler benutzt beides, Vernunft und Gefühl. Für mich steht im Kern jeder großen Geschichte immer ein Gefühl oder eine Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung, Rache, Geborgenheit oder Macht.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen