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„Gebt dem Dorf seinen Stolz zurück“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ländlicher RaumDer Humangeograph Gerhard Henkelmann im Interview über die Rettung der kleinen Gemeinden / „Mehr einbringen“

Die Dorfkneipe schließt, für die Arbeit in Vereinen fehlt der Nachwuchs. In Borstel-Hohenraden hat sich der Ortsverband des Roten Kreuz aufgelöst und in Kummerfeld hat die Gaststätte „Lindwurm“ vor ein paar Jahren geschlossen. In den letzten Jahren ist es ruhiger auf dem Land geworden. Der Autor des Buches „Rettet das Dorf“ und Humangeograph Gerhard Henkel (kleines Foto), spricht mit unserer Zeitung darüber, wie Zugezogene in das Dorfleben integriert werden können und was getan werden kann, um die eigene Gemeinde lebendig zu gestalten.

Muss das Dorf überhaupt gerettet werden?
Gerhard Henkel: Die Frage ist berechtigt, aber es gibt viele Beobachtungen von Verlusten in allen Teilen der Republik. Es gibt frustrierte Dorfbewohner und Kommunalpolitiker sowie resignierte Rufe „Wir haben keine Chance und es geht immer weiter bergab.“ Ich bekomme immer wieder Anfragen, wann und ob denn das Dorf zu retten ist.

Ist das Landleben nachhaltig?
Das Landleben ist viel mehr auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, die Menschen können viel eher überleben als Großstadtmenschen. Das Produzieren, Verarbeiten und Konservieren von Lebensmitteln gehört schließlich zu den wichtigen Kenntnissen des Landes.

Wie würden Sie Dorf denn definieren? Hier im Hamburger Speckgürtel wachsen die Gemeinden, was die Einwohnerzahl angeht, aber trotzdem sterben Vereine und schließen Restaurants.
Speckgürtel bedeutet, die Orte schrumpfen nicht und es ist nicht so weit bis Hamburg. Dann gibt es auch noch Mittelstädte in der Nähe. Es geht den Orten eigentlich relativ gut. Es gibt Wohnbaugebiete am Ortsrand, wo Großstädter, die in Hamburg arbeiten, sich ein Häuschen bauen. Da kann es passieren, dass die sich nicht so für ihren Ort einsetzen, weil sie es nicht kennen. Sie sind nur dort hingezogen, weil man da preiswert ein Grundstück bekommen kann. Viele von denen werden sich wahrscheinlich nicht für den Ort engagieren.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Möglichkeit, wie man diese Zuzügler dazu bekommt, sich zu integrierenund Lust auf den Ort zu bekommen?
Hexenwerk ist es nicht. Es ist durchaus möglich, aber nicht selbstverständlich, dass sie sich engagieren. Es gibt aber schöne Beispiele von Orten, die ganz bewusst ein Begrüßungszeremoniell haben, in dem die Neubürger praktisch aufgenommen werden und durch einen Paten für ein bis zwei Jahre betreut werden. Damit wird dem Neubürger das Ankommen erleichtert. Gleichzeitig wird er auf die Möglichkeiten, Interessen und Bedürfnisse des Ortes vorbereitet. Der Neubürger wird damit auf das Grundgesetz des Dorf-Funktionierens, das Geben und Nehmen eingestellt.

Geben und Nehmen ist also der Schlüssel für ein erfolgreiches Dorfleben?
Richtig. Wo es funktioniert, da geht es den Dörfern gut. Ich habe beobachtet, dass Dörfer es leichter damit haben, wenn sie nicht zu groß sind.

Es ist also eine Gefahr, wenn die Dörfer zu schnell wachsen?
Es birgt eine gewisse Gefahr für die Dorfidentität. Deswegen sollten sich die Dörfer darüber im Klaren sein, dass es gut für sie ist, wenn man die Neubürger anspricht. Und sich Gedanken darüber macht, wie man sie integriert und für das Geben und Nehmen begeistert.

In Ihrem Buch geht es immer wieder um positive Beispiele, wo sich Initiativen zusammenfinden, um dann zum Beispiel den Dorftreff aufzuziehen oder gemeinsam dafür zu sorgen, dass die Schule bestehen bleibt. Was braucht es, dass solche Initiativen entstehen?
Man braucht Initiatoren, wenn keine Institution da ist, die das übernimmt. Damit meine ich etwa Gemeinderat und Bürgermeister. Das haben Sie ja Gott sei Dank noch in Schleswig-Holstein. Es ist eine Aufgabe für den Bürgermeister und den Gemeinderat, wenn der letzte Gasthof, die Schule oder die Kirche schließt, dagegen zu kämpfen. Früher haben sich die Kommunen mehr mit Wasser und Abwasser, Wohnbau- und Gewerbegebieten oder Feldwegebau beschäftigt. Aber inzwischen ist Kommunalpolitik generell auch mit den sozialen Gegebenheiten des Dorfes befasst. Also mit der Frage: Was ist mit den Kindern, den Jugendlichen, den älteren Menschen und mit den Gebrechlichen. Diese soziale Fürsorge ist zunehmend auch ihre Aufgabe geworden.

Könnten auch Vereine diese Aufgabe übernehmen?
Da gibt es keine klassischen Vereine, die das machen, aber es haben sich in vielen Dörfern inzwischen Bürgervereine gegründet. Traditionell macht der Sportverein Sport, der Musikverein macht Musik und so weiter. Das sind alles sachbezogene Vereine. Aber eben diese grundsätzlichen sozialen Themen, die das Dorf betreffen, die sind nicht berührt. Daher haben sich die Bürgervereine gegründet, die dann versuchen, den letzten Laden zu retten oder die einen Treffpunkt, der nicht mehr da ist, weil der Gasthof weg ist, installieren. Das passiert aber nicht in jedem Dorf. Wo es passiert, da nehmen Idealisten oder Verrückte im positiven Sinne etwas in die Hand und ziehen die anderen mit, während in gleichgroßen Nachbardörfern nichts dergleichen geschieht.

Tut die Politik genug für die Dörfer?
Sie muss auf jeden Fall mehr tun. Auf beiden Ebenen. Wir haben ja die Kommunalpolitik, die direkt vor Ort auch schon viel tut, aber auch manchmal schon ein bisschen resignativ ist. Ursache: Die Kommunen werden zunehmend von Bund und Länder entmündigt. Die Lokalpolitik ist nicht mehr das, was der Name eigentlich sagt, nämlich dass man Politik für die Kommune machen kann und so viel Freiräume hat, dass man wirklich tun kann, was man für wichtig hält. In dieser Lage sind die meisten Kommunen gar nicht mehr.
In anderen Ländern haben kommunale Gebietsreformen – in denen von oben per Diktat durchgesetzt wurde, dass kleine Orte nicht mehr bestehen dürfen, sondern dass sie sich zusammenschließen müssen zu Großgemeinden – dem ländlichen Raum sehr geschadet. Die Wege werden immer weiter und die Menschen, die sich in den Dörfern um die lokale Politik kümmern, werden immer weniger.

Könnte da Ihrer Meinung nach langfristig die Folgesein, dass Gemeinden weiter zusammengelegt und entmündigt werden?
Ja, das könnte sein. Das ist, ganz perfide, auch ein bisschen System. Natürlich ist es so, dass die Menschen nicht mehr bereit sind, solche Ehrenämter über Jahrzehnte zu tragen. Das liegt im Trend der Individualisierung der Gesellschaft. Die Leute wollen das einfach nicht mehr. Aber es ist auch ein Ergebnis dessen, dass die bestehenden Kommunen von oben herab entmündigt werden. Dass sie finanziell nicht genügend ausgestattet werden und auch nicht so gut ausgestattet werden, dass sie Freiräume der eigenen Entwicklung haben. Es ist zu viel reglementiert und zu viel dominiert. Das merken die Menschen, die in den Gemeinden ehrenamtlich tätig sind, und ziehen sich aus der Kommunalpolitik zurück. Das ist ein Teufelskreis.

Was kann man tun?
Bund und Länder müssen die Kommunen stärken statt sie zu entmündigen und schwächen. Das wäre der Schlüssel zum Erfolg und wenn dort wieder richtig Befugnisse sind, wenn es Freiräume zum Beispiel in der Schulpolitik gibt, dann würden sich auch wieder mehr Menschen finden zum mitmachen. Aber so hat die Kommunalpolitik ein schlechtes Image in der Bevölkerung. Es ist eine Plackerei, die eben zu wenig unterstützt wird von oben. Dann gehen die Leute, die Ehrenämter übernehmen wollen, lieber in den Sportverein oder irgendwohin, wo man sich einbringen kann und wo man dann auch wirklich noch was erreichen kann.

Was können Einzelpersonen machen, um das Dorf zu retten?
Sie sollten sich auf jeden Fall engagieren. Das ist mein Appell an alle, die im Dorf leben. Engagiert euch, macht mit, trotz der widrigen Umstände, die da sind. Brecht die resignative Stimmung auf. Tut euch zusammen und gründet einen Bürgerverein, um den Laden zu retten oder einen Treffpunkt zu schaffen. Oder geht in die Kommunalpolitik und nutzt das Instrument, das ihr noch habt. Macht mit und helft dem Dorf damit. Helft dem Bürgermeister oder lasst euch für das Bürgermeisteramt aufstellen. Das ist mein Appell. Bleiben Sie nicht abseits stehen. Resignieren sollte man nicht. Jedes Dorf sollte sich vergegenwärtigen, dass es sich selbst retten muss. Dass es auf sie alle ankommt, wie ein Dorf jetzt und in zehn, 15 Jahren darsteht. Das Dorf muss das Heft selbst in die Hand nehmen. Natürlich muss ich auch an Bund und Länder appellieren: Gebt den Dörfern mehr Rückenwind, unterstützt sie, lasst sie nicht im Regen stehen und gebt ihnen Freiräume. Lasst das Dorf leben und seine Kräfte neu entfalten. Gebt dem Dorf seinen Stolz zurück.





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erstellt am 28.Jun.2017 | 17:40 Uhr

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