zur Navigation springen
Pinneberger Tageblatt

19. Oktober 2017 | 00:43 Uhr

Serie: Mensch Nachbar : Er schnackt nur Platt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Jan Ladiges: 53-jähriger Holmer fällt beim Poetry Slam auf der Bühne nicht ausschließlich sprachlich auf.

shz.de von
erstellt am 07.Feb.2015 | 16:00 Uhr

Holm | Eigentlich wollte Jan Ladiges sich im Oktober 2012 nur mit seinen Freunden zum Stammtisch treffen. Wie jeden Donnerstag im Bier- und Wein-Comptoir (BWC) Wedel. Dass dieser Tag sein Leben verändern würde, konnte der Landschaftsgärtner aus Holm nicht wissen. Denn zeitgleich fand der erste „Wedel Schädel Poetry Slam“ statt – ein Dichterwettstreit, der seinen Ursprung 1986 in Chicago hatte. Organisator Sven Kamin sprach ihn an. „Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht feige bin. Wenn er mich auf der Bühne will, muss er mich nur abholen“, erinnert er sich. Einen passenden Text hatte er in der Tasche. Diesen wollte er seiner Herrenrunde vortragen. Wenige Minuten später stand Ladiges auf der Bühne und trug sein Gedicht vor. Auf Platt. Am Ende reichte es für Platz vier. „Ich fühlte mich bestätigt und bin nicht mehr davon los gekommen“, sagt er.

30-mal stand Ladiges seitdem auf der Bühne und hat mehr als 200 Texte verfasst. „Ich bin wohl weit und breit der einzige, der mit Platt auch auf normalen Slams auftritt“, sagt der Holmer. Das sei manchmal ein Problem. Ein Verständnisproblem. Denn Plattdeutsch sei vielerorts von der Straße verschwunden. „Wenn ich nach Hamburg komme oder auch teilweise in Wedel, sagt ein gewisser Prozentsatz: Ich verstehe kein Wort“, berichtet der Slammer. Dennoch bleibt er seiner Linie treu. Neue Themen und Inhalte sollen die Sprache lebendig halten. Für Klischeethemen wie Geschichten über Bauern und ihre Frauen hat er nichts übrig. In seinen Texten geht es um den Unterschied zwischen Norddeutschland und Bayern, das Warten an der Supermarktkasse oder auch um seinen Lehrberuf als Landschaftsgärtner.

Den „Wedel Schädel“ hat er mittlerweile zweimal gewonnen. Im September 2013 – nicht einmal ein Jahr nach dem ersten Auftritt – stellte er sich im Ohnsorg-Theater der Kritik von 400 Zuschauern. Zusammen mit Sven Kamin trat er beim NDR-Wettstreit „Slam op Platt” auf. Ladiges hatte ein klares Ziel: „Ich wollte mich nicht blamieren und über ein Kabel stolpern.“ Er stolperte nicht. Er blamierte sich nicht. Er gewann. „Damit hätte ich nie gerechnet“, sagt Ladiges. Ein Jahr später stand er wieder beim NDR-Poetry-Duell auf der Bühne. Diesmal in Husum und allein. Auch dort siegte er. Beim „Harbour Front Literatur Festival“ in Hamburg scheiterte er in der ersten Runde an Yared Dibaba, Moderator der NDR-Fernsehreihe „De Welt op Platt“. „Kurz danach habe ich mich aber beim Nordart-Festival in Büdelsdorf revanchiert“, ist Ladiges stolz. Beim zweiten Aufeinandertreffen zog der Moderator den Kürzeren. Mittlerweile werde er eingeladen. So durfte er in der Vertretung des Landes Schleswig-Holstein beim Bund in Berlin auftreten. Thema des Abends: „Plattdeutsch gegen Berliner Schnauze“. Nur eine Absage macht ihm zu schaffen. „Der Glückstädter Kulturherbst hat mir im letzten Jahr eine Abfuhrt erteilt“, berichtet Ladiges und ergänzt: „Da muss ich noch mal hin.“

53-Jähriger fällt auf unter jungen Slammern

„Ein guter Text muss Inhalt und eine Aussage haben – und darf gern witzig, ironisch und auch selbstkritisch sein“, verrät Ladiges sein Erfolgsgeheimnis. Fünf bis sechs Minuten Zeit habe er für den Vortrag. Da die Texte nicht wie ein Buch gelesen, sondern vorgetragen werden, sei für ihn der Rhythmus wichtig. „Da gehören auch Tempi-Wechsel dazu“, sagt der Holmer. An jedem Ort darf ein Text nur einmal vorgetragen werden. Die Reaktionen seien je nach Ort unterschiedlich. „Wie man abschneidet hängt stark von der Zusammensetzung des Publikums ab.“ Der typische Slammer sei 20 bis 25 Jahre alt und Student. „Da falle ich schon auf“, sagt Ladiges. Er ist 53 und selbstständig im Landschaftsbau. Auch bei der Themenauswahl setze er andere Prioritäten: „Es geht oft um Fortpflanzung. Das ist nicht mein Thema auf der Bühne.“ Seine Ideen entstehen oft beim Blätter haken, Rasen mähen oder bei Spaziergängen mit dem Hund. Diese werden auf Schmierzetteln notiert. „Die kann außer mir keiner entziffern“, erzählt Ladiges, der spontane Ideen für die besten hält. Dann könne ein Text binnen eines Nachmittags fertig sein. „Manchmal schreibe ich einen Text in vier Stunden und dann bastle ich monatelang daran rum“, beschreibt der Platt-Slammer. Worte werden ausgetauscht. Strophen geändert. Und – wie Ladiges sie nennt – „Notreime“ optimiert. Dann werden die Texte getestet. „Meine Frau bekommt immer alles zu hören“, sagt Ladiges. Aber auch die Eltern, seine Schwester, Freunde oder der Stammtisch müssen herhalten. Mittlerweile sind zwölf Texte auf CD erschienen. Die Aufnahme in den Downstairs Studios in Wedel waren ein Geschenk von Freunden. Die Auflage von 100 Exemplaren, die Ladiges im Eigenverlag über seine Webseite vertreibt, ist fast vergriffen. „Neulich habe ich eine Bestellung aus Köln erhalten – von den Klönschnackern aus Köln“, ist der Holmer stolz.

Zeit für einen Auftritt in der Domstadt habe Ladiges allerdings nicht: Am 5. März tritt er in Oldenburg wieder beim NDR-Wettstreit „Poetry Slam op Platt“ auf. Vorher will er seinen Beitrag für den Kurzgeschichtenwettbewerb „Vertell doch mal“ – ebenfalls vom NDR initiiert – einreichen. Vor zwei Jahren schaffte es eine Geschichte von ihm unter die besten 24, die in einem Buch zusammengefasst wurden. In diesem Jahr lautet das Thema „Op de Straat“. „Eine Idee habe ich noch nicht“, gibt Ladiges zu. Bis Ende Februar bleibt ihm noch. Dann ist Abgabeschluss. „Da muss ich mich spätestens am 25. Februar hinsetzen. Unter Druck geht das dann doch ganz gut“, sagt Ladiges und schränkt ein: „Bei Gedichten würde das nicht gehen.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen