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Das Sonntagsgespräch : „Handwerk ist unverzichtbar“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Kreishandwerksmeister Norbert Lanz.

Pinneberg | Norbert Lanz ist Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Westholstein, die die Interessen von etwa 1000 Betrieben aus den Kreisen Pinneberg und Steinburg vertritt. Im Sonntagsgespräch erläutert Lanz unter anderem, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf das Handwerk hat.

Mit was für Problemen hat das Handwerk zu kämpfen?
Die Zahl der Aufträge steigt, die Facharbeiter werden dagegen weniger. Deswegen ist es für viele Betriebe schwierig, der großen Nachfrage Heer zu werden, da die Kunden immer sofort bedient werden wollen und kein Verständnis für Wartezeiten haben. Auch die Nachwirkungen der Novellierung der Handwerksordnung belasten uns. Es war ein Fehler, ein funktionierendes System zu zerstören. Es ist ein Trugschluss, dass man das Handwerk nicht erlernen muss. Aufgrund der Novellierung sind viele junge Leute mit einem Betrieb auf dem Markt, obwohl sie gar nicht in der Lage sind, diesen zu führen. So gibt es viel zu viele Kleinstbetriebe, die ihre Leistungen zu Preisen anbieten, die für ein normales Handwerksunternehmen mit sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen unrealistisch sind.

Sind alle Branchen von diesem Konkurrenzdruck betroffen?
Die Heizungs- und die Sanitärbranche sowie die Elektriker sind durch die Versorger weitestgehend geschützt. Bei allen anderen sieht es dagegen schlecht aus. Dort ist vor allem die Schwarzarbeit nach wie vor ein Problem. Die wird von vielen immer noch als Kavaliersdelikt betrachtet.

Es hieß einmal, dass das Handwerk goldenen Boden hat. Ist das immer noch so?
Goldener Boden ist sicherlich übertrieben. Wer seine Arbeit versteht, wird auf jeden Fall gut zurechtkommen. Das Handwerk ist nämlich immer noch unverzichtbar. Ohne Handwerk ist kein Leben machbar.

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf das Handwerk?
Auch wir kommen nicht an der Digitalisierung vorbei. Ein Beispiel dafür ist das Building Information Modeling, kurz BIM, mit dem Projekte ganzheitlich geplant werden. Bei größeren Projekten macht das auch Sinn. Damit kann ein Chaos wie beim Berliner Flughafen vermieden werden, bei der eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Es darf aber niemand vergessen, dass 85 Prozent der Unternehmen im Bau- und Ausbaugewerbe Klein- und Kleinstbetriebe sind und eine solche ganzheitliche Planung personell gar nicht stemmen können. Nach Auffassung der Politik sind Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern Kleinstbetriebe. Bei denen wird die Digitalisierung auch in Zukunft hinterher hinken. Die Arbeit mit den Händen wird gerade bei diesen Firmen weiter im Mittelpunkt stehen. Es gehört aber auch dazu, mit der Zeit zu gehen, um am Markt zu bestehen.

Ist es für das Handwerk schwierig, geeignete Auszubildende zu finden?
Es ist nicht leicht, gute Auszubildende zu finden. Wir haben durch unsere Kampagne dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit wahrnimmt, was das Handwerk tut und was es kann. Etliche Jugendliche wissen gar nicht, wie viele Handwerksberufe es überhaupt gibt. Den Heranwachsenden wird zudem überall vermittelt, dass sie das Abitur brauchen und danach studieren sollen. Nur die akademische Laufbahn steht im Blickpunkt. Das ist völliger Blödsinn. Wir müssen verdeutlichen, welche Chancen wir den Jugendlichen bieten. Viele wissen beispielsweise gar nicht, dass sie durch eine erfolgreiche Ausbildung auch einen weiterführenden Schulabschluss erreichen können und dazu eine Basis für ihr künftiges Berufsleben haben.

Was ist die größte Veränderung im Handwerk in den vergangenen Jahrzehnten?
Früher war die Arbeit körperlich anstrengender. Dank der Maschinen ist die Kraft heute nicht mehr entscheidend.

Was wünschen Sie sich von der Politik?
Dass sie auch mal wieder an die Kleinen denkt. Es wird immer von den Industriebetrieben und von tausenden Arbeitsplätzen geredet, die gerettet werden müssen. Tausende kleinere Unternehmen, die auch Angestellte haben, spielen keine Rolle.

Wie ist die Situation der Handwerksbetriebe im Kreis Pinneberg?
Insgesamt positiv. Es gibt Branchen, die Schwierigkeiten haben, Aufträge abzuarbeiten. Manche leben aber auch von der Hand in den Mund und freuen sich über jeden Kunden, der kurzfristig Bedarf hat. Arg gebeutelt ist vor allem das Handwerk, dessen Arbeit witterungsabhängig ist.

Was gefällt Ihnen persönlich am Handwerk?
Handwerk ist toll, interessant und vielseitig. Ich sehe, was ich mit meinen eigenen Händen geschaffen habe. Wenn ich durch den Kreis fahre, entdecke ich vieles, was von mir gebaut wurde. Das ist ein schönes Gefühl.

Was macht für Sie den Reiz an der Arbeit als Kreishandwerksmeister aus?
Ich bin nicht nur auf meine eigene Arbeit fixiert, sondern bekomme einen Überblick über das gesamte Handwerk. Mittlerweile habe ich auch die entsprechenden Kontakte zur Politik und kann dort unsere Sorgen vermitteln.

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erstellt am 25.Jun.2017 | 15:00 Uhr

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