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Pinneberger Tageblatt

18. November 2017 | 15:11 Uhr

Geboren zu Kaisers Zeiten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Jubiläum Bönningstedter Heinz Oertel feiert an diesem Wochenende seinen 100. Geburtstag / Kontakt zu vielen großen Namen

shz.de von
erstellt am 14.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Heinz Oertel ist in Bönningstedt und weit darüber hinaus als Gründer der Bönningstedter Volkshochschule bekannt. Ihm war klar: „Mit einem 08/15-Angebot ist kein Blumentopf zu gewinnen.“ Deshalb lud er Leute wie Walter Kempowski, Siegfried Lenz, Hans Apel oder Gerd Westphal zu sich „aufs Dorf“ ein – und sie kamen. Als Anerkennung bekam der Initiator von der Gemeinde sogar eine eigene kleine Straße, den Heinz-Oertel-Stieg.

Doch Oertel ist nicht nur Bönningstedter VHS-Gründer und Straßennamenträger. Er ist auch Sonntagskind und ab heute einer von
17 000 Hundertjährigen in Deutschland. Geboren am 14. Oktober 1917, noch unter dem letzten Kaiser, wurde er im thüringischen Neustadt an der Orla geboren. Oertel hatte schon als Kind die Fähigkeit, aus nicht zu ändernden Tatsachen das Beste zu machen: Als er mit zwölf Jahren durch eine schwere Kniegelenksentzündung sechs Wochen strikt im Bett liegen musste, bewarb er sich bei der Kinderbeilage der „Grünen Post“ und schnitt Scherenschnitt-Motive aus. „Das ging auch im Liegen und brachte stolze zehn bis
14 Reichsmark pro Bogen“, erinnert er sich. Später perfektionierte er diese Kunst. Oertel illustrierte Bücher und machte für Zeitungen politische Karikaturen. „Meine Leidenschaft“, sagt er.

Nach intensiven Gesprächen mit seinem Vater während einer gemeinsamen Rennsteig-Wanderung stand sein Berufswunsch fest: „Ich wollte Lehrer werden.“ Doch nach dem Abitur lag statt der Immatrikulationsbescheinigung nur der Einberufungsbefehl auf dem Tisch des Hauses. Es folgten acht Jahre „Dienst fürs Vaterland“. Oertel überstand den Krieg und die folgenden Strapazen als Landarbeiter. Trotz der Kriegswirren hatte er inzwischen geheiratet. Dem Lachen der Försterstochter Lotti konnte er nicht widerstehen. Er pflückte drei Veilchen und machte seine Aufwartung. „Wir haben aber nicht so schnell geheiratet, weil wir mussten!“ - darauf legt er Wert.

Nach einer Stelle als kaufmännischer Leiter bei der Rugenberger Mühle hatte Oertel 1948 dann die Möglichkeit bei der Tageszeitung „Die Welt“ als Werbeassistent zu arbeiten. Für die Familienzeitschrift „Das Neue Blatt“ entwarf Oertel eine Giraffe und einen Werbespruch: „Adele, das Giraffentier, bringt gerne das Neue Blatt auch Dir.“ Heute findet er das „schön blöd“. Aber damals war es sympathisch und publikumswirksam.

Durch seine Erfolge beflügelt, machte sich Oertel selbstständig. Einer seiner ersten Kunden war „Herr Otto“, der in einer Baracke in Schnelsen einen gleichnamigen Versandhandel betreiben wollte. „Ich half ihm, seinen ersten Prospekt mit 15 Schuhen zu drucken.“ Oertel lernte während einer Werbekampagne für Becking-Mokka die ganze Schauspieler-Garde der damaligen Zeit persönlich kennen: Heinz Rühmann, Romy Schneider, Hans Albers, Maria Schell, Ruth Leuwerick, Johannes Heesters und Theo Lingen. „Sie waren alle nett und professionell“, erinnert er sich. „Nur bei Romy Schneider war es anstrengend. Ihre Mutter hat sie bewacht wie ein giftiger Drache die Prinzessin.“

Es war „eine tolle Zeit“, resümiert der Jubilar. „Aber die schönsten beruflichen Jahre hatte ich doch ab 50.“ Oertel konnte wegen Schülerüberschuss und Lehrermangels nach einjährigem Schnellkursus in seinem Traumberuf als Grundschullehrer arbeiten. „Eine Verjüngungskur, ich bekam keine Midlife Crisis“, lacht er. Erst in der vergangenen Woche war er auf einem Klassentreffen seiner ehemaligen Schüler: „Die haben geklatscht, als ich hereinkam. Ich war gerührt.“

Oertel kann nicht mehr viel sehen, versorgt sich aber größtenteils selbst und diktiert für die Rubrik „Mitten im Leben“ noch immer Texte für unsere Zeitung. „Darin sage ich den Leuten, sie sollen dankbarer sein. Uns geht es gut. Früher waren die Lebensumstände nicht so schön wie heute. Das steht fest.“

Am heutigen Sonnabend feiert Heinz Oertel groß mit der Familie, Freunden und Weggefährten. Die drei Töchter und ihre Familien sind aus Brasilien, London und Frankfurt angereist. Und besonders freut er sich auf seine acht Urenkel.

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