Eine Turnhalle für „Hochschnutige“

Die Ernst-Paasch-Halle wie die Künstlerin Imke Stotz sie sieht.
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Die Ernst-Paasch-Halle wie die Künstlerin Imke Stotz sie sieht.

Neue Serie: Künstlerin zeigt denkmalgeschützte Gebäude von ihrer bunten Seite / Start mit der Ernst-Paasch-Halle

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23. Juli 2018, 16:00 Uhr

Der Wasserturm, das Hotel Cap Polonio, die Drostei, die Paasch-Halle und auch die Christuskirche an der Bahnhofstraße – wie oft geht man an diesen denkmalgeschützten Gebäuden in Pinneberg vorbei, ohne sie wahrzunehmen oder zu wissen, was hinter diesen Mauern ist. Die Künstlerin Imke Stotz (Foto) hat die denkmalgeschützten Gebäude in Aquarellfarben festgehalten. Stotz’ Tochter Helen Stotz (Foto unten) liefert als Kontrast zu den bunten Bildern jeweils streng komponierte Fotos von den Originalbauwerken in klassischem SchwarzWeiß. Elf Pinneberger Gebäude werden im Laufe der Serie vorgestellt.

Auf den ersten Blick erinnert der rote Backsteinbau mit den weißen Verzierungen, der Eingangstür und den zwei flankierenden Erdgeschossfenstern mit den Stichbögen ein wenig an ein Lebkuchenhaus. Betrachtet man das Bauwerk von der Seite, fällt auf, dass es quergestellt ist und sich an den zweigeschossigen Vorbau eine lange Halle anschließt. Man mag es kaum glauben, aber es handelt sich um eine Turnhalle.

Die Rede ist von der Ernst-Paasch-Halle (EPH) in der Lindenstraße. Und tatsächlich, über den Fenstern ist der Schriftzug „Frisch, frei, fröhlich, fromm“ zu lesen. Ein Zitat von Turnvater Friedrich Ludwig Jahn. Mit dem in der Tiefe dreifach gestalteten, stilisierten Bogen und dem Dachtraufgesims mit Deutschem Band, den Strebepfeilern und dem Vollmauerwerk ist sie ein Zeugnis der Architektur und Handwerkskunst in der wilhelminischen Zeit. Für die Denkmalschutzbehörde hat das Backsteingebäude einen städtebaulichen und geschichtlichen Wert. Deswegen ließ sie es auch unter Denkmalschutz stellen.

Der Industrielle Herman Wupperman ließ die Turnhalle 1891 in neugotischem Stil errichten. Wie kein anderer prägte Wupperman übrigens das Stadtbild Pinnebergs: 1878 übernahm der in Texas geborene Unternehmer das Union-Eisenwerk. Er baute die Fabrik zu einem der größten Emaillierwerke Europas aus. „Großen Anklang fanden die zahlreichen Werkswohnungen an Peiner Weg, Hermanstraße, Ottostraße und Prisdorfer Straße, deren Miete – wöchentlich 2,90 Mark – 30 Prozent unter der in Pinneberg üblichen Miete lag“, schreibt der Historiker Frank Neumann in einem Beitrag für das Pinneberg Museum.

Doch zurück zur Turnhalle: Um seinen Werksangehörigen Betreuungsangebote zu machen, wurde auf Wuppermans Anregung hin der Betriebssportverein Union gegründet. Zunächst durften nur die Angestellten und Meister, die so genannten „Hochschnutigen“, Mitglieder werden und in der Ernst-Paasch-Halle trainieren. Der Betriebssportverein Union ging später in den VfL Pinneberg über, Ernst Paasch, nach dem das Gebäude benannt wurde, war einst Trainer des VfL.

Als Turnhalle wird das Gebäude jedoch längst nicht mehr genutzt. Das Forum-Theater veranstaltete hier viele Jahre lang seine Aufführungen und lagerte seine Kostüme und Requisiten. Seit 2017 ist das denkmalgeschützte Gebäude gesperrt. Die Tragfähigkeit des Daches ist nicht mehr gewährleistet, ermittelte ein Statiker, der den Bau im Auftrag des Kommunalen Servicebetriebs begutachtete. Der Putz bröckelt von dem 127 Jahre alten Bauwerk. Auch der Brandschutz entspricht nicht heutigen Sicherheitsstandards. Die altehrwürdige Ernst-Paasch-Halle muss also dringend saniert werden.

Doch die Renovierung lässt auf sich warten: Die Zukunft der EPH ist ein Thema, das die örtlichen Gremien nunmehr seit 2011 beschäftigt. „Es ist an der Zeit, im Sinne der Kulturschaffenden endlich zu einem verlässlichen Ergebnis zu kommen“, sagt Herbert Hoffmann, kulturpolitischer Sprecher der Pinneberger SPD. Mindestens einen Umzugskarton an Unterlagen könnte Hoffmann zusammentragen.

2015 gab es Bestrebungen, dass die Neue GewoGe das Gebäude zu einem Kulturzentrum umbaut. Die Wohnungsbaugenossenschaft rechnete damals mit einem Investitionsvolumen von 2,1 Millionen Euro. Doch diese Pläne sind begraben. Einig sind sich die Politiker darin, dass die EPH ein Kulturzentrum werden soll. Doch das ist schwieriger als gedacht. Laut Verwaltung ist der Umbau zu einem Kulturzentrum mit großen finanziellen Hürden verbunden.

Die Stadt hatte sich 2011 gegenüber dem Land verpflichtet, die Ernst-Paasch-Halle als Sportstätte aufzugeben. Dafür gab es Landeszuschüsse für die neue, 3,2 Millionen Euro teure Sporthalle an der Johannes-Brahms-Schule. Die Verwaltung befürchtet, dass die 2013 erhaltenen Zuschüsse, die aufgrund energetischer Einsparungen bewilligt worden waren, wieder zurückgezahlt werden müssten, wenn die EPH in ein Kulturzentrum umgewandelt wird, denn durch die dort stattfindenden Veranstaltungen würden die Betriebskosten steigen. Der Amtsschimmel wiehert.

Vielleicht tut sich bald etwas. So soll es laut Bürgermeisterin Urte Steinberg einen Investor geben, der ein Konzept für die Paasch-Halle erstellt. Nach der Sommerpause sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Am Freitag wirft unsere Zeitung einen Blick auf die Christuskirche.


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