Einklang für Rechte und Religion

Die Gleichstellungsbeauftragte Deborah Azzab-Robinson glaubt, dass die Integration gelingt.
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Die Gleichstellungsbeauftragte Deborah Azzab-Robinson glaubt, dass die Integration gelingt.

Deborah Azzab-Robinson ist Pinnebergs Gleichstellungsbeauftragte und wünscht sich eine offene Gesellschaft

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31. Januar 2018, 16:00 Uhr

Nach den großen Flüchtlingsströmen, der Registrierung und Unterbringung hat jetzt die Zeit der tatsächlichen Integration für die Geflüchteten begonnen. Aber die Vorstellung, wie es laufen sollte, weicht manchmal von der Realität ab. Wie gelingt die Integration in Pinneberg? Heute erläutert Pinnebergs Gleichstellungsbeauftragte Deborah Azzab-Robinson ihre Arbeit.

Geflüchtete Frauen haben andere Probleme als geflüchtete Männer. „Sie haben eine ähnlich hohe Bleibeabsicht und Teilhabemotivation“, bestätigt zwar der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein, aber wenn sie in Familien eingebettet seien, hingen ihre Integrationsstrategien stark vom Wohl der anderen Familienmitglieder ab. Im Klartext: Erst alle anderen, dann die Frauen.

Das Klischee der generell dienenden, unterdrückten Frauen stimme aber nicht immer, die Realität sei vielschichtiger. Pinnebergs Gleichstellungsbeauftragte Deborah Azzab-Robinson sagt: „Der Vater meiner Kinder ist Ägypter. Ich habe lange und gründliche Einblicke in islamische Familienstrukturen bekommen und Frauen in Machtpositionen erlebt, die wir nicht kennen. Im Rahmen dessen hat die Frau mehr zu bestimmen als ihr Mann oder Sohn.“

Der Wirkungskreis vieler geflüchteter Frauen in Pinneberg sei allerdings zunächst traditionell auf das Haus beschränkt. Das werde unserem westlichen Bild von Gleichberechtigung und Integration natürlich nicht gerecht. „Aber auch bei uns ist Gleichstellung noch nicht erreicht und die Familien- und Sorgearbeit liegt hauptsächlich bei Frauen. So ist die Aufgabe der Gleichstellung durch Flucht- und Migrationsbewegungen vielfältiger geworden und eine große Herausforderung“, sagt Azzab-Robinson. Die geflüchteten Frauen hätten in der Anfangszeit in Pinneberg aber auch Vorteile: „Im Gegensatz zu vielen ihrer Männer haben sie ihre täglichen Funktionen und Aufgaben nach der Flucht nicht verloren. Sie sorgen für die Familie, kochen und machen den Haushalt. Das ist ein bisschen Normalität im Chaos und der Ungewissheit über die Zukunft.“

Die geflüchteten Frauen sind in der Stadt unsichtbarer als die geflüchteten Männer. Das liege zum einen daran, dass die Frauen sich generell seltener draußen aufhielten, aber auch daran, dass es in Pinneberg einfach viel weniger von ihnen gibt, so die Gleichstellungsbeauftragte.

In Schleswig-Holstein seien es rund 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen – „ein Verhältnis, das auch auf Pinneberg passt“. Die meisten sind im erwerbsfähigen Alter, doch viele Frauen sind Mütter, hätten keinen Schulabschluss und keine unmittelbaren Berufsperspektiven. „Aber sie nehmen an den angebotenen Sprach- und Orientierungskursen teil“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Das Hauptproblem vieler geflüchteter Frauen sei derzeit auch gar nicht die Arbeit, sondern eine vernünftige Wohnung zum Leben.

Die Pinneberger Gleichstellungsbeauftragte hat in Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsbeauftragten ein Gewaltschutzkonzept mit Berücksichtigung von Frauenbelangen erarbeitet, das über Pinneberg hinaus in zahlreiche Konzepte in Schleswig-Holstein eingeflossen ist. Außerdem arbeitet Azzab-Robinson in interdisziplinären, fachlichen Netzwerken mit: „Auch die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, der Flüchtlingsbeauftragten, dem Frauennetzwerk und dem Frauenhaus läuft in Sachen Gewaltprävention in Pinneberg sehr gut.“

Dass die Integration in Pinneberg gelingen wird, ist keine Frage für die Gleichstellungsbeauftragte. Ihre Vorstellung: „Ich will eine Gesellschaft, in der die Grundrechte der Gleichstellung und Religion im Einklang gelebt werden.“ In ihrer Vision ist die Besetzung des Parlamentes ein Spiegel der unterschiedlichen Menschen: „Viele der Geflüchteten werden Migranten und später auch Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. „Und eines Tages werden auch ihre Töchter in unserer Ratsversammlung sitzen. Dieses Selbstverständnis wünsche ich mir.“

Im nächsten Teil unserer Serie am Mittwoch, 7. Februar, geht es um Angebote im Geschwister-Scholl-Haus.

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