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Ein Erlebnisbericht vom Elbdeich : Endlich wieder Wasser unterm Kiel

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Um 2.20 Uhr liegt das havarierte Schiff wieder in der Fahrrinne. Die Stimmung an Bord bleibt entspannt. Erleichterung in Hetlingen.

von
erstellt am 10.Feb.2016 | 10:00 Uhr

Hamburg/Hetlingen | Bereits vor dem Ortseingang von Hetlingen wird deutlich, wie groß die CSCL Indian Ocean ist. Wie ein Hochhaus ragt das hell erleuchtete Schiff über die Haseldorfer Marsch. Das Dröhnen der Motoren klingt durch die Nacht.

Der Wind rüttelt an den Windjacken der wenigen Schaulustigen, die am Elbdeich in Hetlingen stehen. Es ist zwei Uhr nachts und auf der Elbe wird schwer gearbeitet. Das aufgrund eines Ruderschadens havarierte Containerschiff CSCL Indian Ocean soll nach knapp fünf Tagen auf Grund vor der Elbinsel Lühesand befreit werden. Die Elbe ist für den Schiffsverkehr gesperrt, zwölf Schlepper sind um den 400 Meter langen Containerriesen positioniert, um ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien. Vom Deich aus ist wenig zu erkennen. „Es ist schwer zu sehen, ob sich das Schiff bewegt“, sagt Hans-Jürgen Schult, hinter dem sich seine Frau Sabine vor dem Wind versteckt. Die Haseldorfer haben sich extra einen Wecker gestellt, um die Bergungsaktion zu beobachten. „So was macht man nur als Rentner“, sagt Günther Wulff aus Hetlingen lachend. Er ist ebenfalls mit seiner Frau zum Deich gekommen, um das Manöver zu sehen.

Die zwei Hochleistungsschlepper Faurmount Expedition und Union Manta sollen das Schiff rückwärts zurück in die Fahrrinne ziehen, dabei soll auch das höher als normal erwartete Hochwasser helfen. Weitere zehn Schlepper sind um das Schiff herum positioniert, sie sollen es in Position bringen. „Man muss sich das wie mit einem Brett in der Badewanne vorstellen, wenn man mit dem Finger dagegen stupst, muss man auf der anderen Seite auch stupsen, damit das Brett ruhig liegen bleibt. Jeder einzelne Finger – Schlepper – muss langsam koordiniert werden“, erläutert Ben Lodemann, Ältermann der Lotsenbrüderschaft Elbe, der mit zwei Kollegen an Bord der Indian Ocean im Einsatz ist. „Es ist also nur ganz wenig Bewegung zu sehen“, so der Lotse. Auf dem Deich werden daher immer wieder Smartphones gezückt, denn auf der Webseite des Hafens lässt sich die Position des Containerriesen ermitteln.

Zunächst wird das Schiff um eine Schiffslänge nach hinten geschleppt, dann wird Stück für Stück bugsiert. Um 2.20  Uhr befindet es sich bereits wieder in der Fahrrinne. „Und dann muss das Schleppgeschirr bewegt werden, im strömenden Regen,“ sagt Lodemann. Der Regen hält den Haseldorfer Werner Rißler und den Uetersener Wilfried Ohmsen nicht davon ab, am Elbufer zu stehen. „Wir haben uns gestern Abend getroffen und dann beschlossen herzufahren“, sagt Rißler. Mit Kapuzen und hochgeschlagenen Kragen schauen die Männer auf den scheinbar unbewegten Koloss. Dort wird währenddessen alles für die Fahrt nach Hamburg vorbereitet. Experten müssen das Schiff für die Fahrt in den Hafen freigeben. Das defekte Ruder ist inzwischen repariert. Kurz nach 4 Uhr wird es plötzlich dunkler am Deich. Die Decksbeleuchtung der CSCL Indian Ocean ist aus. Nur noch die Positionsleuchten lassen erahnen, wie groß das Schiff ist. Kurze Zeit später geht es los: Mit der eigenen Maschine und mit Unterstützung von fünf Schleppern setzt sich das Schiff in Bewegung.

Die Indian Ocean liegt nun am Predöhl-Kai im Waltershofer Hafen. Dorthin wurde sie unter anderem von dem Schlepper „Union Manta“ gebracht. (Foto: dpa)
Die Indian Ocean liegt nun am Predöhl-Kai im Waltershofer Hafen. Dorthin wurde sie unter anderem von dem Schlepper „Union Manta“ gebracht. (Foto: dpa)
 

Die Stimmung auf der Brücke des Containerschiffs beschreibt Lodemann als entspannt. „Schließlich gab es im Hintergrund keine Gefahrensituation und wir waren uns zu 97 Prozent sicher, dass es funktionieren wird“, sagt er rückblickend. Der komplizierte Plan, der im Vorfeld ausgearbeitet worden war, mache sich bezahlt und ermögliche eine Bergung ohne Umweltschäden und Unfälle.

Gegen 6.15 Uhr wird laut Havariekommando das Schiff im Hafen in Hamburg-Waltershof festgemacht. Erleichterung herrscht indes auch in Hetlingen, das mit der Bergung um eine Attraktion ärmer geworden ist. 15  000  Fahrzeuge von Schaulustigen zählte die Gemeinde am vergangenen Wochenende im Bereich der Schanze. „Nicht mit eingerechnet sind die Autos, die innerorts geparkt haben“, sagt Bürgermeisterin Monika Riekhof. Übrig bleiben beschädigte Banketten und Grünstreifen mit tiefen Rillen. „Es wurde wirklich alles zugeparkt, ob Naturschutzgebiet oder Kinderspielplatz“, sagt die Bürgermeisterin. Wie hoch die Kosten für die Instandsetzung sein werden, sei noch unklar. „Wir werden uns beraten lassen, wer diese übernimmt“, sagt Riekhof auf Anfrage dieser Zeitung. Die Kosten für die Bergung des Containerschiffes liegen im zweistelligen Millionenbereich, diese müssten von der Versicherung der Reederei übernommen werden, sagt Hans-Werner Monsees, Leiter des Havariekommados, gegenüber der deutschen Presseagentur.

HAVARIE Die Chronologie

Der Containerriese CSCL Indian Ocean lief auf Anraten der Elblosten aufgrund eines technischen Defekts an der Ruderanlage auf der Höhe von Lühesand in der Elbe kontrolliert an den Nordrand der Fahrrinne. Durch das Manöver konnte die Fahrrinne für die Schifffahrt frei gehalten werden, so die Lotsenbrüderschaft Elbe. Noch in der Nacht zu Donnerstag wurde ein erster Versuch unternommen, um das Schiff zurück in die Fahrrinne zu ziehen. Dieser blieb erfolglos. Inzwischen hatte das Havariekommando die Einsatzleitung übernommen. Am Donnerstagabend wurde damit begonnen, Teile des Treibstoffes abzupumpen, um das Gewicht des Schiffes zu verringern. Ziel der Maßnahme war es, das Schiff bis auf die nötigsten Betriebsstoffe zu erleichtern. Insgesamt wurden 6500 Tonnen Brennstoff und Ballastwasser abgepumpt. Am Freitag rückten Baggerschiffe an, um Boden nahe des Havaristen abzutragen und somit den geplanten Schleppversuch für Dienstagmorgen vorzubereiten. Am Wochenende nutzten tausende Schaulustige die Gelegenheit, sich das Schiff aus der Nähe anzuschauen und fuhren nach Lühe in Niedersachen und nach Hetlingen. In der Nacht zu gestern wurde das Schiff letztendlich aus seiner Lage befreit und konnte seine Fahrt in den Hamburger Hafen fortsetzen.

 
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