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Welt-Aids-Tag im Kreis Pinneberg : Für eine Gesellschaft ohne Stigmatisierung

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Am Montag ist Welt-Aids-Tag. Sabrina Beul (56) lebt seit 25 Jahren mit HIV und spricht offen über die Infektion.

shz.de von
erstellt am 29.Nov.2014 | 15:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Als Sabrina Beul vor 25 Jahren von ihrer HIV-Infektion erfuhr, brach für sie eine Welt zusammen. „Ich habe mich erst einmal wie tot gefühlt, wie ein Zombie“, sagt die 56-jährige Hamburgerin heute. Ihr Lebenspartner war damals schwer erkrankt und verstarb nach kurzer Zeit. Er hatte Aids. „Das war das erste Mal, dass ich mit HIV und Aids konfrontiert wurde. Das war 1989. Man wusste ja gar nichts. Es galt als Homosexuellen-Krankheit.“ Ihr wurde zu einem HIV-Test geraten. Nach einigen Tagen des Bangens sagte der Arzt zu ihr nur: „Willkommen im Club.“

15 Jahre lang versteckte sie ihre Infektion. „Es hat niemand gewusst“, so Beul. „Ich bin aus Deutschland und vor mir selbst geflüchtet, habe mich geschämt.“ Sie zog nach Spanien, arbeitete dort als Übersetzerin. Als sie wiederkam, erfuhr eine Freundin durch die Unachtsamkeit eines Arztes zufällig von Beuls HIV-Infektion. Die Information machte die Runde. Sie erlebte große Ablehnung. Freunde warfen Tassen in den Müll, aus denen sie getrunken hatte. Anonyme Totenkopf-Schmierereien wurden an ihrer Haustür hinterlassen. Vom Zahnarzt wurde sie nur spät abends in Schutzanzug und Maske behandelt – sofern sie überhaupt einen Termin erhielt.

Beul zog sich zurück, wechselte ihr Umfeld, litt, sprach lange nicht mit ihrer Familie darüber. „Angst vor der Angst der Anderen war mein größtes Ding. Ich wäre nicht an HIV gestorben, sondern an der Stigmatisierung. Wenn man nicht darüber spricht, macht einen das krank. Es war 15 Jahre lang die Hölle.“

Der große Umbruch kam 2004. Während eines Aufenthalts in einer Kur-Klinik, in der Diskriminierung der HIV-infizierten Menschen seitens der anderen Patienten an der Tagesordnung war, rief sie bei der Aids-Hilfe an und bat um Unterstützung. „Die kamen mit acht Leuten und haben den Laden aufgeräumt“, berichtet sie lachend. „Ich habe gemerkt, dass ich etwas erreichen kann.“ Sie trat aus dem Schatten-Dasein hervor, auch aus der Wut über die „Nicht-Informiertheit der Leute“. Sie trat an die Presse heran, gab Fernsehinterviews zum Leben mit HIV. „Das hat mir Kraft gegeben“, so die 56-Jährige. Sie wollte verdeutlichen: „Man kann mich anfassen, kann mich umarmen. Mein Umfeld hat das begriffen.“

Seit Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich als Fachbeirat für Menschen mit HIV bei der Aids-Hilfe Hamburg und arbeitet in einem sozialen Beruf bei einem Bildungsträger. „Meine Kollegen und meine Firma stehen voll hinter mir“, sagt sie glücklich. „Ich habe bis vor sieben Jahren keine Pläne für die Zukunft gemacht, nie gedacht, dass ich so lange lebe. Durch die Medikamente habe ich wieder eine Zukunft, muss an Altersvorsorge denken. Das ist ein schönes Gefühl.“

Jeden Abend muss sie zwei Tabletten nehmen. „Früher war es eine ganze Handvoll. Mittlerweile liege die Viruslast unter der Nachweisgrenze. An ihre HIV-Infektion denkt Beul dennoch jeden Tag, „aber nicht mehr so, dass es immer in meinem Kopf rumgeistert“. Auch eine neue Beziehung habe sie nach ihrer HIV-Infektion gehabt. „Wenn man einen Partner findet, der einen liebt, der liebt einen auch mit HIV“, sagt die 56-Jährige. Ihr Wunsch: „Eine Gesellschaft, in der sich niemand für das Krankheitsbild zu schämen braucht.“

Derzeit leben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts Berlin in Deutschland zirka 80.000 Menschen mit HIV oder Aids, darunter 65.000 Männer und 15.000 Frauen sowie 200 Kinder. In einer antiretroviralen Therapie befinden sich 54.000 Menschen. Es wird von einer Zahl von 14.000 HIV-infizierten Menschen ausgegangen, die keine Kenntnis von ihrer Infektion haben. Die Zahl der Erstdiagnosen 2013 lag bei 3263 Menschen, 2668 Männer und 593 Frauen. In Schleswig-Holstein wurden 79 Erstdiagnosen gestellt,  in Hamburg  zirka  230. Die häufigsten Übertragungswege waren 2013 Sex zwischen Männern (1735 ), Sex zwischen Männern und Frauen (593), intravenöser Drogengebrauch (100) und Mutter-Kind-Transmission (21). In 25 Prozent der Fälle gab es keine ausreichende Angabe zum Übertragungsweg.  Insgesamt haben sich in Deutschland bis heute 108.000 Menschen mit HIV infiziert – knapp die Hälfte in den sechs Städten Berlin, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Frankfurt am Main und München. Seit 1982 gab es in Deutschland 28.000 Aids-Tote.

Etwas mehr als 100 HIV-Tests werden beim Fachdienst Gesundheit des Kreises Pinneberg pro Jahr anonym durchgeführt, so Leiterin Dr. Angelika Roschning. Häufig kämen gut aufgeklärte Menschen, die sich vor ungeschütztem Geschlechtsverkehr, etwa in einer neuen Beziehung, testen lassen. „Ein ganz verantwortungsvolles, sinnvolles Verhalten“, sagte Dr. Roschning. Zunächst rate sie allen Personen in neuen Beziehungen oder Kurzzeitbeziehungen zur Benutzung von Kondomen. „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass einem jemand seine HIV-Infektion mitteilt.“

Ein Test sei erst drei Monate nach dem letzten ungeschützten Sexualkontakt verlässlich, die Laboranalyse dauere zwei Tage, das Ergebnis werde persönlich  mitgeteilt. Denn auch für Menschen mit negativem Ergebnis sei so ein Test eine psychische Belastung, weiß Dr. Roschning. Liegt eine HIV-Infektion vor, werden die Betroffenen an eine HIV-Schwerpunktpraxis – meist in Hamburg – angeschlossen, die die genauere Diagnostik durchführe und die Behandlungsindikation abkläre. Die Medikamente wirkten so gut, dass die Viruslast auf ganz niedrige Werte gedrückt werden könne und es keine Einschränkungen in der Lebenserwartung gebe. Auch auf Sex müsse niemand verzichten. Wüssten Menschen von ihrer Infektion, benutzten Kondome, ließen sich medikamentös behandeln und informierten den Partner, dann könnten sie ein erfülltes Sexualleben führen. Es sei zudem aufgrund der neuen Behandlungsmöglichkeiten kein Problem, gesunde Kinder zu bekommen.  

Der Fachdienst Gesundheit des Kreises Pinneberg, Kurt-Wagener-Straße 11 in Elmshorn, bietet Beratungen sowie anonyme HIV-Tests an (Kosten: 3,85 Euro), dienstags von 14 bis 16 Uhr im Zimmer 1130 oder nach Vereinbarung. Ansprechpartnerin ist Susanne Richter-Buchholz, Telefon: 04121-45023360.

Doch Dr. Roschning warnt vor Verharmlosung. HIV-Infizierte müssten ein Leben lang täglich eine Kombination von Medikamenten einnehmen, die gewisse Einschränkungen mit sich bringen und teilweise mit Nebenwirkungen verbunden sein könne. Sie weiß: „Das Thema ist nach wie vor mit Scham besetzt. Wir sollten nicht nachlassen, an Toleranz und Offenheit zu arbeiten und Solidarität mit Betroffenen zu zeigen, sodass es aus dem Tabu herauskommt.“

Aids-Hilfe Hamburg unterstützt Betroffene

„Für die meisten Menschen ist die HIV-Infektion auch heute noch ein großer Schock“, sagte Jörg Korell, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Hamburg. „Häufig hat das damit zu tun, dass wesentliche Informationen fehlen und noch immer alte Bilder von sterbenden Menschen in den Köpfen sind. Vor dem Hintergrund der heutigen Therapiemöglichkeiten ist dies jedoch überhaupt nicht angemessen.“

Menschen aus der gesamten Metropolregion kommen mit Fragen rund um HIV und sexuelle Gesundheit seit 30 Jahren zur Aids-Hilfe. Diese bietet Schnelltests und Selbsthilfegruppen an, berät zu Prävention, medizinischen, psychologischen und sozialen Themen und leistet längerfristige psychosoziale Begleitung. „Unsere Klientel geht durch alle Gesellschaftsschichten, Altersgruppen und sexuellen Orientierungen“, sagte Korell. „Statistisch betrachtet sind Männer, die Sex mit Männern haben, sowie Menschen aus Hochprävelenzländern besonders verletzlich durch eine HIV-Infektion.“

Panik vor einer Ansteckung sei nicht angebracht. „Wichtig ist es, eine klare persönliche Präventionsstrategie zu haben, die der individuellen Lebenssituation entspricht.“ Doch HIV bleibt ein Tabu. „Das größte Problem ist heute die Befürchtung von Diskriminierung und Ausgrenzung – im Beruf, in Familie und Freundeskreis und im Gesundheitswesen. Dies führt dazu, dass Menschen mit einer HIV-Infektion häufig isoliert und versteckt umgehen müssen.“

Die Aids-Hilfe Hamburg hat ihren Sitz an der Langen Reihe 30-32 und ist unter der Telefonnummer 040-2351990 erreichbar.

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