Expertin: „Machen Sie die Fenster auf. Immer, immer wieder“

Sie leben den Inklusionsgedanken:  Jan Matthiesen (links), Leiter des Förderzentrums, Thomas Gerdes (rechts), Leiter der GuGs, sowie die Schüler Joshua Fock und Mardjahn Haider.
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Sie leben den Inklusionsgedanken: Jan Matthiesen (links), Leiter des Förderzentrums, Thomas Gerdes (rechts), Leiter der GuGs, sowie die Schüler Joshua Fock und Mardjahn Haider.

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30. Oktober 2020, 20:56 Uhr

Pinneberg | „Raumluftreinigungsgeräte nützen. Vor allem dem Hersteller“, sagte Ulrike Evermann im Pinneberger Schulausschuss. Die Leiterin des Infektionsschutzes beim Kreis Pinneberg war zum Arbeitsgespräch zur allgemeinen Corona-Situation eingeladen und beantwortete die Fragen der Politik.

„Professionelle Raumluftreinigungsgeräte kommen in Operationssälen zum Einsatz. Die sind richtig teuer. Wenn man es einhalb oder ein Viertel professionell macht, vermitteln die Geräte nur falsche Sicherheit. Sie sind das Geld nicht wert, aber es ist nicht mein Geld“, sagte Evermann zu den Überlegungen der Stadt, derartige Geräte in Schulen einzusetzen (unsere Zeitung berichtete). Ihre Lösung: Lüften. „Die Kombination aus Mund-Nasen-Bedeckung im Unterricht und dem Lüften ist sinnvoll. Ich verstehe nicht, warum man es nicht sofort gemacht hat, denn es nützt“, sagte Evermann. Raumluftreinigungsgeräte seien nur bei innenliegenden Räumen ohne Fenster sinnvoll. „Es bringt mehr, als nichts zu tun“, betonte sie. „Es ist aber die zweitbeste und nicht die beste Lösung im Vergleich zum Fenster.“ Sie empfahl, die Lüftungsexperten im Umweltamt des Kreises Pinneberg anzusprechen. „Die tun seit Jahren nichts anderes, als Lüftungsanlagen zu planen und zu prüfen“, sagte Evermann.

Ein Fenster auf Kipp sorge nicht für den notwendigen Luftaustausch, sondern kühle Räume nur aus. „Was man braucht, ist ein altmodischer Wecker und eine Eieruhr. Alle 20 Minuten für fünf Minuten Stoßlüften“, erläuterte Evermann. Türen zum Flur sollten allerdings nur geöffnet werden, wenn auch in gegenüberliegenden Klassenräumen gelüftet werde. „Sonst steht die alte Luft im Flur“, sagte sie. Die Anschaffung von CO2-Messgeräten sei hingegen sinnvoll. „Sie zeigen, wie schnell sich Luft verbraucht. Mit einem Farbschema ist es sehr anschaulich. Man muss aber auch darauf schauen“, betonte Evermann.

„Ich will aber auch Werbung machen für das Händewaschen“, sagte Evermann. Schulen bräuchten vernünftige Waschbecken mit warmem Wasser und Seife. „Daneben sollte aber nicht der alte Frotteelappen hängen, den ich aus vielen Schulen kenne und den man schon wegen der Kreidereste nicht anfassen mag“, sagte die Leiterin des Infektionsschutzes beim Kreis Pinneberg. Alles sei in den letzten Jahren oftmals weggespart worden. „Händedesinfektion ersetzt nicht das Händewaschen. Desinfektionsmittel wurden für Ärzte und Männer entwickelt“, betonte Evermann. Auf den Zwischenruf „Und für Frauen“ reagierte sie prompt: „Nein, für Männer. Ich habe bewusst nicht gegendert. Frauen haben dünnere Haut. Handekzeme sind eine Berufskrankheit bei Frauen, die viel mit Desinfektionsmitteln in Kontakt kommen.“ Außerdem stehe für sie fest: „Desinfektionsmittel sind nicht für Grundschüler. Das ist verantwortungslos. Nehmen Sie Wasser und Seife.“ Desinfektionsmittel könnten auch Kinderhaut angreifen und zu schmerzhaften Stellen führen. Diese dann wieder in Kontakt mit Alkohol zu bringen, sei kontraproduktiv. „Ich will auch gar nicht sagen, was man mit Desinfektionsmitteln alles machen kann, wenn man findig ist. Es ist auch ein Schutz für Lehrer“, erläuterte Evermann.

Derzeit gebe es wenige Ansteckungen an Schulen, sondern vor allem im privaten Umfeld. „Kleine Kinder sind weniger infektiös“, stellte Evermann klar. Durch die kleineren Lungen würde eine geringere Virenlast ausgeatmet. „Oberstufenschüler sind dahingehend ausgewachsen“, betonte sie. „Wir hoffen alle, dass die Schulen möglichst lange laufen. Ich hoffe, dass sich die Lage mit den aktuellen Maßnahmen bessert und wir das exponentielle Wachstum beenden“, sagte Evermann.

„Corona ist keine Grippe. Es beginnt wie eine Grippe“, erläuterte Evermann. Blutgefäße im Körper verstopfen – vor allem im Herz, Gehirn, Nieren und Lungen. „Es sind Krankheitsverläufe, die ich als Ärztin noch nie gesehen habe. Ich kann mit einer normalen Lungenentzündung umgehen und sie therapieren. Das jetzt ist untherapierbar. Man weiß auch nicht, was es mit jüngeren Menschen macht“, sagte Evermann. Die US-Army habe bereits Rekruten abgelehnt, die an Covid19 erkrankt waren. „Weil man sie nicht für leistungsfähig genug hält“, betonte Evermann. Sie appellierte: „Machen Sie die Fenster auf. Immer, immer wieder.“ Wichtig sei es, sich Gedanken zu machen, wie Kinder zur Schule kommen. „Was bringen uns Kohorten, wenn Kinder im überfüllten Schulbus sitzen?“, sagte Evermann. „Ich bin kein Fan von Elterntaxis, mache jetzt aber eine Ausnahme.“ Zudem müssten Schulen überdenken, ob klassenübergreifender Unterricht wie im Bereich Religion oder Philosophie notwendig sei.

Auf die Sorgen der Politik, dass die Lüftungsregeln nicht richtig in den Schulen umgesetzt werden, reagierte Jan Matthiesen, Leiter des Förderzentrums Pinneberg: „In den Schulen sind wir uns alle der hohen Verantwortung bewusst. Subjektiv mag der Eindruck entstehen, dass ein Fenster ständig auf ist, aber ich denke es funktioniert. Ich spreche nicht nur für das Förderzentrum, sondern für alle Schulen in Pinneberg.“ Das bestätigte der Applaus der anwesenden Schulleiter.

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