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Bus und Bahn : Experte: „Der ÖPNV ist grundsätzlich defizitär“

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Claudius Mozer ist Nahverkehrsbeauftragter des Kreises Pinneberg. Im Interview spricht er über das Bus-Netz in der Region und dessen Herausforderungen.

Pinneberg | Wie beurteilen Sie die Versorgung mit Bus-ÖPNV im Kreisgebiet?
In den vergangenen gut zehn Jahren haben wir zum Beispiel mit der HVV-Vollintegration, der Neueinrichtung der Buslinien 594 und 295 sowie der Neukonzeption und Ausweitung des Elmshorner Stadtbus-ÖPNVs, 100 Prozent Nierderflurbussen, automatischen Haltestelleninnenanzeigen und -ansagen in den Bussen, überwiegend Klimaanlagen in den Bussen sowie dem Einstieg in die Elektromobilität richtungsweisende Maßnahmen umgesetzt, welche die ohnehin hohe ÖPNV-Attraktivität im Kreis Pinneberg erfolgreich noch weiter gesteigert und zu erheblichem Nachfragewachstum geführt haben.

Gibt es auch Überlastungen?
Vor allem in den Hauptverkehrszeiten sind die meisten Buslinien gut nachgefragt, in den Bahnlinien sieht es nicht anders aus. Für den Straßenverkehr gilt das natürlich auch – dieser Hinweis ist wichtig, weil hohe ÖPNV-Auslastungen gern lauter kritisiert werden als volle Straßen.

Gibt es derzeit Planungen, bestimmte Linien und Angebote auszuweiten oder die Taktung zu erhöhen?
Weitere ÖPNV-Entwicklungsmaßnahmen hängen davon ab, ob diese finanziert werden können. Der Kreis Pinneberg als Konsolidierungskreis kann und darf derzeit keine weiteren freiwilligen Verpflichtungen eingehen. Insofern sind Weiterentwicklungen momentan nur möglich, wenn diese von Städten oder Gemeinden finanziert oder durch Verlagerungen aufwandsneutral dargestellt werden können. Tatsächlich ist das ÖPNV-Angebot im Kreis Pinneberg dank einer traditionell auf einen attraktiven ÖPNV setzenden Verkehrspolitik und nicht zuletzt durch die Errungenschaften der letzten zehn Jahre auf einem sehr hohen Niveau. Und obwohl die meisten Verbesserungspotenziale bereits umgesetzt wurden, sind weitere punktuelle Verbesserungen sinnvoll und erstrebenswert, wie zum Beispiel die Ausdehnung der Fahrplanangebote der Buslinien 185 und 285 bis zirka Mitternacht und eine Verlängerung der Buslinie 186 von Schenefeld nach Halstenbek.

Wie ist das Feedback der ÖPNV-Nutzer?
Die Beschwerdelage ist im HVV-Vergleich normal und ohne besondere Auffälligkeiten. Die Kundenzufriedenheit im HVV ist im Bundesvergleich hingegen sogar besonders hoch; hier belegt der HVV unter bundesweit 35 Verkehrsverbünden und -unternehmen mit dem zweiten Platz eine Spitzenposition, wozu der ÖPNV im Kreis Pinneberg als integraler Bestandteil des HVV einen wichtigen Beitrag leistet.

Wie wird der ÖPNV im Kreis Pinneberg finanziert?
Die Kreise und einige kreisangehörende Städte sind für den Bus-ÖPNV als sogenannte Aufgabenträger gesetzlich zuständig, Bahnverkehr ist Ländersache. Diese Aufgabenträger bestellen auf Basis von Verkehrsverträgen bei den Verkehrsunternehmen die Leistung, die sie haben wollen und die sie finanzieren können. Und das ist ein immer wieder übersehener fundamentaler Aspekt: Nicht die Verkehrsunternehmen entscheiden, auf welcher Linie wie viel Fahrplanangebot gefahren wird, sondern die Aufgabenträger. Das ist nicht nur gesetzlich so definiert, sondern auch sinnvoll, weil ÖPNV grundsätzlich strukturell defizitär ist, das heißt es werden durchschnittlich rund 50 Prozent der Kosten durch Fahrgelder gedeckt. Der Rest sind Mittel der Aufgabenträger und da ist es nur folgerichtig, dass diese die Bestellerverantwortung haben und damit die Mittelverwendung bestimmen. Das ändert nichts daran, dass wir die Pflege und Entwicklung des ÖPNV-Angebotes gemeinsam mit den Verkehrsunternehmen betreiben.

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erstellt am 05.Feb.2014 | 06:00 Uhr

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