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Reportage aus dem Kreis Pinneberg : „Freiwurf“ für Handballer mit Handicap

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Erst im August gegründet, haben die Elmshorner Trainerinnen Astrid Tillein und Britta Mehrens mit ihrem Team aus geistig behinderten Sportlern bereits ein Turnier gewonnen.

shz.de von
erstellt am 01.Dez.2013 | 17:58 Uhr

Immer donnerstags um 17 Uhr kommt Leben in die riesige Olympiahalle in der Elmshorner Innenstadt. Es wird gelacht und laut gerufen. Im Tor steht der 18-jährige Marvin, dem die Bälle nur so um die Ohren fliegen, die er ein ums andere Mal hält. Immer wieder rennen seine Mannschaftskollegen auf ihn zu, heben zum Sprungwurf ab und und zielen aus kürzester Entfernung auf die Ecken des Tores, in die Marvin jetzt springt. Alles ganz normal. Handball-Training eben.

Wenn es nicht so wäre, dass nahezu alle Jugendlichen, die hier in einem sogenannten „Unified-Team“ (unified = englisch für einheitlich) üben, unter dem Down-Syndrom oder unter anderen geistigen oder körperlichen Behinderungen leiden. Und aus ärztlicher Sicht kann das in unterschiedlichen schweren Ausprägungen für das Down-Syndrom heißen, dass Herzfehler, Sehstörungen, Schwerhörigkeit und Fehlbildungen im Magen-Darm-Trakt zu den Folgen der Erkrankung gehören können. In jedem Fall aber liegt stets eine leichte bis mittlere geistige Behinderung vor, die allerdings nicht daran hindert, erfolgreich Handball zu spielen.

So sahen es auch Astrid Tillein (TUS Esingen) und Britta Mehrens (HSG Horst/Kiebitzreihe), die als Lehrerin und Erzieherin an der Elmshorner Raboisenschule arbeiten, also täglich mit Behinderten zu tun haben. Als im Februar 2010 in Hamburg passionierte Handballtrainer die Initiative „Freiwurf“ gründeten, die erstmalig Spieler mit und ohne geistiges Handicap in einer Mannschaft zusammenführte, hegten sie ebenfalls den Gedanken, dies auch in der Krückaustadt auf die Beine zu stellen. Obwohl es erst im August 2013 so weit war, hat das „Elmshorner Handball Team“ (EHT) mit seiner „Unified“-Mannschaft bereits das erste Turnier mit 50 Athleten und acht Mannschaften der C-Jugendlichen in Hamburg gewonnen. Und die Leichtigkeit, mit der in der Elmshorner Olympiahalle der Torwurf oder das Zuspiel geübt werden, ist auch daran zu spüren, dass ganz selbstverständlich Astrid Tilleins zwölfjähriger Sohn Thorge zu jeder Einheit erscheint und man ihm seine Freude an dem Spiel mit den Behinderten ansieht.

„Darum geht es ja“, sagt Tillein, „um das Miteinander. Das ist das, was uns an dieser ehrenamtlichen Trainerarbeit so zufrieden macht. Der Ehrgeiz ist zwar da – und das ist auch gut so – aber die Fairness steht ganz klar im Vordergrund“, so Tillein. Und Coach Britta Mehrens fügt hinzu: „Wir wollen nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen, sondern voll integriert in den ganz normalen Ligabetrieb.“

Als die beiden Übungsleiterinnen, die den Handballsport bereits an der Raboisenschule eingeführt hatten, mit dem regelmäßigen Trainig begannen, hätten andere, nicht behinderte Sportler, die die Hallenzeit ebenfalls nutzten, anfänglich schon etwas schräg geschaut, „was das denn für eine Truppe sei“, wie Tilleit sich erinnert. Mittlerweile jedoch, wundert sich niemand mehr.

Ein Wiedersehen unter Freunden

Auch für die Tochter von Britta Mehrens, die 14-jährige Kaja, ist es zu einer angenehmen Selbstverständlichkeit geworden, am Donnerstagnachmittag mit den Handicap-Sportlern zu spielen oder am Wochenende zu Wettbewerben zu fahren, wo sie genauso wie Thorge Tillein als „Unified“-Mitspielerin fungiert. Gerade bei den Turnieren, sagt Britta Mehrens, sei es wie „ein Wiedersehen unter Freunden“, wenn die „Unified“-Sparte des EHT mit vielen Eltern und Betreuern anreist.

Immerhin 15 behinderte Spieler habe man jetzt zusammen. Einer, der eine Ausbildung macht, kommt extra aus Norderstedt zum Training. Man sei zu einer Art sportlicher Familie zusammengewachsen. Und nachdem man anfänglich noch im Torverhältnis 3:1 spielte, sodass ein Tor der Behinderten dreifach zählte, setzten sich Mehrens und Tillein nach wenigen Partien hin und fragten sich: „Müssen wir überhaupt andere Regeln haben?“ Die Antwort gab die Realität: nein. Auch die Trainer von Vereinen, mit denen sich die beiden Handballerinnen regelmäßig treffen, waren dieser Meinung. Alles soll so einheitlich wie möglich sein.

Und ein Spielbericht über das jüngste Spiel der Elmshorner gegen das „Unified“-Team SVE Hamburg liest sich so: „ Das Spiel bot alles, was ein gutes Handball-Match ausmacht: Tempo, viele Tore und Torschützen sowie extreme Spannung. Es traf der Elmshorner HT auf das Team des SVE Hamburg. Beide Mannschaften starteten hochmotiviert und konnten kurz nach Anpfiff Torerfolge erzielen. Die Führung wechselte in der ersten Halbzeit ständig und keine Mannschaft kam über einen Vorsprung von einem Tor hinaus. Zur Halbzeit gingen die Teams mit einem 5:6 für den SVE in die Kabine. Die Eidelstedter kamen etwas frischer aus der Kabine und konnten sich zu Beginn der zweiten Hälfte auf 6:8 absetzen. Die Spieler von Elmshorn antworteten darauf mit einer offensiveren Abwehr und konnten mit schnellen Gegenstößen auf 8:8 ausgleichen.

Der SVE war in dieser Phase des Spiels sehr unsicher, gleichwohl gelang den Elmshorner nicht der Führungstreffer. In der Endphase erreichte der SVE zunächst die Führung, bevor die Elmshorner 90 Sekunden vor Schluss einen Gang höher schalteten und ein regelrechtes Power-Play auspackten. Gleich drei Spieler konnten frei gespielt werden und ungestört auf das Tor werfen. Doch die Schützen hatten ihre Rechnung ohne den Eidelstedter Torwert Florian gemacht. Alle drei Würfe parierte er teilweise akrobatisch und avancierte damit zum Matchwinner. Endstand: 11:12 für den SVE, dessen Spieler ihren Goalkeeper Florian mächtig feierten.“

Alles ganz normal. Deswegen sagt Astrid Tillein: „Wir wollen soviel Normalität wie möglich und keinen Mitleidbonus für unser Team.“

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