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Pinneberger Tageblatt

23. November 2017 | 05:04 Uhr

„Hamburg ist ein schweres Pflaster“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Neues Album Lokalband Kill all the sexy People macht seit 2009 Musik / Interview über geplatzte Träume und überzogene Texte

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2017 | 16:00 Uhr

Sie sind eine der wenigen Nachwuchsbands in der Region, die sich gehalten haben: Kill all the sexy People machen seit 2009 gemeinsam Deathcore-Musik. Am Freitag feierten die vier Musiker die Veröffentlichung ihres neuen Albums „Philanthropy“ vor etwa 200 Fans im Geschwister-Scholl-Haus in Pinneberg. Jan Hintelmann (Gitarre) und Matthias Stutzke (Bass) zeigen sich im Gespräch begeistert von Konzertgängern im Süden und verteidigen ihre zum Teil verstörenden Texte.

Frage: Eure Musik ist – sagen wir – gewöhnungsbedürftig. Nicht, weil es Deathcore ist, sondern vor allem aufgrund der Texte. Wer schreibt die?

Stutzke: Die entstehen bei Julian im Kopf (Julian Mohr ist der Sänger der Band, Anm. d. Red.). Wir haben unterschiedliche Rollen in der Band. Wir beide sind gemeinsam mit Drummer Dario Hüls für den instrumentalen Teil zuständig und Julian kümmert sich um die Texte.

Hintelmann: Das klappt gut. Julian fallen Texte auch zwischendurch ein, dann notiert er sie auf dem Handy. Oder er sitzt zu Hause am Rechner und zimmert das zusammen. Er hört sich den fertigen instrumentalen Song wieder und wieder an und überlegt, was ihm dazu einfällt. Wenn er es einsingt, zeigt sich, ob es passt.

In dem Song „It’s All About the Cake“ heißt es zum Beispiel: „Our female fans jump in the pit to have an abortion” („Unsere weiblichen Fans springen in den Moshpit (Kreis vor der Bühne, in dem sich die Konzertgänger schubsen, Anm. d. Red.), um eine Abtreibung zu haben“).Schon sehr derbe  ...

Stutzke: Die Texte sind sehr überzogen und teilweise sehr direkt. Das wird manchmal als Provokation aufgefasst. Meistens sind sie ironisch. Das darf man nicht so ernst nehmen.

Hintelmann: Naja, bei dieser Musik kann man auch nicht über Bienchen und Blümchen singen.

Wie kommt man auf solche Texte?

Stutzke: Allgemein würde ich sagen, Julian behandelt das, was ihn gerade beschäftigt. Er versucht manchmal Dinge, die ihn persönlich nerven, übertrieben aufzugreifen, was dazu geführt hat, dass wir schon das ein oder andere Venue nicht spielen durften.

Habt ihr auf eurem neuen Album „Philanthropy“ auch Features mit anderen Musikern?

Hintelmann: Wir haben ein kleines Feature mit dem Sänger von „Brothers in Arms“ eingebaut. Er singt bei zwei Songs die ersten Zeilen.

Was macht ihr, wenn ihr nicht gerade Musik macht?

Stutzke: Wir üben alle normale Berufe aus. Jan ist selbstständiger Softwareentwickler, ich arbeite als IT-Ingenieur bei einem Versandhändler, Julian ist Geschäftsführer einer Medienagentur und Dario ist als Sozialpädagoge in einem Krankenhaus unterwegs. Musik machen wir neben dem Beruf, als Hobby. So wie andere Fußball spielen.

Hintelmann: Unser Fokus liegt nicht mehr auf der Musik, das erklärt, warum die Auftritte zurückgegangen sind.

Gab es in euren Jobs schonmal Probleme, weil ihr in einer Deathcore-Band spielt?

Hintelmann: Eher umgekehrt: Aufgrund unserer Jobs kommen Auftritte nicht zustande oder Proben werden abgesagt.

Stutzke: Im Job wird das tatsächlich sehr positiv aufgefasst, dass ich in einer Band spiele. Das spricht beispielsweise für Teamfähigkeit. Auch wenn diese Musik, die wir machen, von den meisten Leuten als „Krach“ aufgefasst wird.

Welche Ziele habt ihr als Band? Was wollt ihr erreichen?

Hintelmann: 2009 hätten wir gesagt, wir wollen damit irgendwann unseren Lebensunterhalt verdienen. Aber diese Blase zerplatzt dann irgendwann natürlich.

Stutzke: Wir würden aber gern mal auf Tour gehen. Das wäre toll. Wir stecken uns mittlerweile kleine Ziele. Berühmt zu werden – davon sind wir weg. Schon eine kleine Tour wäre für uns großer organisatorischer Aufwand während des Jobs.

Ihr habt mal im Uebel & Gefährlich in Hamburg vor 2000 Leuten gespielt. Seid ihr immer noch nervös vor Auftritten?

Hintelmann: Ja, da waren wir sehr überrascht, als die Lichter angingen und der ganze Raum voller Menschen war. Unser ehemaliger Gitarrist Daniel hat da auch weiche Knie bekommen. Aber inzwischen haben wir Routine. Wir sind nicht nervös, weil wir vor vielen Leuten spielen, sondern eher, ob alles glatt läuft. Zum Beispiel, ob die „Backing Tracks“, fertige Aufnahmen, die eingespielt werden, richtig laufen.

Habt ihr bestimmte Rituale vor euren Auftritten?

Stutzke: Ich dehne mich vor den Gigs, sonst bekomme ich Nackenprobleme.

Wann kann man Kill all the sexy People wieder auf der Bühne sehen?

Stutzke: Wir spielen am 15. Juli in Hamburg im Pooca eine Headlinershow und bekommen Unterstützung von Bands aus Stuttgart und Köln. Welche das sind, dürfen wir noch nicht sagen.

Viele sagen, Deathcore sei tot.

Stutzke: Das hören wir auch öfter. Dass die Leute, die Deathcore gehört haben, jetzt Elektro hören und die Szene nicht mehr existiert.

Hintelmann: Wir nehmen das allerdings nicht so wahr. Hamburg war schon immer ein schweres Pflaster, weil da herrschen eher die verschränkten Arme vor der Bühne. Aber je weiter man gen Süden geht, desto offener sind die Menschen. Selbst wenn man dort zum ersten Mal spielt, sind die Leute begeistert. Hamburg ist natürlich auch übersättigt, da kommen die ganzen großen Bands hin. Wenn man in einem kleinen Ort in der Schweiz spielt, sind die Menschen dankbar.

Ist das hier in Pinneberg auch so?

Stutzke: In Pinneberg gibt es nicht mehr viel. Von den ganzen alten Bands existieren eigentlich überhaupt keine mehr. Früher war das anders. Ich erinnere mich noch, wie ich mit 16 Jahren beim „Black and White“-Konzert mit „Delay by Suicide“ war. Das ist echt schade. Wir machen immer noch gemeinsam Musik, weil wir Bock haben und keinen Druck verspüren.


Das neue Album „Philanthropy“ ist auf allen bekannten Plattformen erhältlich.

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