Das Sonntagsgespräch : „Es wird immer mehr Cannabis konsumiert“

Andreas Janke von der ATS-Suchtberatungsstelle Tornesch-Uetersen berät Betroffene und deren Angehörige.
Andreas Janke von der ATS-Suchtberatungsstelle Tornesch-Uetersen berät Betroffene und deren Angehörige.

Heute mit Andreas Janke von der ATS-Suchtberatungsstelle Tornesch-Uetersen.

shz.de von
11. Januar 2015, 15:00 Uhr

Tornesch | Andreas Janke hilft in der Ambulanten und Teilstationären Suchthilfe (ATS-Suchtberatungsstelle) Abhängigen. Im Sonntagsgespräch erklärt er unter anderem, warum Betroffene offensiv mit ihrer Suchterkrankung umgehen sollten.

Wie sieht die Arbeit der Suchtberatung aus?
Unsere Arbeit umfasst nicht nur die klassische Suchtberatung, sondern beinhaltet auch weitere ambulante Hilfen und Präventionsangebote. Betroffene und deren Angehörige informieren wir, welche Möglichkeiten es für Entgiftungsbehandlungen sowie ambulante beziehungsweise stationäre Rehabilitationsmaßnahmen gibt. Wir stellen den Kontakt zu den entsprechenden Stellen her und übernehmen die Antragstellung. Eine ambulante Suchttherapie kann bei uns durchgeführt werden, wenn eine Abstinenzfähigkeit unter Alltagsbedingungen erkennbar ist und private und berufliche Strukturen einen ausreichenden sozialen Halt bieten. Schließlich soll das Risiko eines Rückfalls möglichst gering sein. Ganz auszuschließen ist das allerdings nie. Ambulante Therapien dauern zirka ein Jahr, stationäre drei Monate.

Welche Sucht ist besonders verbreitet?
Der Alkohol steht in unserer Region an erster Stelle. Bei den illegalen Substanzen fällt auf, dass immer mehr Cannabis konsumiert wird. Das erfahren wir nicht nur durch unsere Beratungen, sondern auch durch Kontakte zur Polizei und den Schulen. Glücksspielsucht ist ebenfalls weit verbreitet. Wir haben aber dafür nicht mehr so viele Klienten, die von Opiaten beziehungsweise Heroin abhängig sind. Drogen wie Crystal Meth stellen in unserer Beratungsstelle noch kein Problem dar.

Mit welchen Problemen hat die Suchtberatung zu kämpfen?
Ein Problem ist, qualifiziertes Personal zu finden. Ansonsten sind wir im Kreis Pinneberg noch gut aufgestellt und erfahren von Politik und Verwaltung gute Unterstützung. Natürlich sind immer Verbesserungen möglich. Aber im Vergleich zu anderen Kreisen ist die Situation mit neun Beratungsstellen und fünf verschiedenen Trägern sehr gut. So ist ein flächendeckendes Angebot gesichert. Das ist längst nicht überall der Fall.

Wer kommt zu Ihnen in die Suchtberatung?
Das Altersspektrum reicht von 11 bis 80. Den Schwerpunkt bilden die 40- bis 50-Jährigen. Das könnte daran liegen, dass es gerade bei Alkoholabhängigen oft viele Jahre dauert, bis sich ein Betroffener eine eigene Abhängigkeit eingesteht.

Gibt es Fälle, die Ihnen besonders nahe gegangen sind?
Grundsätzlich muss man bei dieser Arbeit die Fähigkeit haben, sich abzugrenzen. Zu hundert Prozent ist das nicht möglich, weil sich persönliche Beziehungen entwickeln. Wenn wir durch Todesanzeigen erfahren, dass einer unserer Klienten gestorben ist, berührt uns das sehr. Darüber hinaus bewegen mich Fälle, wo die Sucht komplette Familien betrifft und es manchmal sogar zu gewalttätigen Übergriffen kommt. Besonders hart ist es, wenn Kinder im Spiel sind. Wir haben deshalb ein Angebot geschaffen, das Kinder aus suchtbelasteten Familien unterstützt.

Was bedeutet Ihnen die Arbeit persönlich?
Mich reizt vor allem, dass das Aufgabengebiet sehr vielfältig ist und ich jeden Tag mit unterschiedlichen Menschen zu tun habe. Außerdem ist es ein schönes Gefühl, wenn ich merke, dass meine Arbeit tatsächlich hilft und ich auf leidvolle Situationen Einfluss nehmen kann. Eine gewisse Frustrationsfähigkeit gehört ebenfalls dazu, da es häufig zu Rückschlägen kommt.

Bringt unsere Gesellschaft genügend Verständnis für Suchtkranke auf?
Ich glaube, dass sich da eine positive Entwicklung vollzogen hat. Arbeitgeber, Freundeskreis – die meisten wollen den Abhängigen helfen, so dass diese gar nicht die Katastrophe erleben, die sie vielleicht befürchtet haben. Dass die Betroffenen Angst vor Ausgrenzung haben, ist ganz natürlich. Zum Glück sind diese Sorgen meistens unbegründet. Je offensiver man mit einer Suchterkrankung umgeht, desto größter ist meistens das Verständnis und der Respekt, wenn jemand etwas dagegen unternimmt.

Andreas Janke  (52) ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Der Diplom-Sozialpädagoge und Sozialtherapeut arbeitet seit 1994 in der Suchthilfe und ist seit 2006 als Therapeut und Teamleiter in der ATS Suchtberatung in Tornesch tätig.
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