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Digitalisierung : Hamburger Hafen testet ein neues Turbo-Datennetz

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Hamburg hat den Zuschlag für ein EU-Projekt zur Einführung des 5G-Standards erhalten.

shz.de von
erstellt am 27.Sep.2017 | 11:53 Uhr

Hamburg | Was ist, wenn Schiffe kein Echolot mehr brauchen und stattdessen die Untiefen der Elbe dreidimensional auf der Brille des Kapitäns erscheinen? Was ist, wenn Schiffe künftig keine Lotsen mehr brauchen, sondern ferngesteuert manövriert werden?

Was heute noch wie Zukunftsmusik klingt, wird schon in einigen Jahren im Hamburger Hafen Realität sein können: Die Europäische Union hat den Hamburger Hafen zum Testgebiet für den neuesten Mobilfunkstandard 5G auserkoren. Die Hafenbehörde Hamburg Port Authority (HPA) soll vor der europaweiten Einführung von 5G im Jahr 2020 die Anwendbarkeit des Turbonetzes erforschen. Die zweijährige Testphase ist bereits angelaufen und dauert bis Juni 2019. Als Projektpartner sind die Telekom, der Handy-Hersteller Nokia und verschiedene Universitäten im Boot.

HPA-Chef Jens Meier ist sicher, dass dieses Projekt die „Digitalisierung des Hafens enorm vorantreiben wird und Hamburg auf Weltstadt-Niveau hebt“. Besonders stolz ist man bei der HPA auch deshalb, weil sich zahlreiche europäische Städte um die EU-Fördergelder für den Test beworben hatten. „Hamburg kann sich feiern, den Zuschlag bekommen zu haben“, so Meier. Außer Hamburg erhielt nur noch Venedig einen Zuschlag, wo in den beiden kommenden Jahren die touristische Nutzungstauglichkeit von 5G getestet wird. Federführend bei der HPA ist Sebastian Saxe, Chef der Abteilung Digitalisierung. Er erklärt das Projekt so: „Ohne Strom funktioniert kein Küchengerät, ohne 5G gibt es keine Digitalisierung.“

Das Turbonetz 5G, das zehnmal schneller sein soll als der modernste LTE-Standard, böte die Infrastruktur, um künftig komplexe Daten und sehr große Datenmengen schnell und verlässlich übertragen zu können. Für die Testphase wird auf dem Fernsehturm eine Funkstation angebracht, zwei weitere Sender sollen im Hafen installiert werden.

Neue Glasfaserleitungen müssen nicht neu verlegt werden, ein „nicht zu unterschätzende Kostenersparnis“, wie Jens Meier betont. Welche digitalen Steuerungen und Anwendungen mit dem schnellen und modernsten Mobilfunknetz möglich sein werden, soll schon bald im Hamburger Hafen sichtbar werden: Ab 2018 sind erste Tests geplant. Im echten Digitalleben hat die Hafenwirtschaft derzeit noch mit einem eher schlechten Breitbandausbau zu kämpfen. Die Situation konnte zwar nach Kritik der Hafenunternehmer etwas verbessert werden. Aber Meier räumt ein: „Es ist noch nicht das, was ich mir wünsche.“

 

Kommentar: Fluch und Segen

Alle reden von Digitalisierung, aber die wenigsten sind darauf vorbereitet. Handelskammer-Präses Tobias Bergmann hat sich erst kürzlich in einem Interview mit dieser Zeitung besorgt darüber geäußert, dass viele Unternehmen vor der Digitalisierung stehen wie das Kaninchen vor der Schlange. Und dennoch: Sie wird schneller, als viele sich das wünschen, sie wird die Arbeitswelt auf den Kopf stellen – und sie ist unausweichlich.

Das 5G-Projekt der HPA im Hamburger Hafen ist ein Paradebeispiel dafür. Und es zeigt, dass die Digitalisierung Fluch und Segen zugleich ist. Denn einerseits hält es den Hamburger Hafen international wettbewerbsfähig, wenn etwa Container- wie Kreuzfahrtschiffe künftig automatisiert manövriert werden können und digital gesteuerte Ampelanlagen für fließenden Lkw-Verkehr im Hafen sorgen. Das Turbonetz 5G ist die Voraussetzung dafür und Hamburg wird dank des Projekts in zwei Jahren, wenn 5G flächendeckend eingeführt werden soll, weiter sein als andere internationale Häfen. 

Doch wie jede Medaille hat auch die Digitalisierung eine Kehrseite: Wie viele Lotsen braucht etwa der Hamburger Hafen noch, wenn Schiffe ferngesteuert und hochpräzise wenden und anlegen können − um nur ein Beispiel zu nennen. Die Digitalisierung wird viele Arbeitsplätze kosten und ganze Berufsbilder auslöschen. Aufzuhalten ist diese Entwicklung nicht mehr. Der Digitalisierungs-Zug ist längst losgefahren. Man sollte aufspringen, sonst verliert Hamburg den Anschluss. (Barbara Glosemeyer)

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