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Pinneberger Tageblatt

15. Dezember 2017 | 07:55 Uhr

Erste Hilfe beim Beziehungsinfarkt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wenn Ehepaare in die Krise geraten, kann die Beratungsstelle der Diakonie Unterstützung leisten / Hauptgrund ist Fremdgehen

„Krisen in einer Ehe sind völlig normal.“ Bettina Seiler spricht den Satz überzeugend aus. Sie muss es wissen. Die 57-Jährige sitzt in ihrem Beratungszimmer der Erziehungs-, Familien- und Lebensberatung der Diakonie in Pinneberg. „Wir sind für das normale menschliche Unglück zuständig“, fasst sie zusammen. Zu ihr kommen Paare, die nicht mehr weiter wissen. In guten wie in schlechten Zeiten? Das scheint eine große Herausforderung zu sein.

„Der Klassiker ist natürlich, dass einer von beiden eine Nebenbeziehung hat“, kommt sie schnell auf den Punkt. Schon an der Formulierung merkt man, dass sie kein moralisches Urteil über ihre Klienten fällt. Jeder andere würden wohl von einer Affäre sprechen. „Wer eine Nebenbeziehung anfängt, der sucht immer nach etwas, das er in seiner Beziehung vermisst“, sagt die Beraterin. Im Internet- und Smartphone-Zeitalter sei ein solches Abenteuer viel einfacher zu verwirklichen als früher.

Es gebe aber auch andere Gründe für Konflikte: Schon bei der Hochzeit geht es los. Das sei eben das erste große Projekt eines Paares. Wo wird gefeiert? Wer wird eingeladen? Hohes Potenzial für Uneinigkeit, glaubt die Beraterin.

Streit um die Kindererziehung ist ein weiteres Beispiel. „Sie glauben gar nicht, wie sehr man sich darum streiten kann.“ Wenn der eine immer die Methoden des Partners untergräbt, die Arbeitsteilung nicht stimmt, oder Geld zu Unstimmigkeiten führt. Die immer höher werdende Belastung am Arbeitsplatz sei die Ursache für viele Eheprobleme. Ziehen die Kinder aus, werde es ebenfalls kritisch. „Wenn Paare nur noch in der Elternrolle sind, führt das unweigerlich zu einem Beziehungsinfarkt“, sagt Seiler. „Dann sitzen sie sich irgendwann gegenüber und wissen nicht, was sie miteinander anfangen sollen.“

Was genau in der Ehe falsch läuft – das will die Beraterin herausfinden. Besonders wichtig sei es, dass Seiler sich nicht auf eine Seite schlägt. Wenn das passiert, sei die Beratung „kaputt“.

Meistens gehe es darum, Vertrauen wieder aufzubauen – gerade beim Thema Fremdgehen. Nur funktioniere das nicht immer. Die Beraterin muss dann herauszufinden, was den Partnern gut tut. „Aber da gibt es kein Patentrezept.“ Ihre Aufgabe sei es, den Spielregeln des Paares zu folgen. Diese Muster würden schon in der Kindheit festgelegt. Die Eltern dienten da oft als Vorbild.

Wer einen Neuanfang starten will, der müsse aber auch bereit sein, alte Geschichten ruhen zu lassen. Gerade Frauen hätten ein „Elefantengedächtnis“. „Sonst wäscht man immer wieder die alte Wäsche und kommt nicht zur Ruhe.“

Eine Garantie für den Erfolg der Therapie gibt es nicht. „Es gibt Eheberatungen, die entwickeln sich zu Trennungsberatungen. Es kann sein, dass die Unterschiede auf den Tisch kommen und so gravierend sind, dass es einfach nicht mehr passt.“ Wie oft es am Ende klappt, da will sich die Beraterin nicht festlegen. Das Ziel sei nicht unbedingt das Weiterführen der Ehe. Es gehe eher darum, die Situation der Partner zu verbessern.

Das eigene Verhalten zu ändern sei eben sehr schwierig. Dazu müsse ein gewisser Leidensdruck vorhanden sein. „Es gibt ja einen Grund, warum wir uns so verhalten.“

Die Dauer einer Eheberatung ist unterschiedlich. „Es gibt Paare, die nach zwei, drei Sitzungen so weit sind, alleine weiter zu machen.“ Die meisten Beratungen liefen wenige Monate, selten dauerten sie bis zu einem Jahr.

Seiler rät zu einer Beratung, wenn der Gedanke der Trennung mehrfach auftaucht und die Kommunikation gar nicht mehr funktioniert. Das Grundproblem der meisten Paare sei eben die Kommunikation. Die Partner teilten sich nicht mehr mit, wie es ihnen in der Beziehung geht. Seiler: „Das ist das, was ich den Paaren beibringe. Wie sie wieder miteinander reden können und ihre Wünsche äußern.“ Was einfach klingt, scheint doch ziemlich kompliziert zu sein.

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