42 Mal im Dienste der Demokratie : Ellerbekerin ist seit 1957 aktive Wahlhelferin

Den eigenen Ort im Herzen, die Weltpolitik im Blick: Urselmarie Oberbeck-Jacobs auf ihrem heimischen Sofa in Ellerbek.

Den eigenen Ort im Herzen, die Weltpolitik im Blick: Urselmarie Oberbeck-Jacobs auf ihrem heimischen Sofa in Ellerbek.

Urselmarie Oberbeck-Jacobs aus Ellerbek ist schon seit dem Jahr 1957 als Wahlhelferin aktiv.

shz.de von
25. März 2017, 15:00 Uhr

Ellerbek | Kanzler kamen und gingen. Immer ging auf dem weg zu neuen Koalitionen und Regierungen ein Teil der Wahlzettel durch die Hände von Urselmarie Oberbeck-Jacobs. Und wenn die Ellerbekerin in diesem Jahr im Dezember ihren 90. Geburtstag feiert, dann will sie ihre Wahlen Nummer 41 und 42 hinter sich gebracht haben – so oft war sie als Wahlhelferin aktiv.

Als Wahlhelfer können sich alle wahlberechtigten Bürger melden. Lassen sich in einer Gemeinde nicht ausreichend Freiwillige registrieren, können die Verwaltungen Wahlberechtigte zu der ehrenamtlichen Arbeit verpflichten. Wahlhelfer erhalten in der Regel als Ausgleich für ihre Arbeit Snacks und Getränke für den Tag und eine Aufwandsentschädigung. Dieses Erfrischungsgeld unterscheidet sich in den Bundesländern und liegt in Schleswig-Holstein bei 30 Euro.

„Es ist die Sache, nicht die Geselligkeit“, macht die gebürtige Braunschweigerin im Gespräch deutlich. „Ich strebe auch nicht nach Ämtern. Ich will nur, dass die Sache funktioniert.“ Und mit „die Sache“ meint sie nichts Geringeres als die Demokratie in diesem Land. Bei all ihrer inneren Verpflichtung zur Arbeit als Wahlhelferin im Speziellen und ehrenamtlichem Engagement im Allgemeinen: Es begann als Pflicht. 1956 startete ihre Referendarzeit in Hannover für das Lehramt in Deutsch, Geschichte und Geographie. „Und als angehende Beamte mussten wir unseren Arbeitgeber – den Staat – als Wahlhelfer unterstützen.“ 1957 gab sie demzufolge das erste Mal Wahlbögen aus, sorgte für den ordnungsgemäßen Ablauf des Wahltages und zählte nach 18 Uhr die Stimmen. Bei ihrer Premiere wurde Konrad Adenauer zum dritten Mal zum Bundeskanzler gewählt. Sie war auch dabei, als  Helmut Kohl 1983 nach Helmut Schmidts gescheiterter Vertrauensfrage die Mehrheit erreichte. Ebenso als 1998 Gerhard Schröder dann Kohl nach 16 Jahren im Amt ablöste. Oberbeck-Jacobs promovierte in Geographie und zog mit ihrem Mann von Hannover nach Ellerbek. Vier Kinder hat sie und inzwischen sieben Enkel. Ihr ehrenamtliches Engagement blieb: „Egal ob zu Adenauers Zeiten oder jetzt: Der Ablauf ist eigentlich immer der gleiche.“ Und so wird wohl auch bei der Landtagswahl am 7. Mai und der Bundestagswahl am 24. September dieses Jahres der Wahltag für sie und die anderen Helfer um 7.30 Uhr im Wahllokal beginnen. „Wir gucken dann, ob alles da ist und besprechen, wer und wann jeder Pause machen kann.“

Es gebe immer ein paar Leute, die um 8 Uhr, wenn die Lokale öffnen, vor der Tür stehen und schon warten. Dann folge in der Regel eine Pause, so Oberbeck-Jacobs: „Vormittags geht es meist eher kleckerweise voran. Einen Schub gibt es dann nach dem Mittagessen und noch einmal nach Kaffee-und-Kuchen.“ Und um kurz vor 18 Uhr kommen noch die Spätstarter. „Aber egal was ist: Um Punkt 18 Uhr machen wir die Türen dicht.“  Dann startet das Helfer-Team mit dem Auszählen.

„Dann kannst du nochmal von vorn anfangen“

Tagsüber habe es im Wahllokal beim Ellerbeker Seniorentreff bisher laut Oberbeck-Jacobs keine Probleme gegeben: „Wir haben nur manchmal die Diskussion, ob jemand seinen Hunde mit in die Wahlkabine nehmen darf.“ Die Stimmauszählung dauere manches Mal bis spät in die Nacht: „Wenn irgendwelche Unstimmigkeiten auftauchen dann braucht es manchmal Stunden, bis der Fehler entdeckt ist“, erzählt die 89-Jährige: „Irgendwas passt nicht zusammen: Es sind zum Beispiel mehr Zettel ausgezählt als auf der Wahlliste stehen. Dann kannst du eigentlich nochmal von vorn anfangen.“

Nach jeder Frage vergeht eine Sekunde, bevor Urselmarie Oberbeck-Jacobs antwortet. Nicht, weil sie keine Antwort parat hat. Vielmehr weil die wortgewandte und elegant gekleidete Frau nicht einfach drauflosreden will, sondern ihre Worte kurz arrangiert. Auf ihren Lokalpatriotismus angesprochen sagt sie: „Man sollte sich in seiner Umgebung dem Gemeinwesen grundsätzlich öffnen. Nur öffnen – egal, wie sehr man sich dann nachher beteiligt.“ Die Ellerbekerin hat sich in den meisten Fällen für das ehrenamtliche Engagement entschieden. Sie ist dabei nicht nur Wahlhelferin: Die heute 89-Jährige war lange Jahre Elternratsvorsitzende am Johannes-Brahms-Gymnasium, engagiert sich heute im Seniorentreff der Gemeinde und gibt Schreib-Unterricht für Flüchtlinge. „Und bevor mir langweilig wird, habe ich ja immer noch meinen Garten.“

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