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Wie werden Frauen radikalisiert? : Gemeinsame Tagung von Sozialarbeitern, Lehrern und Mitarbeitern von Flüchtlingseinrichtungen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Was macht Salafismus für Menschen attraktiv? Dieser Frage sind Sozialarbeiter, Lehrer und Mitarbeiter von Flüchtlingseinrichtungen nachgegangen.

Elmshorn | Wie kommt es, dass Frauen sich in einem Land, in dem sie selbstbestimmt und frei leben können, für eine Vollverschleierung und Unterdrückung von einer martialischen Männergesellschaft entscheiden? Um Sozialarbeiter, Lehrer sowie Mitarbeiter von Flüchtlingseinrichtungen und Sicherheitsbehörden für diese Fragestellung zu sensibilisieren, veranstaltete der Jugendschutz des Kreis Pinnebergs kürzlich zusammen mit der Beratungsstelle gegen religiös begründeten Extremismus Provention eine Landesfachtagung zum Thema der Radikalisierung von Mädchen und Frauen im salafistischen Umfeld.

Der Verfassungsschutz definiert Salafismus als „fundamentalistische, islamistische Ideologie und zugleich eine extremistische, moderne Gegenkultur mit einem alternativen Lebensstil durch markante Alleinstellungsmerkmale“. Er schätzt in  seinem jüngsten Bericht die Zahl der Salafisten in Deutschland auf etwa 9700. Die Anhängerzahl von Mitgliedern salafistischer Gruppierungen ist demnach signifikant steigend – 2014 soll es 7000, 2015 bereits 8350 Salafisten in Deutschland gegeben haben.

Frauen machen in Schleswig-Holstein etwa 21 Prozent der islamistischen Szene aus, schätzt die Verfassungsschutzbehörde. Diese beobachtet derzeit 390 Personen. In unserer modernen Gesellschaft stellt sich die Frage, warum Frauen sich in den Bann einer Ideologie ziehen lassen, die das Sinnbild der weiblichen Unterdrückung darstellt. „Eine Radikalisierung hat immer auch etwas mit dem Umfeld des Mädchens oder der Frau zu tun,“ erläutert Andrea Dänzer von Provention. In einer Präsentation über die Rollenvorstellungen und Anziehungskraft des Salafismus nennt Dänzer ihren Zuhörern eine ganze Reihe von Motiven, aus denen sich junge Frauen selbstbestimmt unterwerfen. Zum Beispiel schließen sich junge Frauen dem Salafismus an, um der Leistungsgesellschaft zu entfliehen oder gegen die Familie zu rebellieren.

Auch die Propaganda des Islamischen Staats (IS) spiele eine große Rolle bei der Radikalisierung, meint Dänzer. Mittels gestellter Fotos vermittelt die Organisation das Bild von wahrer Freundschaft und einer aufrichtigen Gemeinschaft. Die IS-Kämpfer werden als harte Krieger mit weichem Kern dargestellt und verleiten junge Frauen zu romantischen Vorstellungen von einem zartbesaiteten Helden. „Die Radikalisierung ist dabei immer multikausal,“ betont Dänzer. Oft treffen mehrere der genannten Gründe zu.

Lassen sich die radikalisierten Frauen zu einer Ausreise in die IS-Kriegsgebiete überzeugen, gibt es in vielen Fällen kein zurück mehr – nur 21 Prozent der Frauen, die ausreisen, kehren auch wieder zurück. Zum Vergleich: Mit 39 Prozent kommen fast doppelt so viele Männer wie Frauen wieder zurück. Einmal beim IS angekommen, werden den Frauen die Papiere weggenommen, sie werden als unmündig erklärt.

In ihrem Vortrag warnt Dänzer jedoch auch, jede Konvertierung einer jungen Frau zum Islam gleich als einen Schritt in Richtung Radikalisierung abzustempeln. (An dieser Stelle hat die Redaktion im Nachhinein eine Korrektur vorgenommen). Im Laufe der Landesfachtagung bewies Shazia Chaudhry den Teilnehmern, dass eine selbstbestimmte und moderne Lebensweise als Muslima auch mit Kopftuch sehr gutmöglich ist.

Chaudhry war eine der Referenten, die sich im Kreishaus in moderierten Themenrunden mit den Tagungsteilnehmern austauschten. Diskutiert wurden außerdem die Frauen- und Männerbilder unserer modernen und einer konservativeren Gesellschaft, sowie die Rolle von Frauen als Täter im religiös begründeten Extremismus. Fahima Nuri berichtete aus ihren Erfahrungen in einer Gruppe, in der sie junge Frauen vor fundamentalistischer Indoktrinierung schützt und sie zur kritischen Auseinandersetzung mit religiösen Quellen anregt.

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