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Das verstummte Summen : Forscher beobachten weitläufiges Insektensterben

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Eine Folge des Insektensterbens - auch der Vogelbestand geht zurück.

shz.de von
erstellt am 29.Mai.2017 | 10:00 Uhr

Pinneberg | Nahezu jeder kennt die kleinen, stechenden Plagegeister, gerade an sommerlichen Tagen. Oder das nervige Summen am Ohr, kurz vor dem Einschlafen, welches einem mit größter Wahrscheinlichkeit prophezeit: Wenn jetzt nichts unternommen wird, wird es morgen irgendwo ziemlich jucken. Also wieder aufstehen, Licht anmachen und auf Mückenjagd gehen. Warum sollte also etwas dagegen haben, wenn die Zahl so mancher Insekten abnimmt? Laut Naturschutzbund (Nabu) ist dieser Rückgang aber bereits Realität – mit schweren Folgen für das gesamte Öko-System.

Uwe Langrock, Vorsitzender des Naturschutzbundes in Pinneberg, berichtet: „Seit den 50er Jahren lassen sich umweltbedingte Veränderungen wie der Rückgang von Insekten feststellen. In den vergangenen zehn Jahren sogar sehr deutlich und ein dramatisches Insektensterben zeichnete sich in den letzten beiden Jahren ab. Infolgedessen, ist auch der Vogelbestand zurückgegangen.“ Seit acht Jahren beobachtet und dokumentiert Biologe Langrock die Vogelwelt in und um Pinneberg: „In einigen Teilen Deutschlands gibt es einen Rückgang von bis zu 80 Prozent.“

Ähnlich sieht das Martin Husemann, Kurator der Abteilung für Insekten im Zentrum für Naturkunde in Hamburg. Als Hauptgrund für den rapiden Rückgang nennt der Wissenschaftler die Intensivlandwirtschaft. Er verweist auf die Studie des Entomologischen Vereins in Krefeld. Die Insektenkundler führten bereits viele Untersuchungen mit unterschiedlichen Methoden durch und belegen mit ihren Forschungsergebnissen den Verlust der Artenvielfalt bei Insekten – unter anderem Bienen und Hummeln – und den Rückgang vieler Vogelarten. In den Sammlungen und dem Archiv des Vereins liegen in hunderten Schubladen die Belegexemplare vieler Arten, die heute bereits ausgestorben oder gefährdet sind.

Aber wie kommt es genau zu diesen Verlusten? Biologe Husemann erläutert: „Jedes Habitat hat seine eigenen Arten. Das Überleben einzelner Tierarten ist ganz individuell von speziellen Nahrungsquellen abhängig. Beispielsweise ernähren sich bestimmte Arten von Bienen und Schmetterlingen, nur von einer bestimmten Pflanze. Fällt diese weg, dann stirbt das Tier aus. Es ist wie ein Dominoeffekt.“

Auch der Pinneberg Naturforscher Langrock zeigt sich besorgt: „Eingriffe in die natürlichen Prozesse tragen zum Fehlen der Fluginsekten bei und die gesamte Nahrungskette gerät in Gefahr. Das führt dazu, dass Blumen und Bäume nicht mehr bestäubt werden und beispielsweise Vögeln und Fledermäusen die Nahrung fehlt.“

Im Zentrum für Naturkunde in Hamburg dokumentiert eine Rote Liste die gefährdeten Tierarten. Die Ursachen sind bislang noch nicht ausreichend geklärt und ließen sich teils auch nur schwer untersuchen. Es deutet jedoch vieles darauf hin, das der Schwund vieler Tiere mit einer weitreichenden Vergiftung der Insekten in unserer Umwelt zu tun hat, wie Husemann bemerkt: „Besonders die Neonicotinoide, eine Gruppe hochwirksamer Insektizide, stehen unter Verdacht, Schäden auszulösen.“ Oft würden die Spätfolgen bestimmter Mittel, die auf den Markt geworfen werden, unzureichend erforscht. Und fällt eine Gefahr weg, offenbart sich gleich die nächste, wie Husemann erläutert: „Damals wurde das Insektizid DDT verboten. Der Einsatz von diesem Schädlingsbekämpfungsmittel hatte den Rückgang der Greifvögel zur Folge. Nach dem Verbot erholte sich der Bestand zunächst. Jetzt sind jedoch die Windkrafträder für den Tod unzähliger Vögel verantwortlich.“ Ebenso ein Punkt, den Naturfreund Langrock bemerkt.

Die allgemeine Entwicklung weise aber auch lösungsorientierte Trends auf. So fände Bio immer mehr Beachtung und es könne jeder in seinem Garten und in seiner Umgebung anfangen, Naturbewusstsein umzusetzen, so Husemann. Es ginge darum, den Tieren wieder Lebensraum zu schaffen: „Natur ist Lebensqualität.“

In der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands gelten drei Viertel der Offenlandarten als gefährdet, einschließlich Vorwarnliste sind es 87 Prozent (Stand August 2016): Vom Aussterben bedroht sind beispielsweise die Haubenlerche, Auerhuhn, Schreiadler, Uferschnepfe, Steinmätzer, Ohrentaucher. Zu den stark gefährdeten Vogelarten zählen Flussuferläufer, Grauspecht, Kiebitz, Rebhuhn, Wachtelkönig, Wendehals, Flussuferläufer, Braunkehlchen.

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