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Urlaub von Facebook : Gefangen im digitalen Spinnennetz

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Soziale Netzwerke sind alles - nur nicht sozial: Unsere Mitarbeiterin Kira Oster macht deshalb Schluss mit Facebook.

Facebook ist im World Wide Web das nutzerstärkste soziale Netzwerk. Weltweit haben etwa 1,11 Milliarden Menschen einen Facebook-Account. Bis vor kurzem war ich einer davon. Täglich schaute ich bei Facebook, was es Neues gibt. Bei meinen 351 „Freunden“ oder auf den Seiten von Musikern, Künstlern und Zeitungen. Hochgerechnet verbrachte ich damit mindestens eine Stunde am Tag. Oftmals noch mehr. Nachdem ich an meinem PC die Mails gecheckt hatte, führte der nächste Klick zu Facebook. Und auch auf meinem Handy und meinem Tablet war die Plattform permanent präsent – dank Messenger- und Facebook-App. Ich verwendete es nicht mehr des Nutzens willen, sondern aus Gewohnheit.

Seit 2008, als Studi- und SchülerVZ langsam verschwanden, habe ich Mark Zuckerbergs Online-Plattform genutzt. Jetzt, fünf Jahre später, wurde es mir schlichtweg zu viel. Denn aus Langeweile in der Bahn oder während des Schreibens an einer Hausarbeit für die Uni: Die mögliche Ablenkung war 24 Stunden, sieben Tage die Woche greifbar. Und so machte ich – fast immer – Gebrauch davon. Dabei passierte oft gar nichts Spannendes: Auch ohne den wöchentlichen Beitrag „Endlich Wochenende!“ eines Bekannten hätte ich gewusst, dass Freitag ist.

Das Motto des Social Networks lautet „Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu bleiben und Inhalte mit diesen zu teilen.“ Ich fragte mich: Gehören 351 „Freunde“ wirklich zu meinem Leben? Und möchte ich mit jedem dieser Menschen in Verbindung bleiben? Manche Personen kreuzen nun mal den eigenen Weg, verschwinden aber in ihrer Natürlichkeit auch wieder. Facebook konserviert Bekanntschaften. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, mich wieder auf meine echten Freunde besinnen zu wollen.

Ich wollte raus aus dieser zweiten Realität, in der meine Freunde und ich nur Abbilder unserer selbst sind. Denn bei Facebook kann der Nutzer sich selbst neu kreieren: Coole Statusmeldungen verhelfen zum taffen Image und Photoshop zum schönen Profilfoto. Die perfekte Plattform für Narzissten. Wer bin ich in diesem Netz von fremden Freunden noch? Die Zahl ebendieser? Die Einladung zu Veranstaltungen? Oder die Gefällt mir-Angaben meines Profil-Fotos und meiner Statusmeldung?

Dabei will ich Facebook gar nicht dessen Vorteile absprechen. Doch genauso wie MTV sich nicht mehr „Music Television“ nennen darf (und das seit 2010 auch nicht mehr tut), so sollte sich Facebook auch nicht mehr soziales Netzwerk nennen. Sozialkompetenzen bleiben dadurch auf der Strecke. Denn schon bevor ich eine Person überhaupt richtig kennen lernen kann, weiß ich durch Facebook welche Künstler sie inspirieren, welche Fußballmannschaft ihre Lieblings-Mannschaft ist und wann sie das letzte Mal auf dem Klo war. Bei Jugendlichen wird Facebook zum Gruppenzwang: Meine kleine Schwester ist 15. Natürlich hat sie ein Profil. „Alle haben das“, sagt sie. Dabei ist sie selbst wenig aktiv, will es aber aus Gründen der Zugehörigkeit auch nicht löschen.

Das Netzwerk suggeriert: Wer Facebook hat, ist nie alleine. Dabei verlernen wir, allein zu sein und sind es doch. Denn die meisten Menschen erzählen in einem persönlichen Gespräch weniger als sie mit dem geposteten Herzschmerz-Song preisgeben.

Wegen seines Datengebrauchs stand das Netzwerk schon oft in der Kritik. Gerade im März dieses Jahres riet die Verbraucherschutzzentrale von Facebook ab. Grund waren die neuen Richtlinien der allgemeinen Geschäftsbedingungen. Auch generell melden sich vermehrt Leute ab: Am 31. Mai 2010 wurde der „Quit Facebook Day“ ausgerufen. Auf der zugehörigen Homepage meldeten sich seither mehr als 40 000 ehemalige Nutzer. Sie waren der Meinung, dass Facebook weder den Einzelnen noch die persönlichen Daten oder die Zukunft des Internets respektiert. Seitdem ich mein Facebook Konto deaktiviert habe, fühle ich mich befreit. Das soziale Netzwerk war zum Spinnennetz geworden. Und ich eine von einer Milliarde Fliegen, die darin gefangen war.

Ganz löschen werde ich mein Konto allerdings nicht. Allein aus beruflichen Gründen muss ich es regelmäßig für Recherchearbeiten nutzen. Und vielleicht kommt morgen, in einer Woche oder einem Monat der Tag, an dem ich genug von meinem  „Facebook-Urlaub“ habe.

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erstellt am 07.Okt.2013 | 10:56 Uhr

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