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Predigen und Feminismus : Gott hat kein Geschlecht

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wie die Pinneberger Pastorin Margit Brandt zur feministischen Predigt kam und was diesen besonderen Blickwinkel ausmacht.

shz.de von
erstellt am 29.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Pinneberg | Predigen und Feminismus – passt das zusammen? Pastorin Martje Brandt findet: „Auf jeden Fall.“ Sie könne gar nicht anders predigen, gibt sie lachend zu. Die 49-Jährige arbeitet mit viel Herzblut für die Lutherkirche in Pinneberg. Ehrenamtlich hat sie elf Jahre lang das bundesweite Projekt „Feministisch Predigen“ koordiniert. Bald will sie die Aufgabe abgeben.

Nach so vielen Jahren sei es einfach gut, sagt die 49-Jährige. Ihre Begeisterung für den besonderen Blickwinkel beim Predigen geht dadurch aber nicht verloren. Für das Projekt schreiben Frauen aus dem ganzen Bundesgebiet Gottesdienstentwürfe, um Kolleginnen und Kollegen zu ermöglichen, einen besonderen Blick auf die Frauen zu werfen. Brandt hat sich auch schon von den Entwürfen inspirieren lassen, sie lässt am Ende aber auch immer eigene Ideen einfließen.

Aber was macht eine feministische Predigt aus? Ermutigen statt kleinhalten, konkret statt abstrakt: Die Basis ist die feministische Theologie. Es gehe darum, die Perspektive von Frauen sichtbar zu machen, zum Beispiel den weiblichen Figuen in der Bibel mehr Raum zu geben. Wichtiger als die ausführliche historische Darstellung sei der Bezug auf den Alltag und die Lebenswelt von Frauen. Bis das in den Köpfen gangekomen ist, habe es allerdings gedauert. „Die Frauen mussten sich erstmal trauen, zu erkennen, dass es ein Mehrwert ist, wenn es zum Beispiel auch mal um Schwangerschaft und Kinder geht. Dass es die Qualität nicht mindert, sondern sie erhöht.“ Herkömmliche Predigten seien zwar „theologisch richtig“, hätten aber eine andere Perspektive. Als Beispiel nennt sie die Ostergeschichte von der Auferstehung Jesu. „Es sind ja die Frauen gewesen, denen der Engel die frohe Kunde offenbarte. Das ist eine zentrale Aussage in der feminitischen Theologie. Dass sie den Verkündigungsauftrag bekommen haben, wurde von uns in den Predigten dargestellt und benannt.“ Damals sei das innovativ und neu gewesen, heute Konsens.

Die feministische Theologie fußt auf der Prämisse, dass christliche Theologie männlich geprägt und nicht frei von Machtverhältnissen ist. Diese wollen Brandt und ihre Kolleginnen entlarven. Auch die Sprache spiele eine Rolle. „Im Hebräischen ist Gott ein Verb und hat keine geschlechtliche Zuordnung“, erklärt Brandt. Es seien also die späteren Zuschreibungen, die unsere Vorstellungen von einem männlichen Gott auf dem Thron prägten.

Eine wichtige Erkenntnis der Forschung sei auch die Tatsache, dass die Predigt immer eine persönliche Meinung widerspiegelt. „Männer hielten sich früher für neutral. Das ist natürlich nicht der Fall.“

Brandt sei in ihrer Jugend sehr stark von der Frauenbewegung geprägt worden, sagt sie selbst. „Es war eine unheimlich politische Zeit damals. In der Uni waren Frauen- oder Lesbenwochen. Das war schon sehr identitätsstiftend.“ Später im Theologiestudium habe sie die Frage umgetrieben, ob ihre Kirche sie so annehmen würde, wie sie ist – als lesbische Frau. Die Pastorin lebt seit Jahren mit ihrer Lebensgefährtin zusammen. Irgendwann kam ihr die Erkenntnis, dass ihre Kirche sie so akzeptiert. „Es gibt bei uns die Unterschiedlichkeit, die wir achten. In der gesamten Vielfalt sind wir Ebenbilder Gottes.“

Es geht Brandt in den Predigten nicht darum, andere vor den Kopf zu stoßen. „Ich will nicht gegen etwas sein, sondern dafür. Ich will diese Lebendigkeit aus den Texten herausholen. Es sind schließlich mehrheitlich Frauen, die die Predigten hören.“

Heute hätten die feministischen Erkenntnisse von damals auch Eingang gefunden in herkömmliche Predigten. Bis dies überall der Fall ist, dürfte es noch dauern – viel zu tun für die engagierten Frauen.

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