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Das Sonntagsgespräch : „Es hilft nichts, die Schuld bei anderen zu suchen“

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Heute mit Bernd Möbius, Organisator des Rock’n’Rose-Festivals.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2015 | 15:30 Uhr

Uetersen | Bernd Möbius ist Mitglied des Uetersener Stadtrats, Organisator des Rock’n’Rose-Festivals – und arbeitssuchend.  Im Sonntagsgespräch spricht er  über sein ehrenamtliches und politisches Engagement sowie sein Leben als Hartz-IV-Empfänger.

Wieso engagieren Sie sich ehrenamtlich?
Ehrenamtliches Engagement war mir immer sehr wichtig. Das fing schon in der Jugend an. Ich habe nicht nur selbst Handball gespielt, sondern war auch darüber hinaus aktiv. Schiedsrichter, Trainer, Vorstandsmitglied,  Sportabzeichenprüfer – wo etwas zu tun war, packte ich mit an. Das ist heute genauso. Sei es in der Politik, bei der Organisation des Rock’n’Rose-Festivals oder bei Aktionen der Interessengemeinschaft Handel und Gewerbe Uetersen (IHG). Ich habe Zeit, weil ich keine Arbeit habe – also tue ich etwas für mich und die Allgemeinheit.

Was ist Ihre Motivation?
Es bringt mir einfach Spaß. Wenn ich Kinder zum Lächeln bringe oder ältere Menschen sich freuen, weil sie sich auf Plattdeutsch unterhalten können, dann schlägt mein Herz höher. Es sind gerade diese immateriellen Dinge, die mir wichtig sind.

Was bringt mehr Spaß: Politik oder die Organisation des Rock’n’Rose-Festivals?
Beides hat seinen Reiz. Beim Rock’n’Rose-Festival weiß ich, dass es mittlerweile ein Selbstläufer ist. Wenn über eine solche Veranstaltung fast nur Positives erzählt wird, ist das toll. In der Politik finde ich spannend, dass ich die Möglichkeit habe, etwas zu bewegen. Ich war früher regelmäßig Zuschauer bei den Sitzungen und ärgerte mich, dass ich nichts machen konnte. Das ist nun vorbei. Auf kommunaler Ebene besteht noch die Chance, direkt Einfluss zu nehmen.

Wieso ist das Rock’n’Rose- Festival so erfolgreich?
Vielleicht, weil es in Uetersen an die „Woodrock“-Tradition anknüpfen konnte und das „Woodrock“-Publikum auch bei Rock’n’Rose dabei ist. Dazu kommt, dass der Eintritt frei ist und die Getränke preisgünstig sind. Außerdem ist das Festival ähnlich wie ein Wochenmarkt mittlerweile ein beliebter Treffpunkt. Es dürfte das gesamte Rundum-Paket sein, das den Erfolg der Veranstaltung ausmacht. Großen Anteil daran haben auch die vielen Helfer, ohne die sich so ein Festival niemals organisieren ließe.

Wie ist die Idee für das Festival entstanden?
Ich war immer bei den Ausschüssen in Uetersen dabei und habe erklärt, dass ich etwas für Uetersen tun möchte. Deshalb sprach mich Bürgermeisterin Andrea Hansen an, ob ich mir vorstellen könnte, „Woodrock“ wieder aufleben zu lassen.

Sie sind Pauli-Fan und sitzen für die Grünen im Stadtrat. Würden Sie sich selbst als „alternativ“ bezeichnen?
Ich habe  auch in Brokdorf protestiert und war bei Osterfriedensdemos in Wedel dabei. Aber bin ich deshalb schon „alternativ“? Bin ich angepasst, wenn ich nicht gegen den Mainstream bin? Schwierig. Ich bin interessiert.

Was hat Ihnen die Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters in Uetersen im vergangenen Jahr gebracht?
Viele Kontakte. Ich bin in Uetersen wesentlich bekannter geworden und werde anders wahrgenommen. Meine stille Hoffnung, dass ich dadurch einen Job finde, hat sich aber leider nicht erfüllt. Ich bin immer noch arbeitssuchend.

Sie sind Hartz-IV-Empfänger. Was hat sich dadurch für Sie geändert?
Wenn man vorher gut verdient hat und sich quasi nackt machen muss, um überhaupt Anspruch auf Hartz IV zu haben, ist das im ersten Moment hart. Bei mir persönlich ist dadurch das Materielle in den Hintergrund gerückt. Ich kann mich viel mehr über die Kleinigkeiten des Lebens freuen und weiß Gesundheit und die Nähe zu anderen Menschen viel mehr zu schätzen. Trotz allem würde ich mich natürlich freuen, wenn ich wieder einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt finde.

Können Sie mit Ihrem Engagement Vorbild für andere Langzeitarbeitslose sein?
Der Begriff Vorbild ist sicherlich zu hoch gegriffen. Aber vielleicht zeigt mein Beispiel, dass man auch trotz Hartz IV ein zufriedener Mensch sein kann. Es hilft nichts, Trübsal zu blasen oder die Schuld bei anderen zu suchen. Ich habe schließlich nur das eine Leben. Und das will ich so leben, dass ich am Ende sagen kann: Es war schön. Es liegt an mir selbst, dieses Ziel zu erreichen. Für mich ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer.

Bernd Möbius (56) ist Raumausstattergeselle und Diplom-Informatiker. Der Vater zweier erwachsener Kinder gehört seit dieser Legislaturperiode für die Grünen dem Uetersener Stadtrat an, ist allerdings parteilos.
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