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Thema der Woche: 25 Jahre Mauerfall : Euphorie und Glückstränen eines DDR-Flüchtlings

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Fast 30 Jahre nach seiner Flucht aus der DDR kann Fritz Klingelhöfer wieder durch das Brandenburger Tor spazieren. Der heute 73-Jährige aus Pinneberg erinnert sich.

Pinneberg/Berlin | Es ist der 10. November 1989, das Jahr der Wende, des Mauerfalls. Das deutsche Volk ist euphorisch. Jeder spürt, es liegt etwas Großes in der Luft: Freude, Begeisterung, Neugier. Werden sich die Menschen aus der ehemaligen DDR im Westen zurechtfinden? Sind sie wie du und ich? Was haben sie uns zu sagen? Was haben wir ihnen zu sagen?

Jetzt sind die Grenzen zum Westen offen. Überall riechen wir den penetranten Gestank der Zweitakter Trabis und Wartburgs, der einem die Tränen in die Augen treibt. Die Menschen werden an der Grenze begeistert empfangen.

Am 22. Dezember wird das Brandenburger Tor für alle geöffnet. Jubel überall. Der Andrang ist riesengroß. Meine Frau und ich denken: „Das muss ja großartig sein, so etwas mitzuerleben. Fahren wir mit unserem Auto nach Berlin. Nach mehr als 30 Jahren möchte ich wieder durchs Brandenburger Tor gehen.“ Am 25. Dezember ist es soweit. Unser gemeinsames Weihnachtsgeschenk.

Die Ausweiskontrollen an den Autobahnübergängen Schlutup und Staaken sind nicht mehr so streng. Wir werden fast überall durchgewunken. Und in West-Berlin haben wir Glück, dass wir einen Kilometer vor dem Brandenburger Tor und der Maueröffnung, direkt vor dem Reichstag, unseren Wagen abstellen können. Wir hören seltsames Gehämmer. Ein Berliner klärt uns auf: „Die Leute schlagen mit Hammer und Meißel Brocken aus der Mauer. Wir nennen sie Mauerspechte.“ Alles für die Erinnerung.

Vor dem Brandenburger Tor am Hindenburgplatz hat sich eine große Menschentraube gebildet. Alle dort Stehenden haben ein Ziel: Durch die Maueröffnung in den Ostteil Berlins zu gelangen. Wir reihen uns ein. Dann können wir die offene Mauerstelle sehen. Aufregung und Begeisterung macht sich in mir breit.

An der Maueröffnung teilen die Grenzpolizisten Zettel aus mit den Worten: „Bitte ausfüllen. Bei Rückkehr dann wieder abgeben.“ Die Leute lachen die Ostpolizisten aus: „Macht euch nicht lächerlich. Wer füllt denn heute noch so etwas aus!“ Viele zerreißen die Zettel und werfen die Schnipsel weg. Wir stecken die Zettel in die Tasche. Wir wollen wieder zurück. Wer weiß...

Freudentränen beim Gang durch das Brandenburger Tor

Ehrfurchtsvoll, mit langsamen Schritten, gehe ich zusammen mit meiner Frau durchs Brandenburger Tor. Ich bekomme einen Kloß im Hals, kann die Freudentränen nicht unterdrücken. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Erinnerungen werden in mir wach. 1959 gab es noch keine Mauer. Damals, als ich die DDR für immer verlassen wollte. Damals, beim Überschreiten der Grenze von Ost- nach West-Berlin hinter dem Brandenburger Tor, wurde ich von Ost-Polizisten angehalten und kontrolliert. Sie wollten mich nicht nach West-Berlin lassen.

Ich konnte ihnen nach langem hin und her glaubhaft machen, dass ich nicht flüchten, sondern nur West-Berlin ansehen wollte. Schließlich ließen sie mich nach einer Gepäckkontrolle gnädig passieren.

Und heute, nach 30 Jahren, stehe ich wieder an dieser Stelle. Als die Mauer noch stand, habe ich geglaubt, niemals mehr durchs Brandenburger Tor gehen zu können. Das ist der Tag, an den ich nie zu denken wagte.

Glücklich schlendern wir weiter. Wir gehen die Straße Unter den Linden entlang bis zum Alexanderplatz. Am Roten Rathaus vorbei ins Nikolai-Viertel, über den Gendarmenmarkt, die Leipziger Straße zum Pariser Platz. Obwohl es nasskalt ist, merken wir nichts von der Witterung. Wir sind begeistert, glücklich, nachdenklich. Es war das herrlichste Weihnachtsgeschenk, das wir uns je geleistet haben.

Warum Fritz Klingenhöfer die Flucht aus der DDR nie bereut hat

1960 traf Fritz Klingelhöfer eine Entscheidung, die sein Leben für immer verändern sollte. Im Alter von 20 Jahren floh der heutige Pinneberger aus der DDR und kehrte seiner Heimat Altenburg in Thüringen den Rücken. „Aus politischen Gründen, weil ich und mein Leben mit dem System nicht vereinbar waren. Ich bin Christ“, sagt der 73-Jährige. „Ich habe immer wieder gesagt: Für diese Art von Sozialismus bin ich nicht.“

Klingelhöfer war während seiner Lehre zum Schriftsetzer der einzige, der nicht Mitglied der FDJ war. Statt an der Jugendweihe teilzunehmen, ließ er sich konfirmieren. Er bekam den Druck des Systems zu spüren – bereits bei der schwierigen Suche nach einer Lehrstelle. 

„Das erste Mal wollte ich im September 1959 abhauen. Da gab’s die Mauer ja noch nicht. Das hat nicht geklappt. Danach wurde ich als Hilfsarbeiter in die Kohlengrube gesteckt. Nach ganz unten – in der Grube und in der Hierarchie“, erinnert sich Klingelhöfer. „Es hieß: Da können Sie sich in der sozialistischen Produktion bewähren.“ Im Anschluss sollte er in der Volksarmee dienen.

Klingelhöfer hatte andere Pläne. Eineinhalb Jahre lang bereitete er seine Flucht vor, die ihm 1960 schließlich gelang. Er nahm Urlaub. Zunächst ging es mit dem Zug von Leipzig nach Berlin.  In seinem Koffer befand sich lediglich Kleidung für eine Woche. „Für einen Besuch bei der Tante in Berlin“, wie er den  Volkspolizisten weismachen konnte, als sie den Zug durchkämmten und Klingelhöfer baten, seinen Koffer zu öffnen.  

Glück auf der Flucht: Die Volkspolizei war beschäftigt

In  Berlin stieg er in eine U-Bahn Richtung Westen. „Bis zum Zeitpunkt des Mauerbaus funktionierte der U- und S-Bahn-Verkehr zwischen Ost und West noch.“ Klingelhöfers Glück: Am Tag seines Fluchtversuchs wurde Wilhelm Pieck, der erste Präsident der DDR, beerdigt. Die Volkspolizei befand sich im Großeinsatz. Der 20-Jährige Klingelhöfer war Nebensache.

 „Zwei Polizisten kamen durch die U-Bahn. Mein Herz plumpste herunter vor lauter Anspannung. Die haben genau gewusst, was los war. Der eine stieß den anderen an mit den Worten ‚Komm’ gehen wir‘“, berichtet der 73-Jährige.  Auch russische Soldaten, die in den Zug stiegen, sagten zu ihm: „Dawai!“, das so viel wie „Weiter!“ heißt.

Klingelhöfer floh als Vollwaise. Er war bei seiner Großmutter aufgewachsen. Seine Familie stand beim Fluchtversuch hinter ihm. „Ich war noch jung. Mir stand die Welt noch offen“,  so Klingelhöfer. Es sollte 17 Jahre dauern, bis er sich mit einem Messeausweis zur Leipziger Buchmesse wieder in den Osten wagte, um seine Verwandten zu sehen und ihnen „schluchzend in die Arme zu fallen“.

In der Bundesrepublik  zog es  Klingelhöfer zunächst  nach Nordrhein-Westfalen. Dort habe es „familiäre Anbindung“ gegeben. Sofort hatte er einen Job als Schriftsetzer in einer Druckerei. Im Laufe der Jahre machte er seinen Meister und nahm zudem Jobs als Korrekturleser auf Russisch und Deutsch an.

Klingelhöfer lernte im Jahr 1970  seine Ehefrau kennen, mit der er schließlich in den Norden zog. Bis zu seiner Rente arbeitete er als Korrektor in einem Verlag in Hamburg. Inzwischen leben die Klingelhöfers in Pinneberg. Dort bringt der 73-Jährige seine Erinnerungen zu Papier. Ob er seine Flucht aus der DDR jemals bereut habe? Klingelhöfer schaut mit festem Blick auf: „Kein einziges Mal.“

 
Am Sonnabend, 8. November, liegt Ihrer Tageszeitung ein 64-seitiges Sondermagazin zum Mauerfall-Jubiläum bei, das in Zusammenarbeit mit dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) und dem medienhaus:nord, unter anderem Herausgeber der Schweriner Volkszeitung, entstanden ist.
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