Im Interview : Ex-HSV-Star Peter Hidien spricht über Niedergang und Perspektiven des Bundesliga-Dinos

„Es ist so viel schief gelaufen, dass es den einen Grund für die Krise gar nicht gibt“,  sagt Ex-HSV-Star Peter Hidien.
„Es ist so viel schief gelaufen, dass es den einen Grund für die Krise gar nicht gibt“, sagt Ex-HSV-Star Peter Hidien.

Ich-AGs und keine Führungsspieler - Ex-Profi Peter Hidien hat seinen früheren Klub auch im Kreis Pinneberg genau im Blick.

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21. Juni 2015, 11:00 Uhr

Hamburg | Peter Hidien (61) steht für bessere Zeiten des HSV. Er war mit den Hamburgern in den siebziger und achtziger Jahren Meister, Pokalsieger und Europacupsieger. Hidien wohnt inzwischen in Quickborn und ist Fußball-Abteilungsleiter beim TuS Hasloh. Im Interview spricht Hidien über HSV-Boss Beiersdorfer, Investor Kühne, die Einkaufspolitik, höhere Ticketpreise und den Niedergang während der vergangenen Jahre.

Wie haben Sie die Krise des HSV in der vergangenen Saison erlebt?
Peter Hidien:
Gerade in letzter Zeit war es schmerzhaft und mir blutete das Herz. Zum Glück reichte es für den Klassenerhalt. Ich habe mich danach allerdings gewundert, dass die Mannschaft ihre Feierlichkeiten öffentlich machte. Schließlich hat der HSV keine Meisterschaft gewonnen, sondern eine grottenschlechte Saison gespielt und gerade mal den Abstieg verhindert. Da wäre etwas mehr Zurückhaltung angebracht gewesen. Dass alle erleichtert sind, ist verständlich. Aber nach so einer Spielzeit feiere ich leise und haue nicht auf den Putz.

Was sind die Gründe für den Absturz in den vergangenen Jahren?
Wenn ich das wüsste, würde ich im Vorstand sitzen und den HSV nach oben führen. Es ist so viel schief gelaufen, dass es den einen Grund für die Krise gar nicht gibt. Wenn ich beispielsweise sehe, dass mit Levin Öztunali Uwe Seelers Enkel bei unserem Erzfeind in Bremen spielt, fällt mir dazu nichts mehr ein.

Was fehlt Ihnen in der Mannschaft?
Da stehen zu viele Ich-AGs auf dem Platz. Jeder ist nur bemüht, keine Fehler zu machen. Dabei muss einer dem anderen helfen. Dazu kommt, dass keine Führungsspieler da sind, die jemanden einnorden, der ausschert. Es kann nicht sein, dass ein Heiko Westermann gleich bei seiner Ankunft in Hamburg die Kapitänsbinde bekommt. So etwas muss man sich verdienen. Wobei mir die Kritik an Westermann leidtat. Sein Kampfgeist ist vorbildlich. Fehler von ihm führten leider nur sofort zu Gegentoren. Wenn alle seine Einstellung gehabt hätten, wären wir auf Platz neun gelandet. Deshalb würde ich mich freuen, wenn Westermann in Hamburg bleibt. Auch Rajkovic hätte eine weitere Chance verdient. Bei Ilicevic und Kacar habe ich dagegen so meine Bedenken.

Sind die häufigen Trainerwechsel ein Grund für die Misere?
Natürlich ist das nicht optimal. Aber wenn ich auf dem Platz stehe, habe ich meine Arbeit zu erledigen. Egal, wer draußen steht. Absolut nicht nachvollziehbar war die Entscheidung, Peter Knäbel auf die Trainerbank zu setzen. So etwas geht im harten Bundesligageschäft nicht. Und wenn ich höre, dass schon im Herbst über eine Vertragsverlängerung von Bruno Labbadia gesprochen werden soll, frage ich mich, ob man in der Führungsetage nichts aus den vergangenen Jahren gelernt hat. Natürlich hat Labbadia gute Arbeit geleistet. Aber noch kann keiner sagen, wie es in der kommenden Saison läuft.

Hat die Umstrukturierung zur HSV Fußball AG etwas gebracht?
Klar. Der HSV hat Geld bekommen. Ohne die Zuwendungen von Herrn Kühne und Herrn Otto wäre der Verein weg vom Fenster und wir bräuchten gar nicht mehr über erste, zweite und wahrscheinlich nicht einmal dritte Liga reden. Positiv finde ich zudem, dass vom Aufsichtsrat nichts mehr zu hören ist. Dass nicht von heute auf morgen alles gut wird, muss doch jedem klar gewesen sein, der etwas von Fußball versteht.

Können Sie nachvollziehen, dass gerade Klaus-Michael Kühne nicht sonderlich beliebt ist?
Man sollte nicht vergessen, dass er den HSV mit seinem Geld schon mehr als einmal gerettet hat. Deshalb muss man ihm auch mal zugestehen, dass er sich äußert und sollte ihn auch anhören. Vieles, was er sagte, stimmt doch. Als er Oliver Kreuzer als Drittliga-Manager bezeichnete, hatte er Recht.

Ist die Kritik an Dietmar Beiersdorfer verständlich?
Aus meiner Sicht nicht. So ist beispielsweise die Kritik an der Einkaufspolitik nicht nachvollziehbar.  Leute wie Lewis Holtby, Nicolai Müller oder Markus Ostrzolek haben doch in der Bundesliga schon gute Leistungen gebracht. Deshalb bin ich vor dem Start der vergangenen Saison davon ausgegangen, dass der HSV sich gut verstärkt hat. Dass diese Spieler bei uns nicht an ihre frühere Form anknüpften, ist nicht die Schuld von Beiersdorfer. Erstaunlich finde ich, dass einige kritisieren, die selbst ihren Anteil am Niedergang des HSV haben.

Ist es richtig, einen Fanliebling wie Maximilian Beister wegzuschicken?
Wenn ihn drei Trainer nicht bringen, muss irgendetwas fehlen. Der Verein kann niemanden behalten, weil er ein netter Kerl ist. Das kann man sich in der Bundesliga nicht leisten.

Was erwarten Sie von der kommenden Spielzeit?
Ich hoffe auf eine sorgenfreie Saison, aber der HSV ist eine Wundertüte. Wichtig wäre, dass Leute wie Holtby und Müller endlich einschlagen. Sonst hängen wir wieder unten drin. Bei der Verpflichtung von Neuzugängen muss allen bewusst sein, dass der HSV gerade für junge Spieler längst nicht mehr erste Wahl ist. Wenn es gelingt, für Abwehr, Mittelfeld und Sturm ein paar solide Bundesligaspieler zu verpflichten, sieht es gar nicht mal so schlecht aus.

Wo sehen Sie den größten Bedarf?
Was wir auf alle Fälle brauchen, ist ein Konkurrent für Dennis Diekmeier. Der Junge hat enorme Möglichkeiten, aus denen er viel zu wenig macht. Dass ein Westermann zeitweise rechter Verteidiger spielte und er draußen saß, schien Diekmeier nicht einmal zu stören. Da frage ich mich, ob die Einstellung stimmt. Das gilt nicht nur für ihn. Wenn man 0:8 gegen München verliert und ohne gelbe Karte vom Platz geht, ist das eine Frechheit. Die Nehmerqualitäten der Fans finde ich erstaunlich. Dass bei solchen Leistungen immer mehr als 50.000 Zuschauer im Stadion waren, ist sensationell. Als Dankeschön die Eintrittspreise zu erhöhen, ist nicht gerade die feine hanseatische Art. Einigen im Verein ist offenbar nicht bewusst, dass der große HSV gar nicht mehr so groß ist und nur noch im unteren Drittel herumkrebst.

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