zur Navigation springen

Das Sonntagsgespräch : „Es reicht nicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Schiedsrichter Arthur Weckwert aus Borstel-Hohenraden.

Borstel-Hohenraden | Arthur Weckwert aus Borstel-Hohenraden ist bereits seit mehr als fünf Jahrzehnten Schiedsrichter. Der Hamburger Fußball-Verband hat ihn für sein Engagement kürzlich mit der Goldenen Ehrennadel ausgezeichnet. Im Sonntagsgespräch erläutert er unter anderem, warum es bei Schiedsrichtern wie mit gutem Wein ist: Je älter, desto besser.

Warum lohnt es sich, Schiedsrichter zu werden?
Man lernt, sich durchzusetzen und ist in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Diese Eigenschaften helfen einem nicht nur auf dem Fußballplatz. Dazu ist man in der Lage, sich mindestens 90 Minuten zu konzentrieren. Gerade im Profibereich sind die Anforderungen aufgrund des hohen Tempos enorm. Mir persönlich hat die Zeit als Schiri unzählige unvergessliche Erlebnisse und viele Freunde gegeben. Die Chance, Fußballprofi zu werden, liegt praktisch bei null. Wer seine Aufgabe als Schiedsrichter mit dem nötigen Ernst wahrnimmt, kann es dagegen weit bringen.

Was zeichnet einen guten Schiedsrichter aus?
Es reicht nicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Man muss auch Partner der Spieler sein. Denen nur kommentarlos gelbe oder rote Karten vor die Nase zu halten und sich als Oberfeldherr aufzuspielen, bringt nichts. Wichtig sind immer die ersten Pfiffe. Wenn die richtig sind, vertrauen einem die Spieler. Der Unparteiische sollte sich außerdem Zeit nehmen und Unterbrechungen nutzen, um das Spiel zu beruhigen. Das sind Eigenschaften, die man sich mit wachsender Erfahrung aneignet. Ältere und erfahrene Schiris strahlen meiner Meinung nach mehr Ruhe aus. Das soll aber nicht heißen, dass jüngere Schiedsrichter schlechter sind.

img_1178

Wie sollten Schiris auf Pöbeleien und Kritik reagieren?
Ein Unparteiischer sollte möglichst alles sehen, aber nicht unbedingt alles hören. Wenn man auf jede Beleidigung reagiert, heizt man die Atmosphäre häufig unnötig auf. Durch ein Lächeln, ein kurzes Gespräch und mit etwas Humor lassen sich Situationen meistens viel leichter entschärfen. Ich vergleiche den Schiedsrichter mit einem Lehrer. Der will seinen Schülern etwas beibringen und sie nicht vor die Tür setzen. Der Schiedsrichter geht auch nicht mit dem Ziel ins Spiel, jemanden vom Platz zu stellen, sondern will Werte wie Fairness und sauberes Spiel vermitteln.

Ist der Respekt gegenüber den Schiedsrichtern geringer geworden?
Leider ja. Selbst bei Jugendspielen werden die Unparteiischen angepöbelt, bedroht oder sogar angegriffen. In der Jugend sind dabei die Eltern manchmal schlimmer als die Kinder, indem sie ihren Nachwuchs antreiben und bei Schiedsrichterentscheidungen meckern. Bedauerlich finde ich, dass viele Übeltäter nicht einmal einsehen wollen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Einen negativen Einfluss übt nach meiner Meinung auch die Bundesliga aus. Rudelbildung, Schwalben, ständiges Meckern - was dort gezeigt wird, strahlt bis in die unterste Amateurklasse aus. Mein Eindruck ist, dass früher vieles harmonischer ablief und man mehr miteinander redete.

Worüber ärgern Sie sich besonders, wenn Sie Bundesligaspiele verfolgen?
Ich ärgere mich besonders über Kommentatoren, die alles besser wissen. Jeder Reporter, der vor dem Mikrofon sitzt, sollte einen Schiedsrichter-Lehrgang absolvieren und mehrere Jugendspiele pfeifen. Das dürfte so manchen dummen Kommentar verhindern und zu einer objektiveren Berichterstattung führen.

Sind Videobeweis und Torlinientechnik Erleichterungen für die Arbeit der Schiedsrichter?
Die Torlinientechnik auf alle Fälle. Ob sich der Videobeweis bewährt, wird sich zeigen. Wenn es die Möglichkeit gibt, die Arbeit der Schiedsrichter zu erleichtern, sollte diese Chance genutzt werden.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Schiedsrichter-Laufbahn?
Am schönsten war die Zeit in der zweiten Liga. Vor allem die Spiele in Berlin waren fantastisch. Besonders das 4:1 von Hertha BSC gegen Darmstadt 98 in der dritten Runde des DFB-Pokals 1980 vor 40.000 Zuschauern ist mir in Erinnerung geblieben. Bei Tasmania Berlin kamen höchstens 7000 Zuschauer ins Stadion. Die Stimmung war trotzdem klasse. Auch das Endspiel des Hafenpokals zwischen dem HSV und Celtic Glasgow mit Stars wie Frank Beckenbauer, Horst Hrubesch, Manfred Kaltz, Felix Magath und Pat Bonner war ein tolles Erlebnis.

Arthur Weckwert (72) aus Borstel-Hohenraden hat 1965 mit 20Jahren sein erstes Spiel gepfiffen und ist immer noch aktiv. Er engagiert sich auch neben dem Platz. Der verheiratete Vater eines Sohnes und einer Tochter war von 1972 bis 1982 als Schiedsrichter Mitglied des Verbandsschiedsrichterausschusses Hamburg und gehört seit 2002 dem Verbandsgericht an.
zur Startseite

von
erstellt am 23.Apr.2017 | 15:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen