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Pinneberger Tageblatt

21. August 2017 | 18:27 Uhr

Er nimmt nie ein Blatt vor den Mund

vom

Barmstedt | Die schönste Zeit in seinem Leben war für den Barmstedter Maurermeister Rudolf Weh ner (79) im Rückblick die Walz. Als Geselle schnürte er 1953 sein Bündel und wanderte drei Jahre und einen Tag lang durch Europa. Von Sylt bis Süditalien ließ er sich mit einem Hamburger Kumpel den Wind der weiten Welt um die Nase wehen. Die Antipathie gegenüber Deutschen war groß, stellten sie dabei fest. So saßen sie einmal in der Schweiz in einem Lokal, als ein Gast den Wirt aufforderte: "Schmeiß die Nazis raus." Die anderen Gäste stellten sich aber vor sie. Ebenfalls in der Schweiz weigerte sich ein Handlanger auf einer Baustelle, ihnen etwas zu geben. "Nazis kriegen nichts." Der Chef versetzte ihn auf eine andere Baustelle.

Zwischen Udine und Venedig überraschte sie ein mächtiger Guss. Ein Mann brachte sie zum Pastor. "Der wollte uns aber nicht aufnehmen", so Wehner, der in Barmstedt nur als ,Rudi bekannt ist. Ihr Helfer bot ihnen einen Schlafplatz in seiner Küche an. Oder die Geschichte mit den Leipziger Tippelbrüdern, die sie im Berner Oberland trafen. "Einer erhielt ein Telegramm von der Familie, dass sein Vater schwer erkrankt sei", so Wehner. Es stellte sich heraus, dass das Schreiben von der Stasi geschickt worden war, um die beiden nach Hause zu locken. "Der Vater saß wegen einer politischen Sache im Gefängnis, und sie sollten verhört werden", sagt Wehner, der nach eigener Aussage "erwachsen und gereift" nach Barmstedt zurückkehrte.

Als Sohn von Schlachtermeister August Wehner wuchs er in Barmstedt auf und wurde 1940 eingeschult. "Schon als Kind konnte ich mit den Nazi-Parolen nichts anfangen, sie widersprachen meiner christlichen Überzeugung", sagt Wehner. "Einmal fragte mich der Pastor, ob ich meinen Vater lieb hätte", erinnert sich Wehner, dem der Pastor anschließend ans Herz legte, in der Schule lieber den Mund zu halten, um den Vater, der als Soldat diente, nicht zu gefährden. "Die Pimpfenprüfung war die einzige, in der ich jemals durchfiel", sagt Wehner, und ergänzt: "Absichtlich." Die Prüfung musste er als Hitlerjunge ablegen und dabei das Horst-Wessel-Lied auswendig aufsagen. Er beobachtete auch, wie die Nazis sonntags vor Häusern Stellung bezogen, in denen Gottesdienste stattfanden, und sich merkten, wer sie besuchte.

Nach dem Hauptschulabschluss absolvierte Weh ner eine Maurerlehre, bestand seine Gesellenprüfung mit der Note 1 und kaufte ein Grundstück an der Johannisstraße, wo er heute noch wohnt. Mit seiner Frau Christel hat er einen Sohn. 1973 drückte er als 40-Jähriger noch einmal die Schulbank und besuchte die Meisterschule in Hamburg. Später wurde er Ausbildungsmeister in der Berufsbildungsstätte in Elmshorn.

1960 trat Wehner in die SPD ein, 1962 wurde er Stadtvertreter. Er war bekannt und gefürchtet für seine offenen Worte. Aufrichtigkeit ist für ihn eine ganz wichtige Eigenschaft. "Der Bauausschuss hat mir am meisten Spaß gebracht", sagt er rückblickend. Im Kulturausschuss sorgte er mit dafür, dass das Barmstedter Museum nicht ins Pinneberger integriert, sondern auf die Schlossinsel verlegt wurde. "Das lag mir sehr am Herzen", so Wehner.

28 Jahre hielt er es in der Politik aus. Er engagierte sich außerdem in der Gewerkschaft Bau, Steine, Erden, im Kirchenvorstand und als Schöffe. 20 Jahre lang, bis zu ihrem Tod, betreute er seine pflegebedürftige Frau. Nicht ohne Stolz zeigt Wehner seine Auszeichnungen wie die Ehrung der Stadt Barmstedt, die Freiherr vom Stein-Medaille für seine kommunalpolitische Arbeit und die Willy-Brandt-Medaille der SPD. "Dann habe ich wohl doch einiges richtig gemacht", sagt er schmunzelnd.

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erstellt am 17.Aug.2013 | 03:14 Uhr

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