Gründlich bis zur Grausamkeit

sh:z-Kulturredakteur Martin Schulte im Gespräch mit Autor Jens Petersen. Foto: Jacobshagen
sh:z-Kulturredakteur Martin Schulte im Gespräch mit Autor Jens Petersen. Foto: Jacobshagen

Dorthin, wo er 2005 seine erste öffentliche Lesung gehalten hat, ist der frisch gekürte Bachmann-Preisträger Jens Petersen zurückgekehrt. Und nahm das Publikum, das zahlreich in Pinnebergs "bücherwurm" geströmt war, wie im Fluge für sich ein.

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19. Juli 2009, 07:10 Uhr

Pinneberg | Als sich Jens Petersen mit 22 Jahren in München zu einem kreativen Schreibkursus anmelden wollte, war sein Vater dagegen. "Lass das mal. Rimbaud hat schon mit 15 tollste Gedichte geschrieben, dafür bist du zu alt", habe der gesagt. - "Eine subtile Art mich anzustacheln", lässt Petersen nach wohldosierter Pause sein Publikum wissen. Der Mann hat Entertainment-Qualitäten.

Viele solcher kleinen privaten Details erfuhren die zahlreichen Zuhörer, die dem quasi über Nacht berühmt gewordenen Sohn der Stadt bei seiner ersten Heimatlesung nach der Verleihung des renomierten Ingeborg-Bachmann-Literaturpreises im "bücherwurm" in Pinneberg lauschten. Locker und selbst nicht ohne Spaß an der Sache las der Autor seinen Siegertext vor: das letzte Kapitel seines noch nicht fertiggestellten Romans "Bis dass der Tod . . .".

Darin geht es um Alex, der seine unheilbare kranke Frau Nana aus Mitleid erschießt. Den Vorsatz, sich anschließend selbst zu töten löst er allerdings nicht ein - zumindest zunächst nicht. Ein sehr präziser Text in klarer Sprache über ein schwieriges Thema, leitete Moderator Martin Schulte, Kulturredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (sh:z), ein. Der sh:z hatte die Lesung unterstützt.

Und wirklich, das Publikum konnte sich davon überzeugen, was schon die Klagenfurter Jury beeindruckt hatte: Mit genauer Beobachtungsgabe und treffender Wortwahl, vor allen Dingen aber in stimmigen und anschaulichen Metaphern ("schmutzige Erde lugt wie Pocken unterm Schnee hervor") beschreibt Petersen dieses Ende auch deswegen so eindringlich, weil der ausweglosen Final-Situation immer wieder Erinnerungen aus unbelasteter Zeit gegenübergestellt werden. Beschreibungen, gründlich bis zur Grausamkeit, irgendwie aber auch schön, schön ausgefallen, wenn Alex etwa nach einem Hustenanfall dem Schlingern seiner Schleimfäden in seinen Bronchien nachhorcht.

"Und, haben Sie sich entschieden, was mit ihm passiert?", forschte Schulte dem offenen Ende nach. Zögern: "Ne", lautete Petersens knappe Antwort. Der Roman könne eine Liebesgeschichte oder die Leidensgeschichte des Mannes sein, je nachdem, ob dieses Kapitel das erste oder das letzte werde. Auf alle Fälle gehe es ihm nicht darum, Erlebnisse aus seinem Beruf zu verarbeiten, stellte der Preisträger klar.

Der 33-jährige Petersen befindet sich zurzeit in der Facharztausbildung am Zürcher Universitätsspital. Er schreibe, bekannte er auf Nachfrage der Zuhörer, einfach drauflos - täglich. Von 50 Seiten würden durchschnittlich 40 weggeschmissen, irgendwann hake sich ein Konzept ein.

Und wohin das Pendel nach dem berauschenden Erfolg jetzt ausschlage? In Richtung Beruf Arzt oder Berufung Autor? "Der Bachmann-Preis ist wie eine Torte", konterte Petersen mit einem Bild, "sie schmeckt ganz toll, aber man kann nicht drauf stehen." Eine Verpflichtung allerdings habe er jetzt, sich selbst und der Jury gegenüber. Sein Honorar für die Lesung im "bücherwurm" spendete der amüsante Jungautor dem Verein Pinneberger Kinder. Dorthin, wo er 2005 seine erste öffentliche Lesung gehalten hat, ist der frisch gekürte Bachmann-Preisträger Jens Petersen zurückgekehrt. Und nahm das Publikum, das zahlreich in Pinnebergs "bücherwurm" geströmt war, wie im Fluge für sich ein. Von Inge Jacobshagen Als sich Jens Petersen mit 22 Jahren in München zu einem kreativen Schreibkursus anmelden wollte, war sein Vater dagegen. "Lass das mal. Rimbaud hat schon mit 15 tollste Gedichte geschrieben, dafür bist du zu alt", habe der gesagt. - "Eine subtile Art mich anzustacheln", lässt Petersen nach wohldosierter Pause sein Publikum wissen. Der Mann hat Entertainment-Qualitäten. Viele solcher kleinen privaten Details erfuhren die zahlreichen Zuhörer, die dem quasi über Nacht berühmt gewordenen Sohn der Stadt bei seiner ersten Heimatlesung nach der Verleihung des renomierten Ingeborg-Bachmann-Literaturpreises im "bücherwurm" in Pinneberg lauschten. Locker und selbst nicht ohne Spaß an der Sache las der Autor seinen Siegertext vor: das letzte Kapitel seines Romans "Bis dass der Tod...", der noch gar nicht einmal fertiggestellt ist. Darin geht es um Alex und seine unheilbar kranke Frau Nana - ist das noch lebenswert, lebt sie noch? Um den Mitleidenden, der sie erschießt, den Vorsatz der Selbsttötung danach aber nicht einlösen kann, vielleicht noch nicht. Ein sehr präziser Text in klarer Sprache über ein schwieriges Thema, leitete Moderator Martin Schultz in die Lesung ein, die auch vom sh:z-Verlag unterstützt wurde. Und wirklich, das Publikum konnte sich davon überzeugen, was schon die Klagenfurter Jury beeindruckt hatte: Mit genauer Beobachtungsgabe und treffender Wortwahl, vor allen Dingen aber in stimmigen und anschaulichen Metaphern (schmutzige Erde lugt wie Pocken unterm Schnee hervor) beschreibt Petersen dieses Ende auch deswegen so eindringlich, weil der ausweglosen Final-Situation immer wieder Erinnerungen aus unbelasteter Zeit gegenübergestellt werden. Beschreibungen, gründlich bis zur Grausamkeit, irgendwie aber auch schön, schön ausgefallen, wenn Alex etwa nach einem Hustenanfall dem Schlingern seiner Schleimfäden in seinen Bronchen nachhorcht. "Und, haben Sie sich entschieden, was mit ihm passiert?", forschte Schultze dem offenen Ende nach. Zögern: "Ne", lautete Petersens knappe Antwort. Der Roman könne eine Liebesgeschichte oder die Leidensgeschichte des Mannes sein, je nachdem, ob dieses Kapitel das erste oder das letzte werde. Auf alle Fälle gehe es ihm nicht darum, Erlebnisse aus seinem Beruf zu verarbeiten, stellte der Preisträger klar. Der 33-jährige Petersen befindet sich zurzeit in der Facharztausbildung am Zürcher Universitätsspital. Er schreibe, bekannte er auf Nachfrage der Zuhörer, einfach drauflos, täglich, von 50 Seiten würden durchschnittlich 40 weggeschmissen, irgendwann hake sich ein Konzept ein. Und wohin das Pendel nach dem berauschenden Erfolg jetzt ausschlage? In Richtung Beruf Arzt oder Berufung Autor? Der Bachmann-Preis ist wie eine Torte, konterte Petersen wieder mit einem Bild, sie schmeckt ganz toll, aber man kann nicht drauf stehen. Eine Verpflichtung allerdings habe er jetzt, sich selbst und der Jury gegenüber. Sein Honorar übrigens spendete der amüsante Jungautor dem Verein Pinneberger Kinder.

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