„Fronten sind teilweise verhärtet“

Helmut Tilgner begann seine politische Laufbahn als Parteimitglied bei der SPD wegen dem ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt.
Helmut Tilgner begann seine politische Laufbahn als Parteimitglied bei der SPD wegen dem ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt.

Rellinger Helmut Tilgner (SPD) will jetzt kürzer treten / Kampf gegen CDU-Mehrheit / Rauerer Ton in den Sitzungen

shz.de von
26. Juni 2018, 16:00 Uhr

Helmut Tilgner war viele Jahre eines der Gesichter der Rellinger SPD, gehört aber der Gemeindevertretung in der neuen Wahlperiode nicht mehr an. Im Interview erklärt er unter anderem, warum es die SPD in Rellingen schwer hat und was sich in der Kommunalpolitik im Vergleich zu früher verändert hat.


Was wird Ihnen an der politischen Arbeit am meisten fehlen?
Ehrlich gesagt momentan gar nichts. Ich freue mich, dass die ganzen Sitzungstermine nicht mehr anfallen. Langweilig wird es auch ohne die Politik nicht. Ich bin Mitglied in mehreren Vereinen, spiele Hockey und habe auch im und am Haus einiges zu tun. Ich werde mich also nicht mehr politisch engagieren, stehe meiner Fraktion als Ratgeber aber weiter zur Verfügung.


Weswegen sind Sie nicht mehr politisch aktiv?
Ein Grund ist das Alter. Ich bin jetzt in meinem 80. Lebensjahr und möchte meiner Frau nicht länger zumuten, dass ich wegen der Politik so oft unterwegs bin. Eigentlich hatte ich ja schon 2013 aufgehört, bin dann aber als Nachrücker doch wieder Mitglied der Gemeindevertretung geworden.

Wie kamen Sie in die Politik?
Der Grund war Willy Brandt. Seine Politik brachte mich wie viele andere dazu, in die SPD einzutreten, erst nur als zahlendes Mitglied und später dann in der Kommunalpolitik mitzumachen.


Was waren die Höhepunkte Ihrer politischen Laufbahn?
Ein Höhepunkt war, dass die Gemeinde dank unserer Initiative trotz erheblicher Widerstände von anderer Seite eine Gleichstellungsbeauftragte bekommen hat. Die SPD hat zudem einen großen Anteil daran, dass in Rellingen eine gymnasiale Oberstufe eingeführt wird. Auch die Einführung von Sozialpädagogen haben wir angeschoben. Gerade in der Schulpolitik haben wir in Rellingen früher als die CDU die Zeichen der Zeit erkannt.


War es frustrierend, ständig gegen die Mehrheit der CDU anzukämpfen?
Wir haben kontinuierlich unsere Arbeit gemacht und immer wieder Anträge gestellt. Meistens jedoch vergeblich. Vieles wurde abgelehnt, weil es von der SPD kam. Und von der CDU nach einer gewissen Schamfrist als eigener Antrag verkauft. Da hat sich über die Jahre natürlich Frust angestaut.


Vor welchen Herausforderungen steht Rellingen in den kommenden Jahren?
Die Sanierung der Schmutzwasserkanalisation wird die Gemeinde sicherlich beschäftigen. Es wird kein Weg daran vorbei führen, den Sanierungsstau in den kommenden Jahren abzuarbeiten. Dafür werden Kosten in Millionenhöhe anfallen. Ich gehe davon aus, dass auch die Ausgaben für die Erweiterung der Caspar-Voght-Schule höher ausfallen, als wir momentan vermuten. So wird die Gemeinde in Zukunft das Geld wohl nicht mehr so großzügig ausgeben können wie bisher. Wichtig ist zudem, dass bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird. Das geht nur mit Mietwohnungen und Geschosswohnungsbau. Notfalls muss die Gemeinde das selbst in die Hand nehmen und nicht nur auf Bauträger warten. Schließlich kann sich nicht jeder ein Einfamilienhaus leisten.


Was läuft in Rellingen aus Ihrer Sicht nicht gut?
Aus meiner Sicht müsste mehr für die Sportvereine getan werden. Rellingen braucht eine weitere Sporthalle, da die Hallenzeiten nicht einmal annähernd ausreichen. Auch ein Kunstrasenplatz für den SC Egenbüttel wäre gut. Ich würde mir zudem wünschen, dass die Bürgermeister mehr Ideen einbringen. Ich kam mit allen Verwaltungschefs hervorragend zurecht. Allerdings fand ich schade, dass sie sich fast ausschließlich auf die Verwaltungsarbeit beschränkten.


Wie beurteilen Sie die Entwicklung der SPD?
Es ist schon seit Jahren ein ständiges Auf und Ab. Momentan sehe ich mit dem derzeitigen Programm keine Chance für einen Aufschwung.


Hat die SPD eine Zukunft?
Die Partei wird es auch in Zukunft geben. Es stellt sich nur die Frage, wie stark sie ist. Ich befürchte, dass die Sozialdemokraten sogar auf Bundesebene von den Grünen überrundet werden. Die Probleme in Berlin machen sich auch bei Kommunalwahlen negativ bemerkbar.


Hat sich die politische Arbeit gewandelt?
Die Themen haben sich verändert und die Kommunalpolitiker müssen wesentlich mehr Informationen als früher verarbeiten. Auch das Verhältnis zwischen den einzelnen Fraktionen ist nicht mehr so gut. Früher war es wesentlich kollegialer. Heute sind die Fronten teilweise verhärtet. Die meisten sind aufgrund beruflicher und privater Belastungen so angespannt, dass sie ganz schnell aus der Haut fahren. Früher hat man nach den Sitzungen noch gemütlich zusammen ein Bier getrunken. Jetzt kommen bestenfalls noch Grüppchen zusammen. Die meisten sind froh, wenn sie schnell nach Hause gehen können.

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