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Tracking in Pinneberg : Händler orten Handy-Nutzer

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Stadtmarketing will Kunden in der Pinneberger Innenstadt zählen. Datenschutzbeauftragte warnt vor den Risiken.

shz.de von
erstellt am 13.Okt.2017 | 14:00 Uhr

Pinneberg | Das Pinneberger Stadtmarketing ortet in Zukunft Handy-Nutzer in der City. Das Stadtmarketing will so Kundenströme messen und für die Wirtschaftsförderung auswerten. „Der Datenschutz ist gewährleistet“, sagt Dirk Matthiessen, Geschäftsführer des Stadtmarketings. Die schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Marit Hansen warnt dagegen vor Risiken.

Pinneberg ist nach Eckernförde erst die zweite Stadt Schleswig-Holsteins, die diese Technik einsetzt. An vier Standorten entlang der Dingstätte installiert der Dienstleister Vitracom schuhkartongroße Scanner. Passieren Menschen diese Boxen in einem Radius von etwa 500 Metern, werden ihre Mobiltelefone erfasst, sofern die Funktion zur Suche von WLAN-Netzen aktiviert ist. Das Ganze nennt sich Frequenzmessung mit WLAN-Tracking. Um Mehrfachzählungen desselben Geräts zu vermeiden, müssen die Gerätenummern, die sogenannten MAC-Adressen, erfasst werden. Sie sollen jedoch anonymisiert gespeichert werden.

Vitracom ist ein Unternehmen, dass sich auf Kundenzählungen spezialisiert hat. Es erfasst Menschen, die ein Geschäft betreten, sich vor Regalen oder Schaufenstern aufhalten, an der Kasse bezahlen oder einen Informationsschalter aufsuchen mit Scannern und Videotechnik. Aufgezeichnet werden etwa Laufwege und Verweildauer. Auftraggeber sind unter anderem große Kaufhäuser.

Bedenken ob der Datensammlung hat Matthiessen nicht. „Die Betreiberfirma hat uns gegenüber erklärt, dass der Datenschutz gewährleistet ist. Die Identität der Handy-Nutzer interessiert uns nicht und wir wollen auch keine Bewegungsprofile erstellen“, sagt Matthiessen. Ziel sei festzustellen, wie viele Menschen sich bei besonderen Aktionen in der Innenstadt bewegten. „Wir wollen zum Beispiel wissen, ob das Weinfest tatsächlich 30  000 Besucher hat oder wie viele Menschen zum Weihnachtsmarkt kommen.“ Die Daten sollen auch die Vermarktung leer stehender Geschäftslokale vereinfachen, indem sie Argumente für die Kundenfrequenz in der Innenstadt liefern.

Die Hälfte der Kosten von etwa 6000 Euro pro Jahr übernimmt die Stadt Pinneberg. Den Rest teilen sich fünf Unternehmen, wie Matthiessen sagt. „Das Projekt ist aber für alle offen. Wer sich an den Kosten beteiligt, kann direkten Zugriff auf die Daten bekommen“, sagt der Stadtmarketingchef. Skeptisch zeigt sich dagegen die Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, Marit Hansen. „Aus Datenschutzsicht ist es so, dass MAC-Adressen verarbeitet werden dürfen, wenn dies für die Diensterbringung, etwa einen Internet-Zugang über WLAN, erforderlich ist. Zu anderen Zwecken wäre es aber kritisch, die Daten zu nehmen. Nach europäischem Datenschutzrecht darf man nicht einfach Daten verarbeiten, nur weil man leicht an sie herankommt“, kritisiert Hansen.

Nach Einschätzung der Datenschutzbeauftragten werden die Informationen im angewandten Verfahren nicht anonymisiert. „Wir Datenschützer sprechen von Anonymisierung, wenn wirklich kein Rückschluss auf die Person möglich ist. Das ergibt sich aus dem Datenschutzgesetz. Aber wenn nur Gerätenummern umcodiert werden, ist dies nicht anonym. Der Anbieter spricht davon, dass Mehrfacherkennung vermieden wird. Dann handelt es sich wohl um eine Pseudonymisierung. Die Daten sind weiter personenbezogen“, bemängelt Hansen. „Auf der Webseite des Anbieters wird behauptet, dass der Dienst datenschutzkonform ist. Aber wie dies realisiert wird, kann ich nicht erkennen. Dort sehe ich noch Klärungsbedarf.“

Hansen sieht große Risiken für die Handybesitzer: „Nach unserer Erfahrung werden Daten, die erst einmal gesammelt werden, oft zu mehreren Zwecken verwendet. Technisch wäre es möglich, dass trotz der Codierung der MAC-Adressen nachgeschaut wird, ob Bekannte, deren Gerätenummer man vorher ausgelesen hat, sich zu einem Zeitpunkt an einem bestimmten Ort aufgehalten haben. Das könnte beispielsweise für Arbeitgeber oder im Fall von Schulschwänzern oder auch für die Polizei interessant sein.“

Detailliertes Offline-Tracking berge das Risiko, dass die Informationen für gezielte Werbung und Manipulation des Verhaltens genutzt würden. „Man könnte auch speichern, welche Handys bei einer Demonstration an den Messpunkten vorbeikommen. Dies ist bestimmt nicht das Interesse des Stadtmarketings, aber die Technik ermöglicht eine solche Nutzung.“ Einzige Möglichkeit für Handy-Nutzer, den Datenschnüfflern zu entkommen, ist die Deaktivierung von WLAN und Bluetooth. „Es ist aber nicht in Ordnung, wenn jeder, der auf Datenschutz achtet, Funktionen aufgeben muss“, sagt Hansen.

Reine Zählungen seien eigentlich unproblematisch – solange dies nicht anhand von eindeutigen Identifikatoren wie den Gerätenummern der Smartphones geschehe. So funktionierten etwa Laserscanner ohne Erhebung sensibler Daten. Die Landesdatenschutzbeauftragte sagt: „Wer nur Besucher zählen möchte, kann dies datenschutzfreundlicher und sogar umfassender auf anderem Wege erreichen.“

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