Wedel : Fast mitten ins Schwarze

Bei 150 Teilnehmern waren die 14 Schießstände des Luftgewehrstands die meiste Zeit besetzt.
1 von 4
Bei 150 Teilnehmern waren die 14 Schießstände des Luftgewehrstands die meiste Zeit besetzt.

Premiere an der Waffe: Karina Voigt hatte beim Kameradschaftsschießen der Polizei zum ersten Mal den Finger am Abzug - und entwickelte dabei eine gehörige Portion Ehrgeiz.

shz.de von
24. November 2013, 06:00 Uhr

„Wollen Sie über das Kameradschaftssschießen berichten oder daran teilnehmen?“, fragt mich Wedels Polizeirevierleiter Torsten Schmidt am Telefon. Eigentlich habe ich ihn nur angerufen, um der Aufforderung „um Antwort wird gebeten“ nachzukommen. Selbst mitzuschießen wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Eine Waffe und ich? Diese Kombination gibt es eigentlich nur dann, wenn ich gerade einen Krimi lese. Aber da ich mich für den Beruf Journalist auch deswegen entschieden habe, weil man dabei ständig etwas Neues ausprobieren darf, sage ich erstmal: „Also, geschossen habe ich noch nie.“ Das sei überhaupt kein Problem, meint Schmidt, ich sage meine Teilnahme zu.

Nach dem Telefonat erzähle ich Kollegen und Freunden, von meinem Plan, beim Kameradschaftsschießen mitzumachen. „Du machst was?“ Sie erinnern mich an meine zahlreiche gescheiterten Versuche, ein zerknülltes Blatt Papier vom Schreibtisch aus in den Papierkorb zu werfen. Jetzt erst recht, sage ich mir. „Ich schaff’ das schon, ich schaff’ das schon“, macht sich der Refrain eines Rolf Zuckowski-Lieds in meinem Kopf breit.

Und dann ist er da: der Mittwoch des Kameradschaftschießens. Um 15.30 Uhr werden die Teilnehmer in der Schützenhalle in Tornesch erwartet. Ich bin bereits eine Viertelstunde früher vor Ort, total untypisch für mich. Wie das Schießen eben. Aber nachdem mein Umfeld scheinbar kein so großes Vertrauen in mich gesetzt hatte, war ich dann doch ziemlich aufgeregt.

Es schießt auch die Feuerwehr

Als ich die Schützenhalle betrete, steht an der Anmeldung bereits eine Menschenschlange, die Tische im Raum sind mit zahlreichen Uniformierten besetzt – Polizisten, Schützen, Bundeswehrsoldaten, Feuerwehrleute, überwiegend Männer. Als Frau in Zivilkleidung steche ich aus der Masse hervor.

Drei Polizisten haken an einem Tisch auf ihrer Liste die angekommen Gäste ab, geben ihnen ihren Laufzettel sowie die Schießscheiben. Dann bin ich dran, nenne meinen Namen, erhalte ebenfalls meine Unterlagen und lasse mir dann den Revierleiter zeigen, dem ich meine Teilnahme angekündigt hatte. Schmidt sitzt direkt hinter dem Begrüßungstisch. Ich stelle mich vor und lasse mir zunächst einmal berichten, worum es beim Kameradschaftsschießen überhaupt geht.

„Das Schießen ist eigentlich nebensächlich“, sagt er. Vielmehr gehe es ihm und seinen Kollegen darum, all diejenigen, mit denen die Polizisten sich verbunden fühlen, einzuladen, um sich auch mal persönlich unterhalten zu können, ohne dass man gerade im Dienst ist. Außerdem erfahre ich, dass insgesamt 15 Pokale vergeben werden. Gegen die Polizisten, Soldaten und Schützen muss ich also nicht schießen, denn ich laufe unter der Kategorie „Gäste“.

Inzwischen ist der Raum gefüllt. Zirka 150 Personen sind anwesend. „Wir haben in diesem Jahr einen Teilnehmerrekord“, teilt Schmidt mir noch schnell mit und stellt sich dann hinters Rednerpult, um die Veranstaltung offiziell zu eröffnen. Er begrüßt die Gäste, zu denen außer den Uniformierten auch Lokalpolitiker, Bürgermeister, Richter und eine Staatsanwältin gehören. Langsam lässt meine Nervosität nach. Bürgermeister, Richter und Staatsanwälte zählen in meiner Welt auch nicht zu denjenigen, die regelmäßig auf dem Schießstand üben. Als Schmidt seine Rede beendet hat, tritt ein Schützenvereinsmitglied ans Mikrofon, um die Regeln zu erläutern: „Jeder hat fünf Schuss mit dem Kleinkaliber-, fünf Schuss mit dem Luftgewehr, einen Probeschuss gibt es nicht.“ Den Rest bekomme ich nicht mit.

„Keinen Probeschuss? Ich habe doch noch nie ein Gewehr in der Hand gehalten, wie soll das denn funktionieren?“, frage ich mich statt weiter zuzuhören und bin erst wieder im Hier und Jetzt, nachdem ich den Wunsch „Gut Schuss!“ gehört habe. Jetzt wird es also ernst und ich bin wieder aufgeregt, denn mein Anspruch an mich selbst steigt: Bei dem großen Teilnehmerfeld möchte ich zumindest nicht die schlechteste Schützin sein. Der Wettbewerb beginnt.

Ziele mit der Kamera ins Visier nehmen

Während die ersten Personen ihren Weg an die Schießstände antreten, fällt mir ein, dass ich ja noch in anderer Funktion beim Kameradschaftsschießen bin – als Reporterin. Welch ein Glück! Ich hänge mir die Kamera über die Schulter und gehe erstmal arbeiten: anderen Menschen zusehen, ohne selbst mitzumachen. Neben dieser Reportage habe ich schließlich auch noch einen tagesaktuellen Artikel zu schreiben, dafür gilt es, Fakten zu sammeln und zu erfahren, was die anderen Teilnehmer von der Veranstaltung halten. Nach einer halben Stunde, habe ich mich an die fremde Atmosphäre am Schießstand gewöhnt. Ich nutze die Gelegenheit, dass bei den Kleinkalibergewehren gerade nicht so viel los ist, lege meine Kamera beiseite und wende mich an einen Mann in Schützenuniform: „Jetzt möchte ich auch mitmachen, können Sie mir zeigen, wie’s geht?“

Ein paar Sekunden später stehe ich an Stand Nummer fünf, wie mir die große Ziffer in 50 Metern Entfernung verrät. Es ist kalt, das Ziel befindet sich im Freien. Mein „Trainer“ schraubt die Waffenhalterung einige Zentimeter herunter, vor mir scheint ein Hüne an diesem Stand gewesen zu sein. Dann erklärt er mir, wie ich die Waffe halten muss, zeigt mir, wo ich durchsehen muss und wie ich den Abzug betätige. Dann schickt er meine Zielscheibe in die Ferne. „So und jetzt versuchen Sie mal, mitten ins Schwarze zu schießen“, sagt er.

Das Schwarze. So einfach ist das gar nicht. Obwohl die Waffe auf dem Ständer liegt und ihr Bewegungsspielraum zwischen ihm und meiner Schulter ziemlich beschränkt ist, sehe ich durch das Ziel rohr mal einen schwarzen Punkt, dann wieder die Wand. Ich brauche ein wenig Zeit, um ruhig zu werden. Plötzlich sehe ich nur noch schwarz und drücke auf den Abzug. Die Scheibe wird rangeholt, schließlich soll ich sehen, wohin ich geschossen habe, ehe ich die anderen Schüsse abgebe. „Gut, eine Neun“, sagt der Schütze, der mir zur Seite steht. „Wow, der erste Schuss meines Lebens und gleich eine Neun – tja, da waren die Prognosen meiner Kollegen und Freunde wohl falsch“, denke ich und merke, dass meine Ansprüche an mich selbst gerade ins Unermessliche wachsen.

Heißes Thema: Tabs für die Spülmaschine

Mein nächster Schuss bringt mich jedoch auf den Boden der Tatsachen zurück. Er landet außerhalb des schwarzen Kreises, ist aber immerhin noch drei Punkte wert. Am Ende meines Wettkampfdurchgangs habe ich insgesamt 62 Trefferpunkte erzielt. Ich bin mit meinem Ergebnis zufrieden und gehe mal nachsehen, was in der Schützenhalle los ist.

Die nächsten Stunden nutze ich für Gespräche. Ich setze mich zu den Soldaten, lasse mich von ihnen über die Zeitung ausfragen und stelle Fragen zur Bundeswehr. Von den Wedeler Polizisten erfahre ich, dass sich die Landesregierung umentschieden hat und weiterhin die Kosten für die Spülmaschinen-Tabs übernehmen wird. Das war ein Aufreger in der Wache, den ich zufällig mitbekommen hatte. Ich habe eine nette Zeit.

Dann ist es soweit: Siegerehrung. 89 mal hat Gerd Bertschus vom Schützenverein getroffen. Dafür gibt’s einen Pokal. Der erfolgreichste Gast ist Kai Feuerschütz mit 73 Punkten. Und ich? Auf alle Fälle habe ich eine neue Erfahrung gewonnen und Spaß gehabt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen