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Pinneberger Tageblatt

17. Oktober 2017 | 10:02 Uhr

Eckernförde : Eine Französin macht alle platt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Französin Freia Groth spricht Platt – so gut, dass sie Mitschüler und Lehrer auf einer Pariser Eliteschule damit beeindruckte. Ihr Eckernförder Großvater gehört zu den erfolgreichsten plattdeutschen Autoren.

shz.de von
erstellt am 08.Aug.2014 | 19:33 Uhr

Eckernförde | Die 18-jährige Französin Freia Groth dürfte jungen deutschen Abiturienten nicht nur wegen ihres attraktiven Aussehens den Kopf verdrehen. Sollten hiesige Schüler sie mit Schul-Französisch ansprechen, wird sie in perfektem, akzentfreiem Deutsch antworten. Mehr noch. Freia, die gerade auf der Eliteschule Henri IV. ihr Abitur gemacht hat, könnte ihre deutschen Altersgenossen zum Beispiel mit Klaus Groths berühmtem Gedicht „Mien Moderspraak“ und einem kleinen plattdeutschen Exkurs den Verstand rauben.

Die Pariserin besucht zur Zeit mit ihren drei jüngeren Schwestern, ihrer französischen Mutter und dem deutschen Vater die Großeltern in Eckernförde. Jedes Jahr in den Sommerferien ist die Familie dort zu Gast. Im letzten Jahr nahm Freia am Ende der Ferien von Großvater Karl-Heinz Groth gleich mehrere Bücher zum Niederdeutschen mit nach Frankreich. Groth selbst, der bis zu seiner Pensionierung einer der dienstältesten und bekanntesten Schulleiter in Schleswig-Holstein war, schmunzelte nur. Er gehört bis heute zu den erfolgreichsten plattdeutschen Autoren im Land.

Dass die Enkelin ein Jahr später auf dem Pariser Gymnasium die mündliche Prüfung mit einem in deutscher Sprache gehaltenen Vortrag zur Entwicklung von Minderheitensprachen am Beispiel des Niederdeutschen halten sollte, ahnte er nicht. Freia glänzte mit der höchsten Punktzahl – einer glatten Eins. Als Überraschung erschien zur ihrer Abitur- und Geburtstagsfeier im Pariser Vorort Arras der Großvater aus dem hohen Norden.

Wenn der Großvater und die hübsche Enkelin sich gegenseitig Noten geben sollen, wer denn die jeweils andere Sprache besser beherrsche, schneidet Freia einen Tick besser ab. „Glatte Eins“, sagt Karl-Heinz Groth zum Deutsch seiner Enkelin. Diese wiederum attestiert ihrem Opa, bei ihrer besagten Party in Arras eine fast perfekte Rede gehalten zu haben. Sogar gesungen habe er in französischer Sprache. „Dafür vergebe ich 18 von 20 möglichen Punkten“, lacht sie.

Und ihr Vater Thorsten Groth lacht als Dritter im Bunde mit. Thorsten Groth hat an sein eigenes Abitur und den Sommer 1989 in weniger guter Erinnerung. Kopfschmerzen plagten ihn. Als der Schmerz auch nach erfolgreicher Reifeprüfung anhielt und er zum Arzt ging, kam die niederschmetternde Diagnose: bösartiger Gehirntumor. Bei der Operation im Universitätsklinikum Kiel ging es um Leben und Tod. Nach der folgenden Chemotherapie kämpfte sich der junge, sportbegeisterte 20-Jährige ins Leben zurück. Sprache, Bewegungsabläufe – alles musste neu erlernt werden. Bei diesem Kampf traf er seine spätere Frau Ann, die ein Praktikum als Austauschlehrerin absolvierte.

Der heute 45-Jährige lebt mit seiner französischen Frau und den vier Töchtern mitten in Paris und hat sich dort als Handballtrainer und Schiedsrichter einen Namen gemacht. Aber er ist Norddeutscher geblieben. „Ich gehe auch gern bei Regen am Ostseestrand spazieren“, sagt er, was seine Tochter nun ganz und gar nicht verstehen kann. Da reizen sie schon mehr der deutsche Kuchen und das Schwarzbrot. Dafür sei der Käse in Frankreich eindeutig besser.

Während Großvater Karl-Heinz Groth strahlt, wenn die Enkelin erzählt, dass sie lieber Bücher (auf Papier, bitteschön!) liest als nur am Computer zu hängen, freut sich Sohn Thorsten auf zwei Handballspiele, die er während der Ferienzeit in Eckernförde als Gastschiedsrichter pfeifen werde.

Freia Groth dagegen wird erstmals in diesem Jahr vorzeitig aufbrechen und allein zu einem Sommerurlaub nach Sizilien aufbrechen. Nach den Ferien wird es schließlich schwer genug. Dann bereitet sie sich auf einen Wettbewerb vor, um einen Platz bei einer der französischen Elite-Hochschulen zu erobern. Auf etwa 70 zu vergebene Plätze kommen gut 900 Kandidaten.

Ja, sie kann sich vorstellen, eines Tages wie ihr Großvater Bücher zu schreiben. Nur nicht in plattdeutsch. Ob sie dagegen etwas in Französisch, Deutsch oder Englisch verfassen würde, sei offen. Auch eine Berufskarriere als Lehrerin sei denkbar. „Bloß nicht“, sagt die Mutter, die in Paris Deutsch unterrichtet. „Ach“, lacht der Großvater, „in diesen Beruf bin ich auch einfach so hineingeschlittert. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes werden.“ Freias Vater Thorsten, der am eigenen Leib erfahren hat, wie sich das Leben von heute auf morgen ändern kann, hört gelassen zu. „Hauptsache, Du bist glücklich“, sagt er zu seiner Tochter

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