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Das Sonntagsgespräch : Evelyn Heß leitet die Borderline-Selbsthilfegruppe in Pinneberg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Evelyn Heß, Leiterin der Borderline-Selbsthilfegruppe Pinneberg.

Pinneberg | Evelyn Heß leitet die Borderline-Selbsthilfegruppe in Pinneberg. Im Sonntagsgespräch erklärt sie unter anderem, wie die Krankheit ihr Leben beeinflusst hat.

Wie zeigt sich die Borderline-Erkrankung?
Die Krankheit hat viele Gesichter. Manche sind nicht so extrem betroffen und leiden zum Beispiel an starken Verlustängsten, sind in sich gekehrt und haben in großen Gruppen das Gefühl, dass sie nicht wahrgenommen werden. Andere Betroffene müssen mit starken Gefühlsschwankungen von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt kämpfen. Sie werden schnell wütend, tragen ihren inneren Schmerz nach außen und verletzen sich selbst. Das sind die so genannten Ritzer. Das Ritzen galt lange als typisches Borderline-Merkmal. Ich habe aber viele kennengelernt, die an Depressionen leiden, sich allerdings keine Verletzungen zufügen. Borderline ist eine Stoffwechselstörung, kann allerdings − wie bei mir − auch durch das familiäre Umfeld verursacht werden. Ich bin mit einer narzisstischen Mutter aufgewachsen, die unser Leben bestimmte.

 Evelyn Heß ist 31 Jahre alt und wurde in Berlin geboren. Sie wohnt in Heist und ist Gartenbauingenieurin.lzi

Gibt es Behandlungsmöglichkeiten?
Die Krankheit kann eigentlich erst bei Erwachsenen behandelt werden. Die Behandlung ist zudem ein langer, harter Weg. Ich selbst war zweieinhalb Jahre in einer ambulanten Therapie. Ein Problem ist, dass die Krankheit nur schwer zu erkennen ist und etliche wegen Depressionen oder Suchtproblemen behandelt werden, obwohl eigentlich Borderline dahinter steckt. So werden nur die einzelnen Symptome, aber nicht die Ursache bekämpft.

Wann ist bei Ihnen Borderline diagnostiziert worden?
Vor vier Jahren. Bei mir ist die Ausprägung zum Glück nicht so stark. Die Ursachen für die Erkrankung lagen bei mir in meiner Kindheit und in meiner Erziehung. Ich merkte zwar, dass mit mir etwas nicht stimmt, habe mich aber nicht weiter darum gekümmert. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ein Todesfall im Freundeskreis, der mir sehr nahe ging, hat mir endgültig das Genick gebrochen. Als mich auch andere darauf ansprachen, dass es so nicht weiter geht, suchte ich mir Hilfe.

Wie zeigt sich die Krankheit bei Ihnen?
Innere Leere, Verlustängste − damit hatte ich lange zu kämpfen. Ich habe früher im Prinzip nur gearbeitet und mir da Anerkennung geholt. Die Werte, die einem Eltern in der Kindheit nahebringen sollen, wurden mir nie vermittelt. Es ging immer nur darum, irgendwie zu funktionieren. Ein Scheitern war jedes Mal ein Weltuntergang. Ich wollte deshalb perfekt sein, stand ständig unter Strom und kam nie zur Ruhe. Urlaubszeiten waren der Horror für mich, weil ich sowieso nicht abschalten konnte. Je größer der Druck war, desto besser ging es mir. Auch längere Beziehungen waren unmöglich. Ich zog häufig um und war irgendwie auf der Flucht vor mir selbst, weil ich mich nicht ertragen konnte.

Hat Ihnen die Selbsthilfegruppe dabei geholfen, mit der Erkrankung zurechtzukommen?
Die Selbsthilfegruppe ist für mich eine Bereicherung und trägt mich, wenn es mir schlecht geht. Die Gruppe verdeutlicht mir immer wieder, was ich schon alles geschafft und was für einen Weg ich bereits zurückgelegt habe. Das ist auch deshalb wichtig, weil viele ein negatives Bild von uns haben. Wer Borderline googelt, findet etliche Berichte, die uns niedermachen. Das finde ich traurig. Wir sind schließlich ganz normale Menschen mit Stärken und Schwächen.

Wann trifft sich die Selbsthilfegruppe?
Wir treffen uns an jedem  ersten und dritten Montag des Monats von 18.30 bis 20 Uhr in der Awo-Begegnungsstätte am Fahltskamp in Pinneberg. Wer Interesse hat, kann einfach vorbeikommen.

Ihnen geht es inzwischen gut. Haben Sie Angst vor einem Rückschlag?
Die Angst ist immer da. Ich habe eine kleine Hündin und weiß schon jetzt, dass es mir das Herz brechen wird, wenn der etwas passiert. Rückschläge kann es leider immer geben. Es kann schon ausreichen, wenn man aus seinen gewohnten Tagesablauf gerissen wird. Ich bin momentan im Mutterschutz und arbeite deshalb derzeit nicht. So habe ich viel Zeit, mich selbst zu reflektieren. Dabei halte ich mir vor Augen, was ich schon alles erreicht habe, damit gar nicht erst negative Gedanken aufkommen.

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