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Drogensucht finanziert : Elmshorner klaut Rubbellose für über 6000 Euro

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Angeklagte gesteht Taten in Tornesch, Horst, Hamburg und anderen norddeutschen Städten.

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2017 | 10:00 Uhr

Elmshorn | Es ist ein doch sehr unkonventioneller Weg, um an Geld zu gelangen. Knapp drei Monate lang hat ein Elmshorner immer wieder in Lotto-Läden Rubbellose mitgehen lassen. Um die Wahrscheinlichkeit auf einen Gewinn zu erhöhen, nahm er gleich die ganzen Boxen mit, in denen die bunten Pappen auf den Verkaufstresen der Geschäfte angeboten werden. Laut Staatsanwaltschaft stahl er Lose im Wert von knapp 6300 Euro. Aber nach Einschätzungen des Gerichts hat er damit zumindest teilweise seinen Lebensunterhalt bestritten.

Seit Dienstag muss sich der Mann für diese Taten vor dem Amtsgericht Elmshorn verantworten. Die Anklage lautet auf schweren Diebstahl. Zum Prozessauftakt räumte er die Taten in vollem Umfang ein. Er gab an, zu dieser Zeit drogensüchtig gewesen zu sein und sich von dem Geld einen Ersatzstoff für Heroin besorgt zu haben. Wie hoch genau sein Rubbellos-Gewinn war, konnte er nicht mehr sagen.

Für schweren Diebstahl sieht das Strafgesetzbuch drei Monate bis zu zehn Jahre Haft vor. Wie lang der geständige Mann für diese Taten ins Gefängnis muss – wegen einer anderen Verurteilung sitzt er bereits in Kiel im Knast – , ist noch unklar. Weitere Verhandlungstage sind angesetzt. Denn die Beweisaufnahme zog sich zum Prozessauftakt arg in die Länge. Und das auch, weil ein mutmaßlicher Mittäter nicht geständig war.

Der illegale Griff in die Rubbellosbox

Wenn man ein Rubbellos kauft, ist das ein Glücksspiel mit ungewissem Ausgang. Wenn man ganz viele Rubbellose kauft, macht man gemäß dem Gesetz der großen Zahl auch viele Gewinne. Das Problem dabei: Die Herausgeber der Rubbellose, die Lottogesellschaften, zahlen nur 45 Prozent ihrer Einnahmen aus Rubbellosen als Gewinn wieder an die Kunden aus; das Ganze wird also ein Verlustgeschäft. Die Lösung: Man besorge sich die Rubbellose umsonst, indem man sie stiehlt. Jedenfalls hielt Mirko A. (Name von der Redaktion geändert) das für eine gute Idee. 15-mal stahl er 2016 innerhalb eines knappen Vierteljahres Boxen mit Rubbellosen von Tresen in Tabak- und Zeitschriftenläden in Horst, Tornesch, Hamburg, Brunsbüttel und anderen norddeutschen Städten; einmal klappte der Zugriff nicht, weil die Kiste angekettet war. So lautete die Anklage vor dem Elmshorner Schöffengericht.

„Er ist uneingeschränkt geständig“, gab A.s Pflichtverteidiger Gerd Achterberg zu Protokoll. „Er will sich da vor nichts drücken.“ Wie viel der Mann aber mit dieser Masche letztendlich verdient hatte, blieb vor Gericht ungeklärt. Staatsanwältin Hanna Klapetke errechnete einen Gesamtwert in Höhe von etwa 6300 Euro; damit war der Verkaufswert gemeint, meistens ein oder zwei Euro pro Los. Das lässt laut Standardformel Gewinne in Höhe von zirka 2800 Euro erwarten. „Vielleicht mehr, das weiß ich nicht“, sagte A. auf Nachfrage. Aber das Prinzip war auch ihm klar: „Viel weniger, als das kostet.“

Angeklagter brauchte das Geld für Methadon

Angeklagt war die Serie als besonders schwerer Diebstahl, weil die Staatsanwaltschaft davon ausging, dass A. mit den gestohlenen Rubbellosen zumindest teilweise seinen Lebensunterhalt verdiente und demzufolge gewerbsmäßig handelte. Ob er von den erbeuteten Losen einige weitergegeben habe? „Ich habe selber gekratzt, viele waren verloren“, sagte A. über die mühselige Arbeit, sich über viele Nieten zu den Gewinnen vorzutasten. „Ich hatte viel Zeit.“

Was er mit dem Geld gemacht habe? Er sei arbeitslos und drogenabhängig gewesen, das Geld habe er für Methadex – eine Methadon-Variante – ausgegeben und zum Leben. Die Drogen hatten eigenen Angabe zufolge auch sein Gedächtnis zu den Tatorten getrübt. „Wegen der Drogen kann ich mich nicht genau erinnern, welche Dörfer das waren.“ Abgebrochen war A.s Serie, weil er ins Gefängnis musste – allerdings wegen einer anderen Straftat.

A. hatte einen Helfer

So weit, so überschaubar. Aber dann wurde es kompliziert und mühselig im Saal 2 des Elmshorner Amtsgerichts. Denn zwei Stühle neben A. saß Hans F. als Mitangeklagter. Ihm warf die Staatsanwältin vor, in 14 Fällen die Verkäuferinnen abgelenkt zu haben, damit A. sich die Losbox schnappen konnte. F. äußerte sich nicht zu den Vorwürfen und seine Pflichtverteidigerin, Astrid Denecke aus Hamburg, machte sich daran, die Anklage zu zerpflücken. „Dann bleibt uns nichts übrig, als systematisch Fall für Fall durchzugehen“, stellte Richterin Renate Päschke-Jensen fest. „Es ist Fallakte II, die ich mir schnappe, weil das Ziffer 1 ist.“ Stunden verbrachten die Juristen unter der Regie von Päschke-Jensen in der Folge damit, sich durch die Unterlagen zu wühlen. „Die Akten sind etwas unübersichtlich“, konstatierte Staatsanwältin Klapetke. „Es ist nicht eine der einfachsten Akten“, befand auch die Richterin. Gefundenes Futter für Verteidigerin Denecke: „Weil die Polizei alles Mögliche reinschreibt, uns aber die Beweismittel nicht gönnt. Oder sie nicht hat.“

Standbilder aus Überwachungsvideos ohne Zeitstempel, verwirrende Sortierungen der Unterlagen, ein Video, das die Polizei nicht öffnen konnte, weil ein Codec für den Windows-Media-Player fehlte, unklare Angaben zum jeweiligen Wert der gestohlenen Lose, ein fehlendes Video, Bilder aus einer Tankstelle zum Diebstahl aus einem Tabakladen: Das Puzzle gestaltete sich schwierig. „Ich glaube, das habe ich gar nicht verstanden, was das für ein Gutachten ist“, räumte Päschke-Jensen zwischendurch ein. Irgendwann wurde die eigentlich konziliante Richterin ungehalten: „In einer Hauptverhandlung muss an Beweisen vorliegen, was es gibt.“

Für den Prozess vor dem Elmshorner Gericht sind zunächst zwei weitere Verhandlungstage angesetzt.

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