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Pinneberger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 12:20 Uhr

Erste Hilfe für die Seele

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Pastorin Britta Stender steht Trauernden in den ersten Stunden zur Seite / Kreisweit 50 Seelsorger im Einsatz

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2013 | 11:22 Uhr

Britta Stender ist 48 Jahre alt und arbeitet als Pastorin in Elmshorn. Sie ist eine von zirka 50 Notfallseelsorgern im Kreis Pinneberg. Im Gespräch mit dieser Zeitung berichtet sie von dieser Arbeit.

Was unterscheidet einen Notfallseelsorger von einem normalen Seelsorger?

Britta Stender: Ich würde behaupten, fast nichts. Notfallseelsorgeeinsätze sind akuter. Es gibt häusliche Todesfälle, zu denen wir gerufen werden. Manchmal müssen wir auch die Nachricht eines Todes überbringen. Pastoren sollten in ihrer Arbeit mit häuslichen Todesfällen umgehen können, aber gewöhnlich treten sie erst nach dem Bestatter in Kontakt mit den Trauernden. Die Notfallseelsorger sind meistens vor den Bestattern da.

Wie läuft der Einsatz eines Notfallseelsorgers ab?

Wir werden von der Rettungsleitstelle über ein Notfallhandy alarmiert, wenn die Einsatzkräfte vor Ort darum bitten, einen Seelsorger hinzuziehen. Dann versuchen wir zunächst, den Gemeindepastor zu erreichen. Wenn uns dies nicht gelingt, machen wir uns selbst auf den Weg. Als Notfallseelsorger ist es unser Ziel, den Trauernden in der ersten Zeit zur Seite zu stehen, bis Verwandte oder Freunde eintreffen. Das dauert manchmal ein wenig, weil diese weiter weg wohnen oder man sie nicht erreichen kann. Wir verstehen Notfallseelsorge als Erste Hilfe für die Seele.

Wie kann man sich das vorstellen?

Hauptsächlich sitzen wir und hören zu. Die Trauernden erzählen uns oft viel aus dem Leben des Verstorbenen. Außerdem versuchen wir, ihnen Möglichkeiten zu zeigen, Abschied zu nehmen. Früher war es üblich, dass der Pastor ins Haus kam, bevor der Bestatter kam und noch eine Aussegnung machte. Heute gibt es so etwas kaum noch. Aber ich ermuntere die Angehörigen immer, Abschied vom Toten zu nehmen.

Wie kann so etwas aussehen?

Vor allem schlage ich vor, sich den Toten noch einmal anzusehen. Nur weil ein Mensch gestorben ist, ist er ja nicht plötzlich giftig. Manchmal biete ich auch an, eine Aussegnung zu machen oder spreche ein Gebet oder einen Segen über den Verstorbenen. Das hängt aber immer vom Einzelfall ab. Außerdem kläre ich mit den Angehörigen, wann sie den Bestatter rufen möchten. Man darf einen Toten ja noch einige Zeit lang bei sich zuhause behalten. Das wissen aber viele nicht. Diese Entscheidungsalternative sollten sie aber kennen, damit sie hinterher nicht sagen: „Das ist alles mit mir geschehen und ich weiß nicht wie.“

Ist das dann eher bei unerwarteten Todesfällen der Fall oder bei denen, mit denen man aufgrund von Krankheit schon rechnen konnte?

Unerwartet ist es immer. Wenn jemand krank war, dann tritt der Tod in der Sekunde ein, in der man nicht damit gerechnet hat. Oder im Sterben geschah etwas Unerwartetes – zum Beispiel, dass der Todeskampf schlimmer war als erwartet.

Und wie ist es bei Unfällen? Also bei Todesfällen, mit denen keiner gerechnet hat?

Diese Fälle machen nur zirka zehn  bis 15 Prozent unserer Einsätze aus. Aber es ist das, was sich die meisten unter Notfallseelsorge vorstellen. Meistens werden wir bei Unfällen erst zum Überbringen der Todesnachricht gerufen und dann ist die Arbeit ähnlich wie bei einem häuslichen Todesfall. Aber wenn wir vor Ort zu einem Unfall gerufen werden, dann geht es oft zunächst darum, zu sehen, für wen wir eigentlich da sind.

Wie ist das gemeint?

Inzwischen sind wir eigentlich nur für die Hinterbliebenen oder die Opfer von Unfällen da. Die Rettungsassistenten, Feuerwehrleute, Polizisten und auch Bahnmitarbeiter haben ihre eigene Struktur, um derartige Einsätze zu verarbeiten. Aber es kann vorkommen, dass der Notfall-Manager der Bahn sich nach einem Zugunglück zunächst darum kümmern muss, dass der Zug von der Strecke kommt und keine Zeit hat, den Lokführer zu betreuen. Dann sind wir natürlich auch für den Lokführer da.

Sie sagten gerade „inzwischen“. War das früher einmal anders?

Ja, früher gab es diese Strukturen bei den Einsatzkräften noch nicht. Da hat sich seit dem Zugunglück in Eschede im Jahr 1998 viel getan. Danach entstand bei den Rettungskräften das Bedürfnis, dass sie eine Einsatznachsorge erhalten.

Gab’s das früher nicht?

Früher war es eigentlich so, dass einem, der das nicht abkonnte, gesagt wurde: „Du bist hier fehl am Platz“. Diese Zeiten sind vorbei. Man weiß heute um die psychischen Zusammenhänge, dass auch psychische Verletzungen Zeit zum Heilen brauchen. Da wird jetzt mehr drauf geachtet und etwas getan. Es besteht ja auch eine Fürsorgepflicht für die Menschen, die da im Einsatz sind. Außerdem möchte niemand, dass Einsatzkräfte aufgrund belastender Einsätze an Lebensqualität verlieren oder gar langwierig unter den Eindrücken leiden müssen.

Zurück zu Ihrer Arbeit: Haben Sie Rituale oder Tricks entwickelt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen?

Eigentlich nicht, denn wenn jemand zu mir kommt, dann sucht er das Gespräch. In der Notfallseelsorge ist das ein wenig anders, da habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder bin ich ruhig und warte erst einmal ab, ob die Menschen etwas sagen möchten. Oder ich versuche, wenn der akute Einsatz der Rettungskräfte noch läuft, ein wenig zu erklären, was die gerade machen. Warum etwas so lange dauert, worauf man noch wartet, solche Dinge. Gerade bei ungeklärten Todesursachen muss ja jedes Mal die Kriminalpolizei kommen. Da ist es sinnvoll, den Angehörigen zu erläutern, dass dies nicht bedeutet, dass sie des Mordes verdächtigt werden.

Geben Sie den Menschen auch Ratschläge, wenn diese sich an Sie als Seelsorgerin wenden?

Wenig: Ich höre zu und ermutige die Menschen, selbst eine andere Perspektive für ihre Situation zu entwickeln. Wenn ich dabei bemerke, dass derjenige, der mir gegenübersitzt, scheinbar an Depressionen leidet, versuche ich, ihn zum Arzt zu bringen. Eine Therapie kann ich nicht ersetzen. Und ich versuche, herauszufinden, was ihm gut tun könnte. Wenn ich selbst vorschlagen würde, er könne ja mal das oder jenes machen, dann wären das ja meine Ideen und nicht seine. Das müssen ja aber nicht die Dinge sein, auf die auch er Lust hätte. Aber bei der Notfallseelsorge ist das noch einmal anders. Da ist man in der Regel ja nur kurz bei den Betroffenen.

Und wie ist es da?

Man ist deutlich direktiver.

Menschen, denen wir in der Notfallseelsorge begegnen, haben oft das Gefühl, ihr ganzes Leben bricht zusammen. Und so vermittle ich ihnen, dass kleine Handgriffe wieder funktionieren. Also, ich lasse mir oft Wasser bringen oder Kaffee kochen. Außerdem bringe ich selbst Vorschläge ein: zum Beispiel jemanden aus der Familie oder dem Freundeskreis anzurufen, oder den Verstorbenen noch einmal anzusehen.

Noch einmal zu Ihnen persönlich: Gibt es Situationen, in denen Sie sich wünschten, Sie wären zu einem Einsatz nicht gefahren?

Glücklicherweise merke ich das meistens vorher, wenn es mir nicht so geht, dass ich einen Einsatz übernehmen kann. Dann ist für mich klar, dass ich einen Kollegen anrufe und bitte, dahin zu fahren. Wir unterstützen uns da alle gegenseitig. Aber man fragt sich auf dem Weg oft: „Warum schon wieder so ein Unfall? Warum schon wieder so ein Todesfall?“

Wie verarbeiten Sie Ihre Einsätze als Notfallseelsorgerin?

Mir hilft es, dass ich mir Zeit nehme. Wenn ich nach einem Einsatz das Gefühl habe, kurz rauskommen zu müssen, dann nehme ich meinen Hund und gehe mit ihm spazieren. Da laufe ich dann eine Stunde durch die Felder, der Hund lenkt mich ab und mir geht es wieder besser. Aber auch meine Kollegen sind immer für mich. Über die Jahre haben wir uns ein Netzwerk aufgebaut und wissen: „Den kann ich immer anrufen.“

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