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Nachtschicht im Kreis Pinneberg : Er gräbt sich als erster durch den Neuschnee

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Bus der Linie 601 bringt Nachtschichtler, Nachteulen und Nachtschwärmer nach Hause. 70 Minuten benötigt er vom S-Bahnhof Wedel bis zum Hamburger Rathausmarkt.

von
erstellt am 07.Feb.2015 | 10:00 Uhr

Der Bahnhofsvorplatz in Wedel ist menschenleer. Lediglich an der Bushaltestelle steht ein Mann. Er isst einen Döner, hat einen HSV-Fanschal um den Hals. Seine Lederjacke ist trotz der Minusgrade offen. „Ich muss eigentlich nach Wandsbek, aber ich bin in der Bahn eingeschlafen und erst hier wieder aufgewacht. Nun muss ich wohl den Bus nehmen“, sagt er und lächelt verschmitzt. Es ist 0.35 Uhr und die letzte S-Bahn in Richtung Hamburg ist vor mehr als einer halben Stunde in Wedel abgefahren. Doch der HSV-Fan sieht es sportlich, dass er nun deutlich länger für den Heimweg braucht – und lobt den Döner: „Der schmeckt echt gut.“

Sieben Minuten später fährt Pavel Sergeev mit seinem Dienstwagen, einem fast 20 Tonnen schweren Linienbus, vor. Der HSV-Fan ist inzwischen nicht mehr der einzige Wartende und so steigen neun Fahrgäste in den Nachtbus der Linie 601, die von den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein unterhalten wird. 153 Linien innerhalb des HVV-Netzes werden durch die Verkehrsbetriebe versorgt. 16 davon fahren nachts.

Der Motor röhrt, die Heizung rauscht, ansonsten ist es still im Bus. Der HSV-Fan hat sich vorn links hingesetzt und schaut starr vor sich hinaus. Auf den Straßen Wedels ist wenig los, nur vereinzelt kommt dem Bus ein Pkw oder ein Taxi entgegen. Dreimal hält Sergeev den Bus in Wedel an, damit Fahrgäste aussteigen können. Die Stops werden über Band angesagt. An den meisten Haltestellen wartet niemand. Der Bus fährt weiter.

Schneetreiben: Über weiße Straßen geht es zurück zum Betriebshof in Schenefeld. Foto: Meyer
Schneetreiben: Über weiße Straßen geht es zurück zum Betriebshof in Schenefeld. Foto: Meyer
 

In der Hellbrookstraße parken Autos dicht an dicht. Sergeev bremst und steuert den Wagen vorsichtig vorbei. Danach kann er ruhig weiterfahren. Dadurch, dass wenig Fahrgäste zusteigen wollen, muss der Bus selten halten und ist zu früh an der Haltestelle Trabrennbahn in Bahrenfeld. Auf der elektronischen Anzeige werden die Minuten bis zur Abfahrt runtergezählt. Zwei Minuten wird gewartet, dann geht die Fahrt weiter.

Linie 601 hält an vielen Knotenpunkten, einer davon ist der Bahnhof Altona. Ein mit Schal und Handschuhen eingepackter älterer Mann mit schwarzen Locken steigt ein. Mit dabei hat er einen sogenannten Hackenporsche, einen kleinen Einkaufstrolley. Er sucht sich im hinteren Teil des Busses einen Sitzplatz und sackt in sich zusammen. Auf den ersten Blick scheint es, als ob er tief und fest schläft, fährt der Bus jedoch um eine Kurve, schießt seine Hand an das Gestell des Hackenporsches, damit dieser nicht umfällt.

Die meisten Fahrgäste sind allein unterwegs, dösen und schauen nach draußen. In den Fenstern spiegelt sich das Innere des hell erleuchteten Fahrzeugs. Auf der andere Seite der Scheibe sind die Straßen wie in der Rolandstadt: menschenleer. Erst als der Bus auf die Reeperbahn abbiegt, wird es auf den Straßen voller. Lichter blinken von den Fassaden, Passanten laufen vorüber. Der Bus hält. „Mal gucken, was hier noch so geht“, sagt der HSV-Fan und verabschiedet sich winkend von den Mitfahrern. Nach Hause will er nun anscheinend noch nicht mehr.

70 Minuten braucht der Bus bis Hamburg



Im Bus wird es voller. Ein Musiker mit Gitarrenkoffer steigt gefolgt von Touristen auf dem Weg in ihr Hotel ein. Nach 70 Minuten Fahrzeit schallt die Durchsage „Endhaltestelle“ durch den Bus. Rathausmarkt – nachts treffen sich dort die Buslinien und fahren sternförmig in die Regionen. Alle Fahrgäste steigen aus. Es hat inzwischen angefangen zu schneien, auf dem Boden hat sich eine leichte Schneedecke gebildet.

Sergeev läuft durch den Bus, um nachzusehen, dass keiner der Fahrgäste etwas hat liegen lassen. Er findet nichts und fährt mit dem Fahrzeug auf einen der Pause-Parkplätze. Auf dem Rathausmarkt sind derweil vereinzelt Fußgänger zu sehen. An den verschiedenen Haltestellen stehen Wartende in Trauben.

Um 2.10 Uhr startet die Linie 601 nach Wedel. Vier Fahrgäste steigen ein. „Wie komm’ ich denn zur Holstenstraße? Wahrscheinlich über Altona, oder?“, fragt ein junger Mann mit Kopfhörern. Sergeev nickt. Im hinteren Bereich des Fahrzeugs telefoniert eine Frau leise. Ansonsten herrscht wie auf der Hinfahrt Stille. Der Rückweg führt nicht über die Reeperbahn, sondern durch eine Parallelstraße. An der Kleinen Marienstraße steigt ein Pärchen ein. Sie suchen sich im hinteren Teil des Busses einen Platz. Das Mädchen weint, ihr Begleiter legt einen Arm um sie. Der Busfahrer bekommt davon nicht viel mit. Der ist mit einer Scheibe vom Fahrgastraum abgetrennt. Draußen fallen immer noch kleine Flocken.

Der Fahrer lässt sich nicht ablenken

Das junge Paar streitet nun, immer wieder fordert das Mädchen ihren Partner dazu auf, Stellung zu beziehen. Immer wieder ist ihre Stimme im ganzen Wagen zu hören. Den Fahrer lässt das unbeeindruckt. Routiniert lenkt er den Bus durch die Einbahnstraßen Altonas.

Immer noch fällt Schnee, die Straßen glitzern. Sergeev fährt nun noch umsichtiger, drosselt die Geschwindigkeit und lässt den Bus nur langsam auf Kreuzungen zu rollen. Das streitende Pärchen steigt an der S-Bahnhaltestelle Sülldorf aus. Plötzlich sind nur noch die Lüftung und der Motor zu hören.

Nur noch zwei Fahrgäste – ein Mann und eine Frau – sind im Bus, beide sitzen, den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt, schlafend auf ihren Plätzen. Die Rissener Straßen sind weiß, der Bus das erste Fahrzeug, der Spuren in den Schnee gräbt. Um 3.20 Uhr hält Sergeev plangemäß am Bahnhof Wedel. Verschlafen stehen die Frau und der Mann auf und gehen.

Am Wochenende sei mehr los, sagt Sergeev: „Besonders, wenn die Discos aufhaben.“ Nach einem letzten Kontrollgang durch den Bus fährt er zum Betriebshof nach Schenefeld. Endlich Feierabend.

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