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Pinneberger Tageblatt

17. August 2017 | 19:54 Uhr

Kreis Pinneberg : Gefahr beim Online-Dating

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Flirten und Partner suchen im Internet – das ist inzwischen so normal wie das Kennenlernen am Arbeitsplatz oder in der Diskothek – doch Vorsicht ist geboten.

Im Nachhinein fragt sie sich, wie sie so naiv sein konnte. Renate, 58 Jahre alt, ihren Nachnamen und Wohnort möchte sie lieber nicht verraten, ist im Internet auf einen kriminellen Unbekannten hereingefallen. Ein vermeintlicher UN-Soldat aus Libyen hatte die unglücklich verheiratete Frau über Facebook kontaktiert, ihr Gefühle vorgetäuscht und sie schließlich zu Geldzahlungen bewegt. „Insgesamt sind ungefähr 10  000 Euro geflossen, in einzelnen kleinen Beträgen“, erzählt Renate, die im Bankwesen arbeitet. Das Geld ist weg. „Ich, die Kunden davor warnt, etwas falsch zu machen, ausgerechnet mir passiert das“, sagt sie ungläubig.

„Romance Scam“ oder „Love Scam“ – auf Deutsch etwa Liebesbetrug – nennt sich die Masche, die vor allem auf Dating-Plattformen verbreitet ist. Sie kann aber – wie bei Renate – auch in sozialen Netzwerken wie Facebook vorkommen. Vereinfachend gesagt ist es eine Form von Heiratsschwindel im digitalen Zeitalter. „Scammer – also die Betrüger – stürzen sich auf die großen Portale, sie fallen wie die Heuschrecken über sie her“, hat Henning Wiechers beobachtet. Er ist Betreiber des Web-Angebots Singleboersen-vergleich.de, das den Online-Dating-Markt unabhängig durchleuchten will. Das Problem sei in den vergangenen Jahren etwa gleichbleibend groß geblieben.

„Seit etwa fünf Jahren ist diese Betrugsform deutlich wahrnehmbar“, sagt beispielsweise Kriminalhauptkommissar Dirk Hoffmann, der beim Landeskriminalamt (LKA) in Berlin für das Thema „Romance Scam“ zuständig ist. Allerdings erstatteten nur wenige Opfer Strafanzeige. „Ein Delikt wird angezeigt, zwanzig nicht“, schätzt er.

Bundesweite Zahlen haben die Ermittler nicht. „Romance Scam“-Delikte werden in der Kriminalstatistik nicht einzeln erfasst, sondern zu den Betrugsfällen gezählt, wie eine Sprecherin des Bundeskriminalamts erklärt. So viel ist klar: Es handelt sich um ein weltweites Phänomen, in den USA warnte das FBI wiederholt vor Liebesbetrügern. Die meisten Strafanzeigen stammen von Frauen, wie Hoffmann erzählt.

Opfer von Liebesbetrug im Internet finden Hilfe – etwa beim Weißen Ring. „Unter die immaterielle Unterstützung fällt zum Beispiel der menschliche Beistand nach der Tat, aber auch das Begleiten zu Behörden wie etwa der Polizei“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Opferhilfeverbands Weißer Ring. In bestimmten Fällen des „Romance Scam“ komme auch materielle Hilfe in Betracht, etwa in Form von Beratungsschecks. „Es gibt immer wieder sogenannte Heiratsschwindler- und Lebenspartner-Fälle“, sagt Biwer. „Hierbei werden die Opfer ausgenutzt und deren Konten abgeräumt, teils kommt es auch zu Kreditkartenmissbrauch.“ Über Dating-Portale werden aber auch andere Straftaten eingeleitet. Beispiel: In sozialen Netzwerken wird ein Treffen verabredet, dabei werden dem Opfer K.o.-Tropfen verabreicht und es kommt zum Sexualdelikt. Der Weiße Ring im Kreis Pinneberg ist unter Telefon 0151-55164637 zu erreichen.

Die Täter erstellen bei den Dating-Portalen falsche Profile. Sie kopieren fremde Fotos aus dem Internet und rücken sich in ein gutes Licht. „Man nimmt gerne Berufe wie Bauingenieur“, sagt Hoffmann. Dann suchen die Täter den Kontakt zu ihren Opfern, bauen Vertrauen auf, wobei sie sich durchaus Zeit lassen – möglichst bis sich das Opfer in den Unbekannten verliebt. „Verliebtheit bedeutet eben, dass die Menschen nicht mehr so rational handeln wie sonst“, sagt Hoffmann.

So lief es auch bei Renate. Der Kontakt zu dem angeblichen UN-Soldaten lief über Monate. Anfang Oktober 2014 erhielt sie auf Facebook eine Freundschaftsanfrage, die sie nach eigener Darstellung wegen einer Namensverwechslung „leichtsinnig“ annahm. „Er hat angefangen zu flirten, er hat behauptet, er habe sich so sehr in mich verliebt“, erzählt Renate. In den auf Englisch gehaltenen Chat-Gesprächen tischte er ihr Lügengeschichten auf – etwa, dass er 100 Euro für seinen Sohn brauche, der in Ghana im Krankenhaus sei und dort eine Zusatzkost benötige. Sie ging darauf ein und zahlte über einen Anbieter für weltweiten Bargeldtransfer. „Ich weiß nicht, wie es mir passiert ist, aber es ist passiert.“

Die Täter sitzen oft in Nigeria, wie Hoffmann sagt. Sie seien häufig gut ausgebildet, hätten in dem Land aber keine adäquate Arbeit und gerieten so auf die schiefe Bahn. Die Täter seien in Gruppen organisiert, ähnlich wie in Call-Centern.

Renate und ihr Betrüger schrieben sich auch noch, als dessen Profil auf Facebook verschwand. Die 58-Jährige vermutet, dass er als Betrüger gemeldet und sein Facebook-Konto daher gesperrt wurde. Der Kontakt ging über einen anderen Online-Dienst weiter und endete erst im Januar, nachdem Renate stutzig geworden war. Sie hatte auf ein Treffen im echten Leben gehofft, wurde aber immer wieder vertröstet.

Betreiber von Dating-Plattformen oder auch Facebook versuchen, falsche Profile zu entlarven. „Ein Anhaltspunkt für gefälschte Konten könnte sein, wenn der angegebene Wohnort nicht mit der IP-Adresse zusammenpasst“, erklärt Facebook. „Wir bitten dann den Inhaber des Profils, sich zu authentifizieren, etwa mit seinem Pass. Passiert das nicht, bleibt das Profil gesperrt.“

Schwülstige Liebesschwüre und schnelle Heiratspläne: So versuchen sogenannte Romance-Scammer das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen. Außerdem wollen die Betrüger oft alles über die Angeschriebenen wissen. Misstrauisch sollte man werden, sobald es um Bitten um Geld, ein Visum, das Versenden von Briefen oder ein gemeinsames Konto geht. Darauf weist die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes hin. Für eine angebliche Kontoeröffnung werden Betroffene beispielsweise darum gebeten, Kopien ihrer Ausweise zu schicken: Die Daten werden dann für Passfälschungen verwendet.
Beim ersten Verdacht, auf einen Heiratsschwindler hereingefallen zu sein, sollte man den Namen der Internetbekanntschaft mit dem Zusatz „Scammer“ in eine Suchmaschine eingeben. In vielen Fällen kann das ungute Gefühl so schon bestätigt werden. Als nächste Schritte empfiehlt die Kriminalprävention der Länder und des Bundes: Blockieren: Jeglicher Kontakt sollte sofort abgebrochen werden. Am besten ist es, sich eine neue E-Mailadresse und Telefonnummer zuzulegen.
Ignorieren: Nicht auf Forderungen des Scammers eingehen und auf keinen Fall Geld überweisen, Schecks einlösen oder Briefe weiterleiten. Wenn schon Geld überwiesen wurde, sollte das sofort rückgängig gemacht werden – wenn noch möglich. Sichern: Alle E-Mails und Chat-Texte als Beweis auf einem Trägermedium speichern.
Hilfe holen: Auch, wenn die Strafverfolgung schwierig ist: Opfer sollten bei der Polizei Anzeige erstatten. Das gilt vor allem, wenn sie schon Kopien von Ausweisdokumenten an den Scammer geschickt und konkrete Anhaltspunkte dafür haben, dass ihre Daten für gefälschte Ausweise missbraucht wurden. Eine Anzeige ist auch dann wichtig, wenn ein finanzieller Schaden entstanden ist – etwa weil man von der Bank wegen eines gefälschten Schecks rückbelastet wurde.

Ähnlich wie bei Facebook können auch Nutzer von Parship oder Elitepartner verdächtige Profile über entsprechende Funktionen melden. „Dank eines umfassenden Sicherheitssystems sowie verschiedener Filter und Früherkennungsmuster gelingt es uns dabei immer besser und schneller, potenzielle Scammer früh zu erkennen und von Anfang an aus unserer Datenbank fernzuhalten“, teilt Parship mit. Von Elitepartner heißt es: „Wir haben ausgefeilte Filterkriterien entwickelt, anhand derer unsere Mitarbeiter Scammer schnell erkennen.“ Betrugsfälle seien „Einzelphänomene“.

Die Polizei konnte Renate nicht helfen, wie sie selbst sagt. In ihrem Fall liege eine Bargeldübertragung vor, da sei nichts zu machen. Die Chancen, Täter aus Nigeria oder Ghana fassen zu können, seien gering, wie der LKA-Experte einräumt. Manchmal komme es aber in Deutschland zu Treffen mit Kontaktleuten. Dabei gelinge schon mal ein Zugriff.

Renate hat Hilfe über Martina Zielke aus Hamburg gefunden. Sie betreibt im Internet die Seite Romantikbetrug.com, ein Angebot für Opfer. Zielke registriert dort nach eigenen Worten durchschnittlich 500 Besucher am Tag. Sie hatte einst selbst im Internet die Bekanntschaft mit einem Liebesbetrüger gemacht und dann zu dem Thema recherchiert und ein privates Informationsangebot aufgebaut.

„Ich habe mich sehr dumm gefühlt“, sagt Renate über die Zeit, als ihr der Betrug dämmerte. „Wie blöd muss ein Mensch sein“, höre sie oft, wenn sie ihre Geschichte erzähle. Doch sie sagt: „Es gibt viele, viele Frauen in unterschiedlichen Positionen und in verschiedenen Altersgruppen, auch Männer, die auf so etwas hereinfallen.“

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erstellt am 22.Apr.2015 | 14:00 Uhr

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