zur Navigation springen

Interview mit Dieter Lenzen : Hamburgs Uni-Präsident: „Eine Online-Uni? Das möge Gott verhüten!“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Uni-Präsident Dieter Lenzen über das Bachelor-Studium als Mogelpackung und schlechtes Benehmen von Studenten.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2016 | 10:00 Uhr

Hamburg | Herr Lenzen, nach der Anzahl der Studenten ist die Universität Hamburg in Deutschland die Nummer fünf. Wo steht sie qualitativ?
Dieter Lenzen: Mittlerweile unter den Top Ten. Die internationalen Rankings zeigen einen Aufwärtstrend. Wir sind beispielsweise sehr stark bei den Zitationen, also bei der Wahrnehmung unserer wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Bei der Image-Befragung schneiden wir allerdings schlechter ab.

Wann schaffen Sie den Sprung in den Kreis der Exzellenz-Universitäten?
Wir arbeiten daran. Die Frage stellt sich erst wieder in zwei Jahren. Derzeit erstellen wir die Anträge für die Cluster, dann wird entschieden, wer einen Hauptantrag als Exzellenz-Universität stellen darf. Das entscheidet sich im nächsten Herbst. Erst danach sind Anträge in der 2. Förderlinie („Exzellenzuniversitäten“) möglich.

Wie wichtig wäre die Anerkennung als Exzellenz-Uni?
Es wäre fahrlässig, es nicht zu versuchen, weil mit der Zuerkennung sehr viel Geld verbunden wäre. Zwischen 25 und 30 Millionen Euro im Jahr. Da können wir nicht sagen: Danke, brauchen wir nicht. Ob wir es schaffen, werden wir sehen. Wir tun unser Bestes.

Früher hieß es, Hamburg als Stadt der Kaufleute und Pfeffersäcke brauche keine herausragende akademische Bildungsstätte. Ist das überwunden?
Ich glaube, das hat sich erheblich geändert. Was auch daran liegt, dass wir sehr viel für die Öffentlichkeitsarbeit tun, um zu zeigen, wofür ist das gut, was die Wissenschaft in Hamburg macht. Ein schönes Beispiel ist die Veranstaltung „Wissen vom Fass“, bei der wir versuchen, mit Vorträgen in Kneipen die Bevölkerung zu erreichen. Dazu kommen Aktionen wie etwa Kinder-Uni, Schüler-Forschungslabors und die Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen.

Die Hamburger wissen inzwischen also, was sie an ihrer Universität haben?
Ja. Es muss sich das Bewusstsein durchsetzen, dass Wissenschaft das zweite Standbein Hamburgs ist, neben dem Hafen. Es ist wesentlich, international auch als eine intellektuelle Stadt sichtbarer zu werden. Der Bürgermeister unterstützt das inzwischen aktiv. Wir sind auf einem guten Weg, aber es gibt auch noch Luft nach oben, verglichen etwa mit München und Berlin, besonders, was die Finanzierung angeht.

Muss die Uni Studiengänge streichen, um Ressourcen für ihre Stärken zu bündeln?
Nein. Wir wollen eine Volluniversität im klassischen Sinne bleiben. Wir bieten knapp 200 Studiengänge, das ist schon ein Attraktivitätsgewinn. Zugleich konzentrieren wir uns aber natürlich auf bestimmte Bereiche. Man kann nicht alles auf demselben Topniveau anbieten.

 

Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Insgesamt sieben in der Forschung: Klima/Erde/Umwelt, Photonen- und Nanowissenschaften, Manuskriptforschung, Neurowissenschaften, Infektionsforschung/ Strukturbiologie, Teilchen,- Astro,- und Mathematische Physik sowie Gesundheitsökonomie.

Bekommen Sie genug Geld vom Senat?
Wir haben einen bis 2020 gültigen Hochschulvertrag, der einen Anstieg der Mittelzuweisungen um jährlich 0,88 Prozent vorsieht. Das gleicht nicht einmal die Kostensteigerungen aus. Der Wissenschaftsrat empfiehlt eine Steigerung um 3,5 Prozent. Und so muss es auch sein. Mit dieser Erwartung gehen wir im kommenden Jahr in die Verhandlungen für einen neuen Vertrag.

Wie beliebt ist die Uni Hamburg bei Studienanfängern?
Sehr, und das ist ein Problem. Wir haben jeweils etwa 50.000 Bewerbungen auf 5000 bis 6000 freie Anfängerplätze.

Wie verändert Digitalisierung die Hochschule? Kann man demnächst in Hamburg studieren, ohne je einen Hörsaal betreten zu haben?
Da sei Gott vor! Das würden wir nicht wollen und das betreiben wir auch nicht. Unsere Digitalisierungsstrategie zielt darauf, die neuen Technologien zu nutzen, um Lerneffekte zu verbessern. Bildliche Information können den Lernerfolg um bis zu 35 Prozent steigern. In der Hinsicht sind digitale Medien unüberbietbar.

Sind Studenten heute anders als – sagen wir – vor 40 Jahren?
Ja, natürlich. Wir beobachten, dass die Erwartungen und Anforderungen an das Studienfach immer häufiger nicht zusammenpassen. Zum Beispiel sind die Mathekenntnisse von jungen Leuten, die BWL studieren wollen, sehr häufig problematisch lückenhaft.

Biografisches

Professor Dr. Dieter Lenzen (69) ist seit März 2010 Präsident der Universität Hamburg und hat in diesem Jahr seine zweite sechsjährige Amtszeit begonnen. Der gebürtige Münsteraner wurde 1975 im Alter von 28 Jahren Professor für Erziehungswissenschaft und damit Deutschlands jüngster Hochschullehrer. Der Japan-Fan studierte auch Philosophie sowie Deutsche, Englische und Niederländische Philologie. Vor seiner Hamburger Zeit leitete er die Freie Universität Berlin und führte sie zum Exzellenzstatus. Bekannt ist der leidenschaftliche Hochseeangler auch mit seiner Thalia-Talkshow „Wahnsinn trifft Methode“, die er mit Julia Sen moderiert. Lenzen hat drei erwachsene Söhne.

 

Was tun Sie dagegen?
Wir haben aus Mitteln des Bundes das Universitätskolleg gegründet, um Abiturienten fit zu machen fürs Studieren, zum Beispiel eben bei Mathematik, aber auch in Fremdsprachen, Naturwissenschaften und so weiter. Die Teilnahme ist freiwillig.

Studienanfänger sind wegen des G8-Abiturs jünger als früher. Mit welchen Folgen?
Früher waren Hochschulabsolventen im Durchschnitt knapp 30 Jahre alt, heute etwa 25. Das hat eine unterschiedliche Ausprägung der Persönlichkeit zur Folge. Deswegen legen wir großen Wert darauf, die Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Die Universität hat auch eine Bildungsverpflichtung, nicht nur eine Ausbildungsverpflichtung.

Wie machen Sie Studenten reifer?
Wir vermitteln außer Studierkompetenzen auch ausgebliebenes Weltwissen. Mein Lieblingsbeispiel ist: Studenten dürfen das Mittelalter nicht in das 19. Jahrhundert verlegen ...

… so was kommt vor?
Es gibt solche Fälle. Ich selbst habe vor ein paar Jahren die Pisa-Tests bei Studienanfängern gemacht. Das Ergebnis war eine Katastrophe. Wir verpflichten Studenten deshalb künftig zu zusätzlichen Wahlfächern, um ihr Wissen zu verbreitern. Und wir denken sogar über eine Art General Studies oder Liberal Arts nach, damit das Studium nicht nur spezialisiertes Fachwissen vermittelt.

General Studies − in sechs Semestern Bachelor-Studium wird das aber knapp ...
Ja, deshalb möchte ich auch mit dem Staat ins Gespräch kommen, um das Bachelor-Studium auf acht Semester zu verlängern. Wir müssen den jungen Menschen die Chance zur Reifung geben. Das heißt aber, dass es mehr Studienplätze geben muss.

Das wäre das Ende des Bologna-Prozesses ...
Der Bologna-Prozess ist für die Studenten zur Mogelpackung geworden. Die Einbildung, nach sechs Semestern ein richtiger Akademiker zu sein, ist völlig falsch. Der Bachelor-Abschluss ist mit einem Diplom oder Magister nicht immer vergleichbar.

Der angehende Betriebswirt braucht also mehr Zeit, soll auch Philosophie und Ethik lernen, damit er ein verantwortungsvoller Manager wird?
Unbedingt. Jungen Leuten muss man klarmachen, dass riesige Gewinne immer auch auf Kosten anderer Menschen gehen und dass Geld nicht auf Bäumen wächst.

Die Wirtschaft wäre nicht begeistert von längeren Studienzeiten …
Ganz im Gegenteil. Inzwischen sagt die Wirtschaft häufig: Die Hochschulabsolventen sind zu jung und zu unreif, wie sollen wir aus denen Führungskräfte machen?

Die Uniklink Eppendorf hat gerade einen Verhaltens-Kodex für Studenten formuliert. Studierende sollen in Vorlesungen nicht mehr am Handy daddeln oder essen und anständig angezogen zu den Patienten ans Bett treten. Wird es solche Regeln auch für die Universität geben?
Nein, an der Universität ist das nicht umsetzbar, wir können hier nur appellieren. Aber tatsächlich ist das Verhalten von Studierenden in den Vorlesungen ein großes Problem geworden. Der Dozent kann nicht sehen, ob ein Zuhörer gerade am Laptop eifrig mitschreibt oder Spiele spielt.

Herrscht im Verhältnis zu den anderen Hochschulen im Norden mehr Konkurrenz oder Kooperation?
Kooperation. Wir haben beispielsweise gemeinsam mit der Uni Kiel Verbindungen zu skandinavischen Universitäten geknüpft. Vergleichbar eng ist die Zusammenarbeit mit Bremen, Lübeck und Lüneburg. In der Forschung ist Kooperation ohnehin üblich, weil beispielsweise nicht an jedem Standort jedes Gerät angeschafft werden kann. Im Übrigen gibt es unter den Hochschulen einen Nordverbund, etwa für eine gemeinsame Qualitätssicherung in Lehre und Forschung, ein gemeinsames politisches Auftreten sowie gemeinsame Kandidaten für den deutsche Forschungsrat.

Die Politik in Hamburg hat früher laut über die Zusammenlegung von Studiengängen im Norden nachgedacht. Ist das vom Tisch?
Über die Ländergrenzen hinweg ist das sehr schwierig. Schließlich stehen die Bundesländer untereinander im Wettbewerb.

Professor Dr. Dieter Lenzen persönlich...
Wenn Hamburg Berlin etwas voraus hat, dann ist es... Besonnenheit.

An Hamburg fehlt mir… Geschwindigkeit.

Am besten entspanne ich… beim Hochseeangeln.

Mein dickster Fang war… ein 28 Kilo schwerer Dorsch vor Norwegen.

Gut verzichten könnte ich auf… autokratisches Handeln.

Wenn ich einen Tag Hamburger Bürgermeister wäre, dann würde ich… das nicht wollen.

Die Vorstellung einer reinen Online-Uni ist für mich… der Horror, das darf es nicht geben.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen