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Schafherden in SH : Esel gegen Wölfe? Schäfer skeptisch

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Herdenbesitzer in anderen Bundesländern sind von Eseln als Schutztier überzeugt. Die Kollegen in Schleswig-Holstein haben Bedenken.

shz.de von
erstellt am 03.Apr.2015 | 17:01 Uhr

Er kann richtig grantig werden – der Esel. Er schreit nicht nur höchst unangenehm, sondern er beißt auch und tritt mit seinen Hufen gezielt zu. „Von Natur aus sind hundeartige Tiere seine Feinde“, sagt Schäfer Tino Barth im Ortsteil Rüssen der niedersächsischen Stadt Twistringen. Und damit auch Wölfe. Als im November die ersten Schafe in der Nachbarschaft gerissen wurden, habe er sich sofort drei Esel zugelegt – sie sollen seine 200 Schafe verteidigen. Fazit: „Bisher gab es in meiner Herde nicht einen einzigen Riss.“ Andernorts in der Region fielen bereits mehr als 40 Schafe den Wölfen zum Opfer.

Der Esel – das Herdenschutztier der Zukunft? Die Schäfer im nördlichsten Bundesland sind da kritisch. „Ganz so einfach ist es nicht“, sagt Janine Bruser, Geschäftsführerin des Landesverbandes Schleswig-Holsteinischer Schaf- und Ziegenzüchter. Das Thema werde zwar unter den Verbandsmitgliedern intensiv diskutiert. Aber Herdenschutztiere eigneten sich für die Schäfer in Schleswig-Holstein nur bedingt. Denn: Etwa 70 Prozent aller rund 195.000 Schafe in Schleswig-Holstein werden an den Küsten gehalten. Jedoch weitgehend nur im Sommer. Im Winter würden die Herden zum großen Teil in kleine Gruppen auf das Binnenland verteilt – „in bis zu 20 Partien“, sagt Janine Bruser. Zu viele, um jede Gruppe mit einem Herdenschutzhund, der mindestens 1000 Euro kostet, auszustatten. Ganz zu schweigen von den Kosten für einen Esel.

„Ein Großesel kostet 3000 Euro, ein Hausesel ist bereits für 450 bis 800 Euro zu bekommen“, sagt der niedersächsische Schafzüchter Barth. Er gibt zu bedenken: „Ein Herdenschutzhund benötigt zusätzlich Fleisch, der Esel läuft mit der Herde einfach nur mit.“ Vor allem in früheren Zeiten, als die Schafherden noch kleiner waren, hätten sich die Schäfer auch deshalb für den Esel entschieden. Der 46-jährige  Diplom-Agrarwirt und Schäfermeister schwört auch aus anderen Gründen auf den Esel. Anders als ein Herdenschutzhund sei das Tier auch nicht so neugierig, würde daher gefährdete Bodenbrüter in Ruhe lassen und eigne sich somit besonders in Naturschutzgebieten.

Das größte Pfund sei aber das Verhalten des Esels. „Der Esel ist kein Fluchttier“, sagt Barth. „Er verteidigt die Herde, stellt sich dem Eindringling, oder läuft sogar auf diesen zu.“ Ein einzelner Wolf habe gegen einen Esel keine Chance. Auch große Hunde nicht. „In Sachsen-Anhalt hat ein Esel einen Rottweiler getötet.“ Sogar einem ganzen Rudel würde sich das Tier stellen. „Gegen mehrere Wölfe allerdings hat auch ein Esel  keine Chance“, räumt Barth ein.

Dennoch – selbst im Kreis Herzogtum Lauenburg, dem Haupteinfallstor von Wölfen, die in Schleswig-Holstein einwandern, kann sich niemand so richtig für den Esel als Herdenschutztier begeistern. „Ich will den Effekt nicht in Abrede stellen“, sagt Dirk Hadenfeldt, Wolfsbeauftragter in dieser Region. Aber: „Der Wolf ist sehr lernfähig“, gibt er zu bedenken. Hier hatte  jüngst ein Wolf für Aufsehen gesorgt, der unbeirrt von schreienden Menschen auf vier Schafe losgegangen war.

Ähnlich sieht dies auch Jochen Martens (39), Schäfermeister in Kühsen im Kreis Herzogtum Lauenburg. Im vergangenen Jahr habe ein Wolf fünf seiner 2500 Schafe gerissen „und aufgefressen“. Er hält es nicht für ausgeschlossen, dass ein Wolf sich auch irgendwann auf den Esel als Herdenschutztier einstellt. Zudem betreibe er die Koppelhaltung mit insgesamt 16 Herden – „da hab’ ich doch dann bald mehr Esel als Schafe“, meint Martens.

Schafzüchter-Verbandsgeschäftsführerin Janine Bruser in Kiel verweist zudem auf die Noteselhilfe im sächsischen Weißenberg. Der Tierschutzverein, der sich um in Not geratene Esel und Mulis in Deutschland kümmert, findet die Entwicklung „besorgniserregend“. Zwar sprächen die Eigenschaften des Esels wie die Abneigung gegen Hundeartige für die Auswahl als Herdenschutztier. Wesentlich mehr Punkte aber dagegen: So dürfe ein Esel als Herdentier aus Tierschutzgründen nicht einzeln gehalten werden. Zudem erfordere das Tier viel Pflege und Beschäftigung. „In Süd- und Osteuropa, USA, Kanada und Afrika hat sich der Einsatz nicht bewährt“, warnt Noteselhilfe-Vorsitzende Heike Wulke in einem Brandbrief via E-Mail. In Ländern mit traditioneller Schafhaltung in Nachbarschaft mit Wölfen würden Esel generell nicht als Herdenschutztiere, sondern als Pack- und Zugtiere eingesetzt.

Gleichwohl plant das Umweltministerium in Niedersachsen jetzt ein Pilotprojekt mit Eseln, wie Ministeriumssprecherin Justina Lethen in Hannover auf Anfrage mitteilt. Dabei solle geprüft werden, „ob die  Förderrichtlinie für den Herdenschutz entsprechend erweitert werden kann“.

Auch in Schleswig-Holstein gibt es seit Mitte März offiziell ein Wolfsgebiet: Im Kreis Herzogtum Lauenburg fördert das Land nun den Schutz von Herdentieren finanziell. Es zahlt künftig 80 Prozent der Herdenschutzmaßnahmen, wenn Tierhalter dies beantragen. Der Esel allerdings gehört nicht dazu. „Solche Überlegungen wurden bislang nicht angestellt“, sagt Sönke Wendland, Sprecher im Kieler Umweltministerium. Zwar seien entsprechende Ansätze durchaus bekannt, fachliche Hinweise über die Effizienz von Eseln zum Schutz von Schafherden lägen aber bislang nicht vor. „Bisherige Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune oder auch  Herdenschutzhunde reichen aus hiesiger Sicht aus, um Übergriffe von Wölfen auf Nutztierherden zu verhindern“, so Wendland.

Tatsächlich ist  bislang nur eine Schafherde in Schleswig-Holstein bekannt, bei der ein Esel mitläuft: nämlich in den Fröruper Bergen im Kreis Schleswig-Flensburg. Schäferin Angela Dornis (38) hatte sich vor vielen Jahren die Zwergesel-Stute „Salome“ gekauft. Allerdings nicht als Herdenschutztier, sondern deshalb: „Es ist eine schöne Tradition in Süddeutschland, dass in einer Wanderschäferei ein Esel als Gepäcktier  mitläuft. Deshalb habe ich das gemacht.“ 20 Jahre sei das Tier inzwischen alt, sagt Angela Dornis.  Damit hat „Salome“ noch bis zu 30 Jahre vor sich – und wird im Eselleben hoffentlich nie einem Wolf begegnen.

Aufgrund besonders vieler Wolfsnachweise im Kreis Herzogtum Lauenburg fördert das Land seit dem 13. März den Herdenschutz in der Region finanziell. Dabei werden 80 Prozent der Herdenschutzmaßnahmen gezahlt, wenn Tierhalter dies beantragen. Dabei werden Kosten etwa von Elektrozäunen, Herdenschutzhunden oder anderen Schutzmaßahmen übernommen. Dem Ministerium liegen nach Angaben von Sprecher Sönke Wendland derzeit insgesamt 14 Anträge auf Förderung präventiver Maßnahmen in dem Wolfsgebiet vor – ausschließlich für Zäune.
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