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Pinneberger Tageblatt

24. Oktober 2017 | 10:36 Uhr

„Gott ist der Verzicht auf Allmacht“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

InterviewMilitärpfarrer Christian Tübler ist aus dem Afghanistan-Einsatz zurück / Er spricht über seine Erfahrungen – und äußert Kritik

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Aus dem Afghanistan-Einsatz zurück, hat Militärpfarrer Christian Tübler seine Tätigkeit in der Appener Marseille-Kaserne und der St.-Johannes-Gemeinde wieder aufgenommen. Im Gespräch mit Volontärin Janina Schmidt sprach er nun über seine Einschätzung der Lage in der Islamischen Republik – deutlich offener, als es im Einsatz möglich war.

Frage: Seit wann sind Sie zurück?
Christian Tübler: Seit einer Woche. Ich habe mich auch schnell wieder eingelebt im Verhältnis zu anderen Einsätzen. Davon gab es bereits vier: 2015 in Liberia bei der Ebola-Epidemie, in Mali 2014, 2016 im Irak und jetzt 2017 in Afghanistan.

Wir treffen uns jetzt nach Ihrem Einsatz wieder, weil Sie freier sprechen können. Was ist nun anders?
Während man in eine internationale Struktur eingebunden ist, hält man sich natürlich auch an deren Regeln – und die werden im Einsatz nun einmal von der Führungsmacht USA und ihrem teilweise anderen Verständnis von Pressearbeit bestimmt. Natürlich muss ich auch jetzt noch aufpassen, dass ich die Kameraden nicht gefährde durch meine Äußerungen, also zum Beispiel die genauen Standorte nenne.


Sie sagten, dieser Einsatz habe Sie besonders geprägt. Warum?
Mit anderen so lange in einem beengten, abgeschlossenen Compont zu sein, war eine besondere Teamerfahrung. Ich hatte auch keine Angst. Zwar gab es Respekt vor der Situation, aber ich fühlte mich gut beschützt durch die professionell arbeitenden Kameraden. Der Ebola-Einsatz war auch prägend, weil die Bedrohung nicht so greifbar war.

Was kritisieren Sie an den Amerikanern?
Die US-Amerikaner sind unsere Partner. Gerade in Gefahrensituationen retten und helfen sie uns. Aber einige sind in interkultureller Kompetenz nicht sonderlich geschickt. Gerade haben sie beispielsweise die afghanische Bevölkerung verärgert, weil sie Flugblätter abgeworfen hatten. Darauf war ein Hund, der von einem Löwen verfolgt wird. Auf dem Hund war das islamische Glaubensbekenntnis abgedruckt – abgesehen davon, dass der Hund verfolgt war, gilt er auch als niederes, unreines Tier. Dafür hat man sich zwar mittlerweile entschuldigt, aber so etwas ist unschön. Ich habe Sorge, dass die Amerikaner wieder zu einem Kampfeinsatz zurückkehren könnten in Afghanistan, sie haben gerade erst ihre 11  000 vorhandenen Soldaten um weitere 3000 verstärkt. Wir sind ja mittlerweile eigentlich dort in einer beratenden Funktion. Das soll nach meiner Ansicht auch so bleiben. Statt zu kämpfen, muss man mit den Taliban verhandeln.


Kann man es über sich bringen, die Taliban nach Gewalt und Terror an der Regierung zu beteiligen?
Aus dem Land kann nur etwas werden, wenn man die Taliban einbindet. Man muss mit ihnen verhandeln, sie zu einer Mäßigung bewegen. Sie müssen die Waffen niederlegen und an den Verhandlungstisch kommen. Im Gegenzug werden sie einbezogen. Alle Gruppen müssen einbezogen werden, denn die aktuelle Regierung ist in Afghanistan ein Fremdkörper, hat den Volksgeruch nicht an sich. Der Präsident Aschraf Gahni war lange im Ausland, hat in Amerika studiert. Allerdings sehen auch viele Afghanen die Taliban sehr kritisch.

Belohnt man die Taliban nicht für ihr menschenverachtendes Vorgehen, wenn man sie an der Regierung beteiligt?
Das kann man, negativ ausgelegt, so sehen. Aber was ist die Alternative? Sie müssten sich verändern, aber sie ewig weiter zu bekriegen hat in meinen Augen keinen Sinn. Man kann sie durch die Einbindung eventuell beeinflussen, statt nur ewig dagegen zu kämpfen.

Spricht da der Christ aus Ihnen, der den Sünder nicht ausgrenzt, sondern sich mit ihm auseinandersetzt?

Dieser „Sünderdiskurs“ liegt mir nicht, aber das Prinzip des bei den Menschen Bleibens hat mich an der Bibel fasziniert. Das war ein Beweggrund, diesen Beruf zu ergreifen.

Wie wird der Militäreinsatz von den Afghanen gesehen?
Wie bereits im vorigen Interview gesagt, habe ich das meiste nur im Vorbeifahren gesehen. Unsere Wagen durften wir nicht verlassen. Da haben uns Kinder und Ladenbesitzer meist freundlich gegrüßt und gewunken. Entsprechend scheint es mir, als würde unsere Präsenz eher positiv gesehen. Deutsche haben einen guten Ruf. Auch in Afrika war das so, weil wir uns höflich und respektvoll verhalten – und geschult werden in interkultureller Kompetenz.

Wie ist Ihr Eindruck von der Situation im Land?
Die Perspektivlosigkeit ist groß. Unterwegs müssen wir aufpassen, niemanden zu überfahren. Das kann an dem Verkehrschaos liegen, aber ich habe den Verdacht, einige legen es darauf an. Die Regierung zahlt jedem, der durch deutsches Militär zu Schaden kommt, eine Entschädigung. Für manche ist die Perspektivlosigkeit offenbar so groß, dass sie sich in Gefahr bringen, damit die Familie dieses Geld bekommt. Für das Land ist problematisch, dass es kein Staatsverständnis gibt in der Bevölkerung, sondern ein Stammesverständnis. Jeder denkt erst einmal an sich und die eigene Familie. Die Regierung ist kein sozialer Träger und ziviles Engagement für die Gesellschaft als Ganzes findet nicht statt. Eine positive Ausnahme ist ein Waisenheim, das tatsächlich von den Menschen im Stadtteil getragen und finanziert wird. Seine Leiterin ist eine leuchtende Ausnahme, sie will sogar für das Parlament kandidieren und sich für Frauenrechte einsetzen. Man munkelt schon, sie könnte Christin sein. Von Regierungsseite wäre das auch kein Problem, es gibt aber Strömungen, die so etwas bekämpfen würden. Entsprechend braucht es Mut. In Kabul gibt es junge Leute, die Rundfunkstationen gegründet haben, und eine Art freie Pressearbeit betreiben. Diese Leute haben im Zivilen die Chance, langfristig etwas zu verändern. Kurzfristige Erfolge sieht man allerdings nicht so deutlich.
Ist Afghanistan Ihrer Einschätzung nach ein sicheres Herkunftsland?
Das ist schwer zu sagen. Teils ja, teils nein. Es gibt sehr unterschiedliche Bereiche. Es gibt in Kabul diese moderneren jungen Leute mit ihrer lokalen Pressearbeit, genauso gibt es wunderschöne, abgelegene Landstriche, in denen Menschen leben, die noch nie ein Auto gesehen haben. Das Land ist sehr gegensätzlich. Es ist die Aufgabe des Staates, das zu entscheiden. Auf jeden Fall wäre es aus afghanischer Sicht gut für das Land, je mehr kluge, junge Leute dort bleiben oder wieder zurückkämen. Afghanistan hat die Chance zur Veränderung und seine politischen und wirtschaftlichen Geschicke selbst in die Hand zu nehmen, aber dafür muss sich insbesondere der zivilgesellschaftliche Sektor entwickeln. Momentan klafft zwischen ihm in der Regierung noch eine Diskrepanz.

Sie waren als Seelsorger vor Ort. Was belastet die Soldaten im Einsatz?
Die Hauptsorgen sind die Angst, dass etwas passiert, und die Trennung von den Familien, insbesondere, wenn dann zu Hause etwas aus den Fugen gerät – Kinder den Vater vermissen, schlecht in der Schule werden. Es kommt auch vor, dass Beziehungen beendet werden in so einem Einsatz. Einige sind erschüttert, wenn sie die Verhältnisse sehen, in denen Kinder dort leben. Die überwiegende Mehrzahl der Soldaten geht mit großer innerer Motivation und Idealismus in die Krisengebiete. Entsprechend groß kann die Enttäuschung werden, wenn man das Gefühl hat, nichts ausrichten zu können. Ich als Seelsorger versuche ihren Blick dann zu weiten, auch das Gute zu sehen – wo es Hilfen und Handlungsspielräume gibt. Ich möchte, dass jemand, der mit mir gesprochen hat, sich hinterher besser fühlt, wenn wir das Problem auch nicht lösen können. Das ist die größte Befriedigung in meinem Beruf.

Manchen frommen Menschen hat der Anblick der Tragödien der Welt an Gott zweifeln lassen. Sie stellten sich die Frage: „Wenn Gott gut und allmächtig ist, warum kann es so etwas geben?“ Hatten Sie je eine ähnliche Glaubenskrise?
Nein. Ich habe viel Elend miterlebt, schon vor meinen Einsätzen. Mit 16 war ich Sanitäter und habe dort schon Leichen gesehen. Ich bin nicht der Ansicht, dass Gott allmächtig ist – das göttliche Prädikat ist das Gegenteil, der Verzicht auf Allmacht. Es bedeutet eher, in der Schöpfung mitzufühlen – im Schönen aber auch im Schrecklichen. Nicht abzustumpfen, immer da zu sein, es zu begleiten und anzunehmen. Mitfühlen, auch wenn es schwierig ist und nicht ad acta zu legen. Was mich als Pfarrer antreibt, ist, empfindlich zu bleiben für die Umwelt und die Menschen, unabhängig davon, ob sie Christen sind oder nicht. Da sind wir auch wieder bei der Bibel, die vorhin schon zur Sprache kam: Im neuen Testament wurde das, was die Menschen damals als Abschaum ansahen, nicht ausgegrenzt, sondern Jesus schaute hin, ging dorthin. Darin liegt Gott, nicht in Allmachtsphantasien.

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