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Pinneberger Tageblatt

18. Dezember 2017 | 02:50 Uhr

„Er ist kein kaltblütiger Psychopath“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Dritter Tag im Mordversuchs-Prozess gegen Birol K. aus Pinneberg / Er war immer wieder in psychiatrischer Behandlung

shz.de von
erstellt am 05.Feb.2014 | 16:00 Uhr

In der kommenden Woche soll das Urteil im Prozess gegen Birol K. gesprochen werden. Die Staatsanwaltschaft legt dem 54-Jährigen zur Last, im vergangenen Juli versucht zu haben, seine Frau mit Salzsäure und Messerstichen zu ermorden. Gestern, am dritten Prozesstag, sagten weitere vier Zeugen aus. Zudem berichtete der forensische Psychiater Dr. Wilhelm Tophinke als Sachverständiger, welche Eindrücke er von K. gewonnen hat.


Nachbarn kannten K. als ruhig und introvertiert


Zu Beginn des Prozesstags sagte eine 46-jährige Pinnebergerin aus. Sie sei in ihrer Wohnung gewesen, als sie von der Straße Schreie gehört habe. Durch ihr Küchenfenster habe sie gesehen, wie K. aggresiv auf eine Frau eingeschlagen habe. Daraufhin habe sie die Wohnung verlassen. Doch als sie vor die Haustür trat, sei die Geschädigte bereits weg gewesen, K. sei ganz entspannt in Richtung seiner Wohnung gegangen. „Ich habe ihn flüchtig gekannt. Als einen ruhigen, introvertierten Mann. Deshalb hat mich sein Verhalten an dem Tag auch so erschreckt“, sagte die Zeugin gestern vor Gericht.

K.s Bekannte Roswitha G. sagte gestern ebenfalls aus. Sie habe von K. am Tattag mittags einen Anruf erhalten. „Ich hab’ es getan, ich hab’ es getan“, soll dieser zu ihr gesagt haben, ehe er wieder auflegte. Auf die Frage, ob K. jemals angedeutet habe, seiner Frau etwas antun zu wollen, sagte G., dies sei nicht der Fall. Gegenüber der Polizei hatte sie auf diese Frage jedoch anders geantwortet. Als Richter Eberhard Hülsing ihr vorhielt, dass sie das polizeiliche Protokoll unterschrieben habe, sagte G.: „Ich habe das flott gelesen. Ich wollte da raus, da ging es komisch ab.“ Sie habe lediglich gemerkt, dass die Trennung von seiner Frau ihn belaste. „Er war deswegen oft aufgebracht, da musste ich ihn beruhigen. Das konnte ich aber“, sagte G. gestern. Die Tat hätte sie K. nicht zugetraut: „Er ist so ein gutmütiger Mensch. Ich weiß das, ich kenne ihn mehr als 40 Jahre.“

Als weiterer Zeuge wurde gestern der Fahrer des Busses, in den sich die Frau retten konnte, vernommen. Er sagte, sie habe stark geblutet, als er sie in den Wagen nahm. Zudem habe er gemerkt, dass sie Säure an sich habe, denn durch deren ätzende Wirkung hätte auch er gespürt, als er der Frau ins Fahrzeug half. Auch ein weiterer Anwohner sagte gestern aus. Dieser hatte Teile des Geschehens von seinem Balkon aus beobachtet und die Polizei später auf eine Flasche aufmerksam gemacht, die K. weggeworfen hatte.

Das Gericht verlas gestern zudem mehrere psychiatrische Arztbriefe, die zwischen 1991 und 2013 zu K. erstellt wurden. Aus diesen ging hervor, dass er sich aufgrund von Ängsten, Panikattacken und depressiven Phasen mehrfach in Behandlung begeben habe. Allerdings handelte es sich dabei nicht um einen Dauerzustand, sondern K. habe es immer wieder geschafft, eine psychische Stabilität zu erreichen. „Das spricht gegen eine schwere seelische Erkrankung“, sagte Tophinke. „In Phasen gab’s das aber.“ Die Entscheidung, inwiefern K. zum Tatzeitpunkt steuerungsfähig gewesen sei, solle das Gericht treffen. Vieles deute aber auf reflektiertes Handeln während der Tat hin. Sicher sei K. während der Ereignisse wütend gewesen, anders hätte er die Tat auch nicht begehen können, denn: „Er ist kein kaltblütiger Psychopath,“ so Tophinke.

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