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Pinneberger Tageblatt

17. Oktober 2017 | 19:03 Uhr

"Feuerwehrmänner waren meine Helden"

vom

shz.de von
erstellt am 25.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Schenefeld | Es gibt sie noch, die Männer-Biotope. Auch in Zeiten, da die Politik über Frauenquoten diskutiert und die Schule Mädchen zum "Girls Day" in Autowerkstätten schickt. Unter Sirenengeheul zum Einsatz rasen, mit schweren Gerätschaften hantieren, sich in brennende Häuser stürzen - Feuerwehrmann zu werden, ist wohl einer der klassisch sten Kleine-Jungen-Träume. Und das schlägt sich in Zahlen nieder: Die Freiwillige Feuerwehr in Schenefeld hat 75 Einsatzkräfte. Nur zwei davon sind Frauen.

Eine von ihnen ist Jana Sagemann, 22 Jahre alt, Oberfeuerfrau. Sie trägt Perlenohrringe, ihre Fingernägel sind türkis lackiert und die blonden Haare fallen ihr offen auf die Schultern. Als sie die schwere Feuerwehrjacke überstreift, klagt sie: "Die macht mich dick" - eine nur allzu weibliche Sorge. Was hat diese junge Frau in eine solche Männerdomäne geführt? Und wie behauptet sie sich gegen diese Übermacht von Testosteron?

Jana Sagemann ist in Schenefeld aufgewachsen, ihr Vater ist Landwirt und selbst bei der Feuerwehr. In ihrer Kindheit trieb in der Stadt ein Brandstifter sein Unwesen, besonders häufig brannten Häuser mit Reetdächern. Sie selbst lebte in einem solchen Haus, fühlte sich bedroht - und bewunderte diejenigen, die sie beschützten. "Die Männer von der Feuerwehr waren Helden für mich", erzählt Sagemann.

Mit zwölf Jahren beschloss sie, selbst eine Heldin zu werden: Sie trat in die Jugendfeuerwehr ein. Anfangs waren die Übungen eher spielerisch und "vor allem mit Spaß verbunden". Das änderte sich, als sie mit 18 Jahren in die aktive Wehr wechselte. Plötzlich wurde aus dem Spiel Ernst: Sie musste echte Einsätze fahren, sich womöglich selbst in Gefahr bringen. Gut erinnert sie sich an ihren ersten Einsatz im Atemschutz-Trupp. Eine Küche brannte, gemeinsam mit zwei Kameraden musste sie durchs Fenster ins Haus klettern. "Man geht direkt ins Feuer." Einen kurzen Moment lang habe sie gezögert, gesteht sie. "Aber dann dachte ich: Komm, ich mach das jetzt auch."

Die Feuerwehr nimmt viel Raum ein in Sagemanns Leben. Tag und Nacht trägt sie ihren Funkmelder bei sich, etwa einmal im Monat wird sie zu einem Einsatz gerufen. Alle zwei Wochen treffen sich die Kameraden zum Dienst abend. Dazu kommen die Lehrgänge: Sagemann hat Maschinisten- und Funklehrgänge durchlaufen, zuletzt hat sie sich zur Truppführerin ausbilden lassen. Zwei bis drei Abende pro Woche opferte sie über mehrere Monate hinweg dafür. "Ich will was erreichen", erklärt sie ihre Motivation. "Ich will sagen können: In dem, was ich mache, bin ich gut."

In der Jugendfeuerwehr sind gewöhnlich mehrere Mädchen aktiv, berichtet Sagemann, doch in der Pubertät kehren die meisten der Feuerwehr den Rücken. Sagemann blieb dabei - und lernte, sich unter den männlichen und älteren Kameraden zu behaupten. "Ich habe nie Probleme, meine Meinung zu sagen", sagt sie. "Wenn mich jemand anbellt, dann beiße ich auch." Natürlich rissen die anderen hin und wieder Sprüche. "Ach, lass das doch die Frau machen", heiße es dann. Sagemann lässt das kalt: "Ich bin mit einem Bruder aufgewachsen - ich weiß, wie man Ellenbogen benutzt."

Ein Wissen, das ihr auch außerhalb der Feuerwache nützt. Sagemann arbeitet als Immobilienkauffrau, gelegentlich versucht ein Klient, sie einzuschüchtern. "Aber ich habe in der Feuerwehr gelernt, mich durchzusetzen", sagt sie. "Ich weiß ganz genau, wo ich im Leben stehe."

Braucht die Feuerwehr mehr Frauen? Nicht unbedingt, meint Sagemann, die Frage nach dem Geschlecht hält sie ohnehin für zweitrangig. "Mich stört eher, wenn eine Frau nur herumsteht und jammert, dass sie nicht auf ihr Telefon gucken kann - dann habe ich lieber 15 Männer, die mitanpacken."

Dennoch hat sie einige Unterschiede zwischen Feuerwehrmännern und -frauen ausgemacht. Viele ihrer männlichen Kameraden, berichtet sie, seien fasziniert von der technischen Ausrüstung, könnten stundenlang darüber fachsimpeln. Aus solchen Gesprächen klinkt sie sich aus: "Ich muss nur wissen, wo sie liegt und wie man damit umgeht."

Sagemann selbst treibt nach zehn Jahren Feuerwehr immer noch das gleiche an: der Wunsch, zu helfen. "Andere Menschen gehen Blutspenden", sagt sie, "ich mache eben so was."

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