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Was ist das Abitur heute noch wert? : Für die meisten Fünftklässler in Schleswig-Holstein geht heute wieder die Schule los

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Erziehungswissenschaftler Professor Peter Struck von der Universität Hamburg über die Qualität der unterschiedlichen weiterführenden Schulen.

Pinneberg/Hamburg | In Schleswig-Holstein sind gestern die Sommerferien zu Ende gegangen. Heute starten die meisten Fünftklässler an den weiterführenden Schulen. Dabei nehmen die Gymnasien im Land trotz sinkender Schülerzahlen 195 mehr Fünftklässler auf als im Vorjahr. Abitur – ist das heute noch der Gipfel der Schullaufbahn? Ein Gastbeitrag von Professor Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

Als der Hamburger Schulsenator Ties Rabe Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) war, schaffte er es, für die Länder Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Bayern ein Zentralabitur einzuführen. 2017 werden alle 16 Bundesländer in 27 Fächern gemeinsame Abituraufgaben stellen. Und so war Rabe, nachdem Hamburg gemeinsam mit den beiden anderen Stadtstaaten Berlin und Bremen stets auf den letzten Plätzen der bundesdeutschen Schulrankings lag, sehr euphorisch, als er vor einigen Wochen verkünden konnte, dass Hamburg nun Spitzenreiter bei den Abiturientenzahlen ist, und dass 55,4 Prozent sämtlicher Hamburger Schüler Abitur gemacht haben, was eine Steigerung um fast 20 Prozent in nur drei Jahren bedeutet. Jedoch auch die Durchschnittsnoten sind von Jahr zu Jahr besser geworden: 2008 betrug der Mittelwert noch 2,51, jetzt schon 2,42.

Die neue Hauptschule

Das Gymnasium hat mittlerweile von allen weiterführenden Schulformen den höchsten Schüleranteil; es ist demnach zur neuen Hauptschule der Nation geworden, was auch dem Elternwillen entspricht, denn 60 Prozent der deutschen Eltern wünschen sich für ihr Kind die Hochschulreife. Wie immer sind die Mädchen besser. 53 Prozent der Hamburger Abiturienten sind Mädchen, nur 47 Prozent Jungen, die Mädchen bleiben seltener sitzen, und sie schaffen im Schnitt eine Abinote von 2,36, während die Jungen nur auf 2,46 kommen. Aber auch die Stadtteilschulen, die in Schleswig-Holstein Gemeinschaftsschulen heißen und die ja mal aus Haupt- und Realschulen hervorgegangen sind, können Erfolge verbuchen: 62 Prozent aller Abiturienten erwerben die Hochschulreife an einem Gymnasium, 31 Prozent an einer Stadtteilschule, die ja ein Jahr mehr Zeit zum Abitur bietet, fünf Prozent an Beruflichen Gymnasien und zwei Prozent an Abendschulen.

Die schon lange allerbeste Hamburger Schule, die Max-Brauer-Stadtteilschule, liegt übrigens mit einem Notenschnitt von 2,12 noch vor vielen Gymnasien, und keine andere Hamburger Schule bringt mehr Erstklässler ohne Niveauverlust zum Abitur wie sie. In Klasse 9 haben die Schüler nämlich schon ein Jahr Lernvorsprung im Vergleich zu den acht umliegenden Gymnasien.

Von den 9286 Schülern, die in diesem Jahr in Hamburg Abitur gemacht haben, haben 166 die Traumnote 1,0 geschafft, das sind 25 mehr als im vergangenen Jahr. Nur 374 Schüler sind durchgefallen, was einem Prozentsatz von 3,9 entspricht.

Nun wenden allerdings Kritiker wie Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, ein, der Anstieg der Abiturientenzahlen und der immer besser werdende Notendurchschnitt seien mit einem erheblichen Niveauverlust erkauft worden; er leitet ein Gymnasium im bayerischen Landshut und weiß, wovon er spricht, denn Bayern weist von allen europäischen Regionen die allerniedrigste Abiturientenzahl auf, selbst Moldawien hat mehr; die höchsten Quoten erreichen Island und Finnland. Ist also ein Abitur umso mehr wert, je weniger Schüler es erreichen? Brauchen wir nicht schon längst ein Abitur plus an Hochschulen, also eine Aufnahmeprüfung zum Studium, weil das Abitur durch Massen von jungen Menschen, die es mit guten Noten erreichen, entwertet ist?

Wer diese Fragen beantwortet haben will, muss zunächst bedenken, dass alle Länder nach wie vor höchst verschiedene Lehrpläne haben, dass in Norddeutschland die Eltern entscheiden, wer von der Grundschule ins Gymnasium übergeht, in Bayern aber die Lehrer. Während es in Bayern immer noch sehr wissenslastige Lehrpläne gibt, dominiert in den Lehrplänen der norddeutschen Bundesländer mittlerweile das Können, also die Kompetenzen über das bloße Wissen hinaus. Der Vergleich erinnert also an den sprichwörtlichen Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Aber die Schweden, die nicht nur bei der weltweiten IGLU-Studie für Viertklässler, sondern auch bei der TIMS-Studie für Zwölftklässler jeweils auf Platz eins landeten, urteilen ja so: „Der Bildungsgrad eines Volkes entscheidet sich nicht in der Leistungsspitze, sondern in der Leistungsbreite“, und das hat Hamburg nun wahrlich gut hinbekommen.

Zwölf eingebaute Fehler

Nach dem Glück mit den Abiturientenzahlen hat der Hamburger Schulsenator Rabe aber nun gleich wieder einen schweren Dämpfer verkraften müssen: „Deutschtest überfordert Hamburgs Zehntklässler“ titelt eine Tageszeitung Ende Juli. Bei Vergleichsarbeiten, die Rabe für alle Gymnasiasten der Klassenstufe 10 angeordnet hatte, gab es im Fach Deutsch die Durchschnittsnote 3,7, in Mathematik 3,6 und in Englisch 3,1. Ein Teil der Deutschprüfung bestand aus einem Rechtschreibtest, bei dem die Schüler in einem Text von Uwe Timm zwölf absichtlich eingebaute Rechtschreibfehler erkennen sollten. Statt „Rhythmus“ stand dort „Rythmus“, statt „das Schreiben“ „das schreiben“, statt „Rechtschreibzwang“ „Rechtschreib Zwang“, statt „Initialen“ „Inizialen“, statt „freisten“ „freihesten“, statt „er liest“ „er ließt“ und statt „vielleicht“ „vieleicht“. Sind diese Fehler katastrophal, schlimm oder gar harmlos? Handelt es sich bei derem Übersehen um Flüchtigkeiten, mit denen die Schüler wider ihr eigentlich besseres Wissen die Schwächen nicht erkannten? Sie durften übrigens einen Duden benutzen, sie hätten im Zweifel nachblättern können.

Die Bewertung durch die Bevölkerung fällt jedenfalls sehr unterschiedlich aus. Sie reicht von dem Kommentar „katastrophal“ bis zu „ist doch egal, Hauptsache, man weiß, was gemeint ist“. Schließlich ist es doch ein Unterschied, ob man richtig schreibt, wenn etwas diktiert wird, oder ob man Fehler in einem vorgegebenen Text entdeckt oder übersieht. Das erinnert an die Suchbilder, bei denen links das Original zu sehen ist und rechts das gleiche Bild mit zwölf Veränderungen, die zu entdecken sind. Mit Intelligenz hat das Erkennen und Nichterkennen wohl nicht unbedingt etwas zu tun. Wie oft schreibe ich in einem Text wie diesem ein Wort falsch, obschon ich weiß, wie es richtig geschrieben wird. Eventuell habe ich selbst nach zweimaligem Korrekturlesen einen Fehler übersehen, den mein Freund mit dem unvoreingenommenen Blick von außen sofort entdeckt.

Wird also bei einem solchen Test die Rechtschreibkompetenz gemessen oder bloß eine Konzentrations- beziehungsweise Wahrnehmungsschwäche? Aber da haben wir es wieder: Wer etwas kann, kann sich immer auch selbst helfen, zum Beispiel indem er im Duden nachschlägt, indem er ein Korrekturprogramm einschaltet oder indem er einen anderen Menschen bittet, den Text noch einmal durchzulesen, wie man es ja mit Bewerbungsunterlagen macht. Ich vermute, dass bei den Hamburger Zehntklässlern mehr der Verzicht auf das Nachschlagen im Duden gemessen wurde als die wahre Rechtschreibkompetenz.

Kernwortschatz ohne Pommes

Heutige Kinder lesen den ganzen Tag über sehr viel Falsches, zum Beispiel in ihren SMS und bei Facebook, weil ihre Freunde schnell und nachlässig tippen, auf den Aufstellern vor Bäckerläden und Dönerbuden und sogar in den Teletexten von ARD und ZDF. Sie sind daher eine Menge an falsch Geschriebenem gewohnt und achten mit dem Motto „Hauptsache, man weiß, was gemeint ist“ nicht mehr so sehr auf Fehler. Die CDU in der Hamburger Bürgerschaft schlägt deshalb richtigerweise vor: „Kinder sollten viel mehr Richtiges lesen und viel mehr schreiben“; und der Hamburger Schulsenator Rabe will, dass in allen Grundschulen ein „verbindlicher Kernwortschatz“ von 800 Wörtern gelesen, geschrieben und gepflegt wird. Das Wort „Initialen“ wird dann allerdings ebenso wenig dazu gehören wie „Pommes frites“, das auch von vielen Zehntklässlern nicht beherrscht wurde. Ähnlich schwach schnitten die Zehntklässler in Mathematik ab. Zwar sind hier dem allgemeinen Klischee entsprechend die Jungen einen Deut besser als die Mädchen, aber auch sie konnten erschreckend oft nicht die richtige Lösung von 0,02 x 0,3 finden.

Immerhin hat der Test erwiesen, dass nicht unbedingt die Schulform für den Leistungsstand entscheidend ist, denn sowohl in Mathematik als auch in Deutsch ist die Albert-Schweitzer-Stadtteilschule deutlich besser als das in der Nähe liegende Albert-Schweitzer-Gymnasium mit einem vergleichbaren Schülerklientel. Nun, wir wissen ja schon länger, dass Gesamt-, Gemeinschafts- und Stadtteilschulen immer dann schlechter abschneiden, wenn sie so ähnlich wie Gymnasien arbeiten, aber keineswegs, wenn sie es mit dem Lernen ganz anders machen. 60 Prozent der Gymnasiasten erreichen in Mathe nur die Note 4 oder schlechter und nur 15 Prozent die Note 1 oder 2; allerdings gibt es bei den allerbesten Schülern wie auch im Fach Deutsch keinen Leistungsunterschied zwischen Jungen und Mädchen.

Als Ursache für schwache rechnerische Leistungen wird genannt, dass heutzutage Kinder zu wenig im Kopf, aber zu viel mit Geräten wie Taschenrechner oder Smartphone rechnen, also zu wenig Übung haben, und dass sie ganz oft ohne ein Verständnis für den Zusammenhang zu haben, nur mit Formeln arbeiten, die aber nicht mehr greifen, wenn sie längst wieder vergessen worden sind. Der richtige Kommentar dazu nicht nur von Leserbriefschreibern, sondern auch von Lernpsychologen: Wer über digitale Kompetenzen hinaus nicht auch hinlänglich Bruch-, Dezimal-, Prozent- und Flächenberechnung kann und nicht den Dreisatz beherrscht, wird nicht nur im Alltag, sondern auch in Ausbildung, Studium und Beruf erhebliche Nachteile haben, und er wird später nicht gut überschlagen, also schätzen, aber auch Probleme nicht gut einschätzen können.

Und wie reagiert die Schulbehörde darauf? Künftig sollen alle Hamburger Schüler bis zur Klasse 10 vier Mathestunden pro Woche haben, und im Fach Mathematik dürfen ab Klasse 5 nur noch Lehrkräfte unterrichten, die Mathematik studiert haben.

Fast jeder zweite Fünftklässler im Kreis Pinneberg wechselt zu diesem Schuljahr auf ein Gymnasium: Von 2728 Schülern, die ab dieser Woche eine weiterführende Schule besuchen, werden 1251 auf einem der elf Gymnasien eingeschult. Damit bleibt das Gymnasium die beliebteste Schulform, auch wenn der Anteil der Neu-Gymnasiasten im Kreisgebiet im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Prozent zurückgegangen ist.
Mit dem Trend zum Gymnasium ist der Kreis Pinneberg  nicht allein. „Das Gymnasium hat mittlerweile von allen weiterführenden Schulformen den höchsten Schüleranteil; es ist demnach zur neuen Hauptschule der Nation geworden“, sagt Professor Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.
Der Kritik, dass die höhere Zahl an Gymnasiasten und Abiturienten mit einem Niveauverlust einhergehe, setzt Struck entgegen, dass kaum ein Vergleich möglich sei. Während die Lehrpläne in einigen Ländern auf bloßes Wissen angelegt seien, gehe es andernorts darum, beim Lernen Kompetenzen zu entwickeln.
Das Gymnasium ist zudem nicht der einzige Weg zum Abitur. Auch Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe bieten den Abschluss an. Und an diesen haben sich im Kreis Pinneberg 449 Schüler angemeldet. (Voigt)
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erstellt am 01.Sep.2015 | 10:00 Uhr

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